Beherzte Kämpfer für zeitgenössische Kunst

Beherzte Kämpfer für zeitgenössische Kunst

Sie sind eine unverzichtbare Säule der zeitgenössischen Trierer Kunstszene und engagierte Streiter für eine lebendige Auseinandersetzung mit Gegenwartskunst. Die Junge Kunst feiert ihren 30. Geburtstag.

Trier. Sie waren ihrer Zeit voraus. Lange bevor sich Museumsdirektoren und Kulturveranstalter aller Art den Kopf darüber zerbrachen, wie man Schwellenängste bekämpft, haben sie einfach die Schwellen weggelassen. Drei Jahrzehnte ist es her, dass sich fünf beherzte Trierer in der etwas abseits gelegenen Karl-Marx-Straße ein leerstehendes Ladenlokal mieteten, um dort ihre Ausstellungen zu präsentieren.
Auch wenn die neue Galerie Kaleidoskop, aus der 1995 die Junge Kunst wurde, feste Öffnungszeiten hat, das wandhohe Schaufenster stellt sicher: solange es hell ist (oder der Raum erleuchtet), gibt es Kunst für jedermann. Ob man nur eben mal vorbeigeht, in der Schlange an der Ampel steht oder gegenüber gebrauchte Kühlschränke begutachtet: der Blick ins Kunstschaufenster ist unvermeidlich.
Respektable 30 Jahre besteht die Galerie. Jedwede wohlmeinende Verhübschung blieb ihr erspart. Im Gegenteil: der knarrende Holzfußboden, die betulichen Buntglasfenster mit ihren altmodischen Griffen sind heute als "shabby chic" wieder "in". Freude über die Lebenskraft der Galerie und ihres Trägervereins herrscht in diesen Jubiläumstagen auch bei den beiden Leitern.
Stolz, überlebt zu haben


"Wir sind stolz darauf, dass wir 30 Jahre durchgehalten haben", erklärt Britta Deutsch. Gemeinsam mit ihrem Künstlerkollegen Stefan Philipps steht die Bildhauerin dem Verein seit 2009 vor. Selbstverständlich war das Überleben nicht. Ist doch in den vergangenen drei Jahrzehnten in Trier vieles von dem gestorben, was einst eine vitale zeitgenössische Kunstszene ausmachte. Geschichte sind die lebendigen "Trierer Kunsttage" genauso wie der "Saisonstart Trie-rer Galerien".
Die beiden einzigen privaten Galerien für zeitgenössische Kunst haben längst ihren Betrieb eingestellt. Und auch Museen wie das Simeonstift und das Museum am Dom beteiligen sich kaum noch an der Auseinandersetzung um Gegenwartskunst. Dabei ist solche Reibung lebenswichtig, um Funken zu schlagen und neues Feuer zu entfachen. Dem verdankt sich schließlich die Junge Kunst selbst.
Eigentlich war es Zorn, der Rainer Czech, Werner Müller, Sigi Feid, Bernd Sauerborn und Hartmut Weber 1985 befeuerte, ihr eigenes Galerie-Ding zu machen. Sie waren - kurz gesagt - bei der traditionellen Jahresausstellung der Trierer Gesellschaft für Bildende Kunst rausgeflogen. "Die eigene Galerie und der Kunstverein waren unser Protest gegen die Ausgrenzung", erinnert sich Sauerborn. Risikofreudig und keiner Kontroverse abgeneigt begann die neue Galerie ihre Arbeit. Da gab man auch mal gern das "Enfant terrible" und stürmte das Rathaus, um dem amtierenden Kulturdezernenten das Mikrofon aus der Hand zu reißen. Zu feiern verstehen die "Jungen Künstler" auch, etwa beim zehnten Geburtstag der Galerie. In einer Mischung aus Happening und Kindergeburtstag durften die Gäste aus Tesafilmbüchsen Seifenblasen in den Raum blasen, während Gründungsvater Sigi Feid als Ritter in Tesafilmrüstung auftrat. Dazu spielte eine Geige so herrlich schräg, dass, wie der TV berichtete, "nur Pedanten oder Philister richtige Töne verlangen konnten".
Engagiert, mutig und umtriebig ist die Junge Kunst heute eine unverzichtbare Säule im Trierer Kunstbetrieb. Gut besucht sind ihre Vernissagen. Besonders eindrücklich geraten stets die großen Rauminstallationen, wie die aus dem Sommerschlaf geholten Weihnachtsbeleuchtungen von Eberhard Bosslet (siehe Foto), die Leuchtröhren der Koreanerin Gisoo Kim, aber auch Sebastian Böhms "Schwarzspiegel".
Braver ist man allerdings mit den Jahren auch geworden. "Uns geht es in erster Linie um Qualität", sagt Stefan Philipps. Auch den Begriff "Junge Kunst" wollen Philipps und Deutsch nicht mehr am Alter festmachen, sondern an einer frischen zeitgenössischen Bildsprache.
Schwierig bleibt die wirtschaftliche Lage des 70 Mitglieder zählenden Vereins, der lediglich von der Stadt einen Mietzuschuss von 4000 Euro erhält. Alles andere muss aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden finanziert werden. Voller Lob ist die Doppelspitze für die Zusammenarbeit im Verein. "Wir empfinden es als besonders schön, dass wir uns alle so gut verstehen."Extra

Zum Geburtstag wird nicht zurückgeblickt. Statt einer Retrospektive bislang ausgestellter Künstler richtet die Galerie Junge Kunst in der Tufa eine Jubiläumsausstellung mit Werken von Barbara Hindahl aus, zu sehen bis zum 5. April. Vernissage ist heute, Freitag, 6. März, 20 Uhr. Öffnungszeiten: Di., Mi., Fr.: 14 bis 17 Uhr, Do.: 17 bis 20 Uhr, Sa., So.: 11 bis 17 Uhr, Telefon 0651/718-2412 er

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