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Beim „Theo-Talk im Petrusbräu“ erfinden sie die Kirche neu

Die Kulturmacher Katharina Zey-Wortmann : Beim „Theo-Talk im Petrusbräu“ erfinden sie die Kirche neu

Die katholische Kirche ist ins Gerede gekommen. Die Welle der Missbrauchsfälle, die Diskussionen um wieder verheiratete Geschiedene, das gemeinsame Abendmahl mit anderen Konfessionen, schließlich das wieder brandaktuelle Uralt-Thema Zölibat und die zwar nachvollziehbare, aber dennoch rigorose Stellung zur Abtreibung, sie kratzen am Image.

Und die Medien schwanken, je nach Position, zwischen Wohlwollen, entschiedener Ablehnung und glattem Unverständnis. In weiten Teilen der Öffentlichkeit ist die Kirche zum Skandalon geworden.

Dabei hat sich, wenig beachtet und ganz im Stillen, noch eine ganz andere Kirche formiert – dogmenfrei, sozial aktiv, mit einem ehrgeizigen Bildungsauftrag und einer Humanität, wie sie es in den christlichen Konfessionen über Jahrhunderte hinweg nicht gab. Und: allem Anschein nach behauptet sie innerkirchlich eine für Außenstehende überraschende Autonomie. Was heute „Katholische Erwachsenenbildung“ heißt mit dem etwas bürokratischen Kürzel KEB, ist weder verlängerter Arm offizieller Kirchenpolitik noch Mittel zur religiösen Indoktrinierung. Mit einer bemerkenswerten Offenheit sucht und findet man in dieser Einrichtung die Themen und die dazu passenden Personen.

Katharina Zey-Wortmann ist eine treibende Kraft in dieser unauffälligen Arbeit. Sie vollzieht sich jenseits von religiöser Dogmatik und einer nicht immer glücklichen Kirchenpolitik. Seit 2017 leitet die diplomierte Theologin mit dem wissenschaftlichen Schwerpunkt „Ostkirchen“ die Fachstelle Trier der KEB. Sie beschränkt sich dabei keineswegs auf formelle Organisation und Durchführung beliebiger Projekte. Ihr bescheidenes Büro in der Trierer Weberbach ist zu einer Ideenschmiede geworden, zu einem Ort erstaunlicher Kreativität. Zey-Wortmann kann sich dabei auf einen soliden Fundus aus Weiterbildung und persönlichen Erfahrungen stützen. Dazu gehören die journalistische Ausbildung am Münchener Institut für Publizistik, die wissenschaftliche Arbeit am Trierer Deutschen Liturgischen Institut, Aufbau und Leitung des Ressorts „Junge Erwachsene und Medien“, in dem Medienkritik und gesellschaftliche Bildung zusammenfließen. Und zu ihrer Leitungsfunktion in der Erwachsenenbildung gehört auch die Mitarbeit in zahlreichen Projektgruppen. Zum Beispiel „Europäische Integration, Jugend und Medien“. Oder auch „Gentechnik und Fortpflanzungsmedizin“. Dazu kommen Entwicklung, Planungen und Durchführung von Veranstaltungen im Bereich Kultur und Medien.

Die Schließung der Trierer Katholischen Akademie im Jahr 2012 muss für Zey-Wortmann wie für alle Mitarbeiter im Bistum ein tiefer Einschnitt gewesen sein. Aber die damit verbundenen personellen Maßnahmen bestanden eben nicht in willkürlichen Versetzungen oder gar betriebsbedingten Kündigungen. „Die Kirche verhält sich immer noch anders als die meisten Privatunternehmen“, sagt Zey-Wortmann heute. Und nach insgesamt drei Stationen an führender Stellung im Bischöflichen Generalvikariat kehrte sie tatsächlich zurück zur Erwachsenenbildung.

Zwei Projekte im aktuellen Programm der KEB liegen Katharina Zey-Wortmann besonders am Herzen. Das Projekt „Kulturkapellen“ soll historische Gotteshäuser reaktivieren. Dahinter steckt das Vorhaben, nach der vieldiskutierten Auflösung und Zusammenfassung von Pfarreien neue, ortsnahe Schwerpunkte für das gesellschaftliche Leben zu etablieren. Das Projekt zielt auf Integration – nicht nur unter kirchlichen Aspekten. Es geht auch um die ganz weltliche Vernetzung von Ortskern und Peripherie, es geht um neue Kontakte zwischen Eingesessenen und Zugezogenen. Wo sich traditionelle Bindungen auflösen, könnten die Kapellen neue Ortsmittelpunkte werden. Aktuell 13 Kapellen, darunter Gotteshäuser in Wasserliesch, Ollmuth, Trier-Eitelsbach und Hermeskeil, sollen zu Kultur-Standorten entwickelt werden. Wobei zur Kultur auch eine „Laternenwanderung“ in Hermeskeil gehört und ein „Kapellenweg‘“ in Wasserliesch. In Longuich, Igel und Eitelsbach haben bereits Veranstaltungen stattgefunden mit Lesungen und Musik. Und um auch hochkarätige Konzerte anzubieten, hat Zey-Wortmann Kontakt aufgenommen zum Mosel Musikfestival und dessen Leiter Tobias Scharfenberger. Nicht ausgeschlossen, dass aus manchen Kapellen echte Kulturräume werden – in der unterschiedlichsten Art, aber immer auf hohem Niveau. So lange die Würde des Raums gewahrt bleibe, sagt Zey-Wortmann, seien der Fantasie keine Grenzen gesetzt.

Das zweite Projekt reflektiert die aktuelle Stellung der Kirche in der Gesellschaft. In diesem Herbst hat die KEB in der Trierer Kalenfelsstraße eine Vortrags- und Gesprächsreihe mit dem etwas modischen Titel „Theo-Talk im Petrusbräu“ eröffnet. Sie richtet sich an Menschen – „denen der Austausch der Kirche im Kontext zu aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen wichtig ist“ – so heißt es dazu im Informations-Flyer. Hinter diesem Bandwurm-Halbsatz steht die deutliche Absicht, mit aktueller Thematik auch Menschen anzusprechen, die nicht kirchenaffin sind – und das werden immer mehr. „Es gibt nicht mehr so viele Christen“, sagt Katharina Zey-Wortmann nüchtern und zweifellos realistisch. Der Theo-Talk ist ein „offenes Angebot“. Eintritt frei. Wer Interesse hat, ist willkommen, gleich welcher Herkunft und Konfession. Auch brisante Themen stehen auf der Agenda. Zum Beispiel „Der Einfluss des Unionsrechts auf das kirchliche Arbeitsrecht“ mit Rüdiger Stotz, Leiter der Generaldirektion Information des EU-Gerichtshofs in Luxemburg, am 19. November, 19 Uhr. Der Start am 22. Oktober mit dem Thema „Digitalisierung und ihre Herausforderungen“ jedenfalls war aus Sicht der Veranstalter rundum erfolgreich.

Die katholische Kirche wird in der Öffentlichkeit häufig wahrgenommen als dogmatisch verengte, zukunftsfremde Institution. Das mag im Einzelfall sogar stimmen. Aber gerade in der Erwachsenenbildung, gerade im Arbeitsfeld von Katharina Zey-Wortmann, zeichnet sich eine andere Form von Christentum ab: offen, frei von bürokratischen und dogmatischen Beschränkungen, nah am Menschen, auf Augenhöhe mit der modernen Zivilisation, überkonfessionell und ohne Furcht vor Machtverlust. Könnte so eine zeitgerechte Kirche, könnte so eine Kirche für morgen aussehen?

Martin Möller

Infos und Anmeldungen: Katholische Erwachsenenbildung (KEB) Trier, Weberbach 17, 54290 Trier, Tel. (0651) 9937270,
www.keb-trier.de