1. Region
  2. Kultur

Bei Kindern singt der Zeitgeist mit

Bei Kindern singt der Zeitgeist mit

TRIER. Die Trierer Sängerknaben kämpfen um ihre Existenz, der Domchor bemüht sich seit gut zwei Jahren um die Nachwuchsförderung. Bei den Oratorienchören ist die Lage im übrigen stabil. Trotzdem spüren auch sie das veränderte Freizeitverhalten.

Szene eins: Die Trierer Sängerknaben geben ein glänzendes Weihnachtskonzert mit anspruchsvollen Kantaten aus dem 18. und 19. Jahrhundert. In der letzten Reihe vor den Männerstimmen stehen fünf ältere Jungen. Sie tragen die Aufführung, stabilisieren den Klang, geben den anderen Impulse. Das wird in wenigen Monaten vorbei sein - Stimmbruch, kein Nachwuchs, vielleicht das Ende der Sängerknaben.Die Nachwuchsförderung bleibt aktuell

Szene zwei: In der Trierer Jesuitenkirche haben sich 70 Jungen und Mädchen aufgestellt, aus den Chorschulen von Spee-Chor und Conservatoire Ettelbrück. Vorn am Keyboard dirigiert Martin Folz Spirituals, Lieder, kleine Stücke, manchmal nur einstimmig. Die Kinder und Jugendlichen sind begeistert dabei. Nachwuchs für die Chöre - dieses Thema erklingt keineswegs überall in Moll. Die beiden Szenarien signalisieren vielmehr eine Entwicklung, die die musikalische Jugendarbeit längst prägt und irgendwann auch die Oratorienchöre der Region erreichen wird. Das Interesse am Singen hat keineswegs abgenommen. Aber im Zeitalter überfließender Freizeitangebote entscheiden sich mehr Eltern für die Einrichtung mit dem geringeren Zeitaufwand und der geringen Verbindlichkeit. Nachwuchsförderung ist aktuell. Der Spee-Chor unterhält zwei Jugendgruppen, eine Chorschule für sechs bis zehn-Jährige und die Chorjugend mit elf bis 18-Jährigen. 40 Jungen und Mädchen proben einmal pro Woche einfache, kindgerechte Stücke. Der "Junge Trierer Kammerchor" probt mit derzeit 27 Mitgliedern gleichfalls einmal wöchentlich und lockt die Kinder mit attraktiven, dann allerdings auch zeitaufwendigen Auftritten im Theater. Einmal pro Woche trifft sich auch der Kinderchor der evangelischen Gemeinde Trier, 20 bis 30 Kinder von 6 bis 13 Jahren. Mehr ist für die meisten anscheinend nicht zumutbar. Da haben es die "Trierer Sängerknaben" schwer. Sie müssen für zweimal vier Stunden in der Woche zur Probenarbeit antreten singen anspruchsvolle Literatur und gestalten überdies die Sonntags-Gottesdienste. Das schränkt die übrigen Freizeitbeschäftigungen deutlich ein. Mit dem Ergebnis, dass Neuanmeldungen ausbleiben. Darunter leidet auch der Domchor. Die zahlreichen Gottesdienstauftritte mindern auch bei Erwachsenen die Bereitschaft zum Mitsingen. Mit rund 50 Mitgliedern ist der Chor zu klein für den Dom. Dass er jetzt nur noch alle zwei Wochen die Sonntagsmesse mitgestaltet, sei von vielen dankbar aufgenommen worden, sagt Domkantor Stephan Rommelspacher. Aber das Problem bleibt. Grund genug, sich um neue Sänger zu bemühen. Mit der Berufung von Domkantor Harald Schmitt hat der Dom die musikalische Jugendarbeit neu geordnet. Sie bindet die Beschäftigung mit der Musik ein in ein umfassendes Gemeinschafts- und Freizeitkonzept. Gut 50 Kinder arbeiten derzeit in insgesamt vier Gruppen. Selbstverständlich soll der Domchor davon profitieren. Ob dieses Konzept aufgeht, bleibt allerdings offen. Einen geraden Weg vom Jugendensemble zum Erwachsenenchor gibt es nämlich nicht. Die meisten Absolventen der Kinder- und Jugendchöre entschwinden nach dem Abitur in andere Städte. Im Gegenzug kommen freilich auch Sangesfreudige nach Trier. Bei Bach-Chor, Trierer Konzertchor und Spee-Chor ist die Lage auch deswegen noch stabil. Ihre Arbeit beschränkt sich auf eine wöchentliche Probe, gelegentliche Chor-Wochenenund die Konzerte. "Immer wiederfinden sich Menschen, die genau das suchen, was wir anbieten", sagt Martin Bambauer von der evangelischen Kirchengemeinde. Das könnte sich allerdings bald ändern. Auch in den Oratorienchören singt längst der Zeitgeist mit. Unisono machen alle Chorleiter eine Tendenz zur Vereinzelung und Unverbindlichkeit aus, der Unwille, sich festzulegen. Martin Bambauer, drastisch: "Schon im Kalender einen Termin zu notieren, ist für manche eine Zumutung." Mittlerweile nehmen manche Sänger nur an bestimmten Projekten teil. Hinzu kommt, was Horst W. Opaschowskis BAT-Freizeitforschungsinstitut als "Abschied von der Hochkultur" bezeichnet. Konkret: Wie lange können die Oratorienchöre Sänger und Zuhörer noch mit Bach, Beethoven und Brahms locken? Da kündigen sich eingreifendeVeränderungen an, ästhetische und soziale. Langfristig führt auch im Erwachsenenchor an einer vorsichtigen Anpassung der Programme und einer verstärkten Projektorientierung kein Weg vorbei.