"Bei Goethe kann ich die Sau rauslassen"

"Bei Goethe kann ich die Sau rauslassen"

Seine Kinorollen in "Kaspar Hauser" und "Schlafes Bruder" haben André Eisermann international bekannt gemacht. Am 29. April kommt der Schauspieler mit dem Programm "Goethe. Werther. Eisermann." in die Trierer Tuchfabrik. Damit will er die Zuschauer zum Lachen, Weinen und Nachdenken bringen.

Trier. Für André Eisermann ist Goethes Briefroman "Die Leiden des jungen Werther" von 1774 ein "guter Stoff", um auf der Bühne so richtig "die Sau rauszulassen". In seinem Programm "Goethe. Werther. Eisermann." trägt der Schauspieler Passagen aus dem Literaturklassiker vor und schlüpft dabei voll und ganz in die Rolle des verzweifelt verliebten Rechtspraktikanten. Begleitet wird er von Jakob Vinje am Klavier. Mit TV-Redakteurin Christa Weber hat Eisermann über seine Show, die Aktualität des Romans und die Licht- und Schattenseiten des Schauspielerdaseins gesprochen. Sie nennen Ihr Programm nicht "Lesung", sondern "spoken word performance". Was muss man sich darunter vorstellen?André Eisermann: Das ist einfach Englisch für die "Darstellung des gesprochenen Worts". Nichts anderes machen wir: Ich stelle die Worte Goethes dar, jedes Komma, jeden Buchstaben. Ich nehme die Sprache ernst - und mache eine Literaturshow daraus. Anfangs haben sich manche daran gestört: Ein englischer Begriff für ein deutsches Werk von Goethe … Aber es hat auch viele neugierig gemacht.Mit dem "Werther" haben Sie sich einen Literaturklassiker ausgewählt. Was macht diesen Text heute noch so spannend? Eisermann: In erster Linie macht es uns tierisch Spaß. Anders als bei Drehbüchern oder Projekten, die man sonst so angeboten bekommt und die oft so sinnlos sind, habe ich hier einen echt guten Stoff. Da kann ich als Schauspieler die Sau rauslassen. Das ist Pathos pur, das ist Popkultur. Da geht\'s ab. Da ist ein verknallter Junge, der nicht wahrhaben will, dass das Mädchen vergeben ist. Und der bitter enttäuscht wird. Das geht doch vielen so, dass sie alles in den Partner projizieren und dann enttäuscht werden. Der Schmerz, der folgt, ist ein Gefühl, das auch heute jeder kennt.Sie haben vor diesem Interview von Umfragen erzählt, bei denen junge Leute nach dem "Werther" gefragt wurden und den Roman nicht kannten. Macht Sie das betroffen?Eisermann: Das macht mich weniger betroffen, viel mehr, dass die Menschen nicht mehr so anspruchsvoll sind. Dass man nichts mehr können muss, um berühmt zu werden. Dass man beim Fernsehen oft verantwortungslos mit Menschen umgeht. Vieles ist sarkastisch, hämisch, unter der Gürtellinie. Ich will dem etwas entgegensetzen. Für Menschen, die sich für etwas begeistern wollen, etwas Gehaltvolles, das live ist, das neu ist. Wir verteilen persönlich vor der Show Werthers Original. Wenn die Leute die Bonbons lutschen, und dann von der Stimme der früheren Tagesschau-Sprecherin Dagmar Berghoff begrüßt werden - dann lachen sie schon.Ihr Programm gibt es schon länger, Sie haben es schon hundertfach aufgeführt. Für die aktuelle Tournee haben Sie es überarbeitet - es trägt deshalb den Zusatz "reloaded". Was haben Sie geändert?Eisermann: Ob man den Roman im Frühling, Sommer, Herbst oder Winter liest, er kommt immer anders zum Ausdruck, es entsteht automatisch eine andere Atmosphäre. Neu sind die Antworten auf Fragen, die aktuell diskutiert werden, wie etwa Selbsttötung. Goethe wurde damals vorgeworfen, er würde dazu keine Position beziehen. Seine Figur Albert sagt aber an einer Stelle: "Freilich ist es leichter zu sterben, als ein qualvolles Leben standhaft zu ertragen." Spannend ist auch, dass Goethe verschiedene Seiten des Sterbens zeigt. Um den Roman ganz zu verstehen, muss man ihn aus anderer Perspektive sehen, ihn etwa vorgespielt bekommen. Das Angebot machen wir.Sie gehen jetzt auf Tour, spielen jeden Abend in einer anderen Stadt. Macht Ihnen das Spaß, weil es Sie an Ihre Kindheit erinnert? Sie stammen ja aus einer Schaustellerfamilie ...Eisermann: Total, ja. Nur, dass ich nun in Hotels wohne und weiß, wann ich anfange und wann ich abends fertig bin. Mir macht das sehr viel Spaß. Schauspieler sind ja von Haus aus die, die auf der Bühne stehen, vor echtem Publikum. Eine Filmkamera lacht nicht, sie weint auch nicht. Das unterschiedliche Publikum mit unterschiedlicher Mentalität - von Hanseat über Pfälzer bis Hesse - reagiert ganz unterschiedlich auf den Roman. Dadurch lerne ich selbst neue Seiten daran kennen.In den 90er Jahren haben Sie in erfolgreichen Kinofilmen wie "Kaspar Hauser" und "Schlafes Bruder" mitgespielt, Sie waren schon im "Tatort" dabei und stehen immer wieder auf großen Theaterbühnen. Und jetzt kommen Sie nach Trier in ein Kulturzentrum, wo Sie vor etwa 300 Gästen auftreten werden. Wo fühlen Sie sich wohler?Eisermann: Bei den 300 Leuten, ganz klar. Wir spielen auch mal vor 1000, aber das ist ganz egal. Man hat immer Menschen vor sich, diese Energie, die das Publikum ausstrahlt. Das Heraustreten auf die Bühne ist ein wunderbarer Moment. Man muss raus, kann nicht mehr zurück - anders als beim Film. Und mit der Tuchfabrik bin ich sehr glücklich, da passt der Goethe sehr gut rein.Was lieben Sie an Ihrem Beruf, was weniger?Eisermann: Es gibt Schattenseiten, aber auch viele schöne Seiten. Wenn man fest am Theater engagiert ist, ist das anstrengend, weil man zu nichts anderem kommt. Bei einem freien Filmschauspieler, der den Durchbruch geschafft hat, glauben alle, das muss so weitergehen. Aber der ist darauf angewiesen, einen Job zu kriegen. Da ist es nicht gut, wenn Drehtage und Honorare gekürzt werden, wenn nur auf Quoten geschaut wird. Schöner ist, wenn ich in die volle Tufa komme, wir die Menschen zum Lachen und zum Weinen bringen und Goethe gemeinsam entdecken.Werden Sie in Trier auch etwas von der Stadt sehen?Eisermann: Die Zeit werde ich mir nehmen. Ich war erst einmal in Trier, auf dem Weihnachtsmarkt. Worms sagt ja von sich, es sei die älteste Stadt Deutschlands - Trier auch. Für mich spielt das keine Rolle, ich freue mich einfach auf die Stadt und das Publikum. cweb"Goethe. Werther. Eisermann" mit André Eisermann und Jakob Vinje (Klavier), Mittwoch, 29. April, 20 Uhr, Tuchfabrik Trier. Karten: TV-Service-Center Trier, Hotline 0651/7199-996, <%LINK auto="true" href="http://www.volksfreund.de/tickets" class="more" text="www.volksfreund.de/tickets"%>Extra

André Eisermann wurde 1967 in Worms geboren. Seine Eltern waren Schausteller. In seiner Jugend half Eisermann in der familieneigenen Büchsenwurfbude aus. Seine Schauspielausbildung begann er 1988 in München an der Otto-Falckenberg-Schule, sein Leinwanddebüt gab er 1991 in der Ost-West-Komödie "Go Trabi Go". Der Durchbruch gelang ihm mit der Rolle des "Kaspar Hauser" in dem gleichnamigen Film von Peter Sehr. Dafür wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Danach verkörperte er die Figur des Johannes Elias Alder in Joseph Vilsmaiers Romanverfilmung "Schlafes Bruder". Dieser Film wurde unter anderem für einen Golden Globe in Hollywood nominiert. Eisermann war zudem in vielen Fernsehproduktionen zu sehen, unter anderem im "Tatort". Theater spielte er unter anderem bei den Münchner Kammerspielen, am Hamburger Thalia Theater und bei den Salzburger Festspielen. 2000 spielte er im Musical "F@lco a Cyber Show" mit, 2012 übernahm er eine Nebenrolle im Kinofilm "Ludwig II.". Eisermann war Mitbegründer der Wormser Nibelungenfestspiele, arbeitete dort lange Zeit mit Regisseur Dieter Wedel zusammen. Ab Juni ist Eisermann bei den Bad Herfelder Festspielen in "Sommernachts-Träumereien", inszeniert von Joern Hinkel, zu sehen. cweb

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