Beethoven in der Sommerflaute

Die Regierung haben sie der Stadt schon weggenommen. Und jetzt soll sie auch noch auf ihren berühmtesten Sohn verzichten? Da gehen die Bonner aber endgültig auf die Barrikaden.

Wien, München, Hamburg - damit könnte man sich ja vielleicht noch arrangieren. Doch den Anspruch, die Geburtsstadt Ludwig van Beethovens zu sein, erhebt ausgerechnet Zutphen. Zutphen in den Niederlanden. Ein Ort, den viele Nordseestrand-Besucher aus dem Ruhrgebiet - die stellen nämlich den größten Anteil der Sommerfrischler an Hollands Nordseeküste - nicht mal vom Vorbeifahren kennen.
Beethoven - ein Niederländer? Nun, prinzipiell wäre das ja nichts Schlimmes; Rudi Carrell war ein netter Kerl, und Mozart ist ja auch Österreicher und trotzdem in Deutschland nicht ganz unbekannt. Abgesehen davon könnten der Name sowie das niederländische Adelsprädikat auch Hinweise auf eine Geburt jenseits der Grenze sein. Und tatsächlich - ein bisschen was Holländisches oder besser: Flämisches ist ja auch drin in Beethovens Genen; immerhin stammen die väterlichen Vorfahren des Musikers aus dem brabantischen Mechelen. Was die Belgier allerdings bislang noch nicht als Vorwand genommen haben, Beethovens Start ins Leben für sich zu beanspruchen.
Zurück nach Zutphen. Wo das liegt? In der Provinz Geldern, etwa 30 Kilometer nordöstlich von Arnheim. Unter den derzeit gut 40 000 Einwohnern gibt es Berühmtheiten wie Sikko Popta Haak, Année Rinzes de Jong oder Mirte Roelvink. Klar, dass zu dem (in der Reihenfolge ihres Erwähntseins) Pädagogen, dem Pfarrer und Anarchisten (eine wohl nur in den Niederlanden mögliche Kombination) und der Nationalfußballspielerin aus der A-Mannschaft ein Schwergewicht wie Beethoven sehr gut passt, das sie allerdings auch alle in den alle in den Schatten stellen würde. Und das könnt ihr, Zutphener Berühmtheiten, doch nicht wirklich wollen!
Wer sich über die Beethoven'schen Vereinnahmungstendenzen besonders echauffiert, ist - natürlich - in lokalpatriotischer Aufregung der Bonner Generalanzeiger. Es gibt, schreibt das Blatt, einen Bericht von De Volkskrant zitierend, ein "neues Museum in der Stadt, in der Beethoven vielleicht doch geboren wurde". Der Zutphener Museumsdirektor Jurn Buisman sagt laut Volkskrant: "Beethoven selbst hat immer behauptet, dass er nicht 1770, sondern 1772 geboren wurde. Nun, es gibt Hinweise, dass seine Eltern 1772 mit einer Musikgesellschaft in Zutphen waren und dass damals ein Ludwig geboren wurde im französischen Gasthof der Stadt." "Alles Quatsch!", schnaubt der Generalanzeiger und lässt die Leiterin des Bonner Beethoven-Archivs, Christine Siegert, zu Wort kommen: "Die Geschichte ist schon älter, kommt immer wieder hoch", erklärt sie pikiert. "Ich verstehe das nicht. Der Eintrag zu Ludwig van Beethoven weist klar den 17. Dezember 1770 als Tauftag aus. Das Argument, Beethoven habe noch einen älteren Bruder gehabt und sein Taufeintrag müsse eigentlich diesem zugeordnet werden, geht also fehl, da dessen Lebensdaten ebenfalls dokumentarisch belegt werden können."
Schluss, Punkt, aus. "M'r loße d'r Dom in Kölle", sangen die Bläck Fööß, und das gilt, mutatis mutandis, selbstverständlich auch für Bonn und Beethoven. Wahrscheinlich ist die ganze Aufregung nur dem berühmt-berüchtigten Sommerloch geschuldet, in das offenbar auch niederländische Zeitungen um diese Jahreszeit mitunter hineinstolpern.
Genau wie vermutlich auch die AfD, der zwar immer wieder - horribile dictu! - zweistellige Zuwachsraten für die kommende Bundestagswahl vorhergesagt werden (wenn auch nur im Osten), die aber trotzdem wieder ins Gerede kommen will, weil das mit den vielen Migranten, die Deutschland kaputtmachen, rechts außen nicht mehr so recht zieht. Also zieht AfD-Noch-Chefin Frauke Petry übers Fernsehprogramm her. Viele Sendungen pausierten während der Sommerpause, meckert die geschiedene Pfarrersfrau mit fünf Kindern, außerdem gebe es Wiederholungen am laufenden Band. "Kurz gesagt, die Verantwortlichen präsentieren die Programm-Sommerflaute schlechthin", erklärt Medien-Expertin Petry. Vor diesem Hintergrund fordere die AfD eine "Sommerpause" für Rundfunkbeitragszahler.
"Einen so unausgegorenen Blödsinn kann nur eine Politikerin von sich geben, die wider besseres Wissen auf Stimmenfang am deutschen Stammtisch aus ist", keilte Frank Überall, Bundesvorsitzender des Deutschen Journalisten-Verbands, zurück und fordert "die Sommerpause für unüberlegte AfD-Vorschläge zum Rundfunk". Wobei: "unüberlegte AfD-Vorschläge" - ist das, rhetorisch betrachtet, nicht ein weißer Schimmel? no/dpa

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