Benjamin Brittens Oper "A Midsummer Night Dream" feiert Premiere im Trierer Theater

Benjamin Brittens Oper "A Midsummer Night Dream" feiert Premiere im Trierer Theater

Für Ausführende und Publikum ist Benjamin Brittens "Midsummer Night’s Dream" keine einfache Aufgabe gewesen. Aber die Akteure auf und hinter der Bühne sowie im Orchestergraben stemmten das szenische-musikalische Schwergewicht mit Bravour. Am Ende verbreitet sich unter den 600 Besuchern im Theater lautstarke Begeisterung.

So werden sich manche den Schluss der "Götterdämmerung" vorstellen: Ein Bühnenbild mit Endzeitstimmung, tote Bäume, trockenes Laub, im Hintergrund übergroß dimensioniert der Mond. Eindrucksvoll, gewiss. Nur: Passt Simon Lima Holdsworths optisches Konzept tatsächlich zur tiefenpsychologisch fundierten Regie von Sam Brown?

So problematisch dieses Bild in ästhetischer Hinsicht sein mag - dramaturgisch ist es schlechthin ideal. Da teilt ein begehbarer Aufbau, eine Art überdimensionale Schwelle, die Drehbühne, versteckt Details und rückt andere dafür in rechtes Licht. Und trotz der optischen Trennung von Vor- und Hinterbühne - die Akteure können ihre Positionen im gesamten Bühnenraum wechseln. Genial, diese Idee!

Sam Browns Inszenierung nutzt diese Vorgabe. "Post-Freudianisch" hat er sein Konzept genannt. Und in der Tat: Seine Regie berührt die Nachtseite menschlicher Existenz - die verdeckten Wünsche, die Träume von Macht, von Herrschaft, von sexueller Promiskuität, die das wache Bewusstsein nicht zulässt. Nichts ist durchschaubar und vom Verstand beherrscht. Nichts fügt sich mehr der klassizistischen Idee vom Wahren, Schönen, Guten. Sogar die Kostüme (Loren Elstein) sind nicht elfenähnlich leicht, sondern wirken zweifelhaft, abgetragen und unansehnlich.

Sam Browns ausgefeilte Personenregie beschwört das Obskure, Schwankende, Unsichere, Gewaltsame in Brittens Shakespeare-Oper. Programmatisch der Puck. Paul Hess zeichnet mit einer glanzvoll virtuosen Körper- und Tanz-Artistik einen Troll, der halb unabsichtlich, halb bewusst Verwirrung stiftet unter den menschlichen Nachtwanderern in diesem Sommernachtstraum.Erotische Intensität

Doch bei aller Drastik - die Regie wahrt Distanz. Die Figur des indischen Jungen (Luis Grammatikou), Streitobjekt zwischen Oberon und Titania, wird nicht zum Lustknaben entstellt. Wie Brown überhaupt die Grenze kennt, an der sich sinnliche Deutlichkeit und Obszönität trennen. Zettels Verführung durch die liebestolle Titania - welch ein Moment erotischer Intensität! Und: Wie fern von plumper Pornografie!

Und dann die Musik. Benjamin Brittens Komposition verzichtet auf alle "schönen Stellen", auf alle klingenden Herzenswärmer. Sie bezieht Distanz zum Hörer, ohne den emotionalen Kontakt zu verlieren. Sie will ohne Überhöhung ausgeführt sein, um ihre eigene Emotionalität zu entfalten. Seine Instrumentation spannt ein Netz von Klängen und Klangbeziehungen aus, in dem alle Details hörbar bleiben. Victor Puhl und seine Philharmoniker setzen kompromisslos auf diese Transparenz in Brittens Partitur. Die rhythmischen Verschiebungen und falschen Töne bleiben minimal. Und auf der Bühne schlägt sich die musikalische und szenische Vorbereitung nieder in einer eindrucksvollen Präsenz und Deutlichkeit. Da tritt das Ensemble der Handwerker perfekt in Erscheinung (Lukas Schmit, Rouwen Huther, Eui-Hyun Park, Wolfram Winter, Carsten Emmerich), mit Don Lees herausragendem Zettel. Da singt Frauke Burg die Titania nach kleinen Anfangs-Problemen hell, vollklingend und koloraturensicher. Da gibt Clare Presland von der Bühnenseite ihrer indisponierten Kollegin Ulrike Malotta (Hermia) stimmkräftige Unterstützung (weitere Akteure: Emilia Scharf, Lina Schankweiler, Zoe Salm, Laetitia King, Clara Folz). Nur der Oberon von Fritz Spengler hat mit seiner zwischen Tenor und Countertenor angesiedelten Partie zu kämpfen und bleibt darstellerisch wenig profiliert.

Zum Höhepunkt entwickelt sich das Quartett im zweiten Akt (in Trier direkt nach der Pause). Vier junge Menschen (außer Malotta/Presland noch Benjamin Popson als Lysander, Bonko Karadjow als Demetrius und Eva Maria Amann als Helena) steigern sich in ein Verwirrspiel um Begehren, Anmutung, Ablehnung und Drohungen. Und das Orchester kommentiert - erst heftig bewegt und dann mit weiten, liegenden Klängen.

Überhaupt - die Ensembleleistungen sind ein Aktivposten. Susanne Linke hat mit ihrer Tanztruppe glänzende Szenen erarbeitet. Es ist ein fantastisches Miteinander von Einzelaktionen, die sich zu einer überschaubaren Gruppen-Einheit verbinden. Fast sensationell der neue Kinder- und Jugendchor am Theater. Martin Folz hat den jungen Sängerinnen und Sängern nicht nur die richtigen Töne beigebracht, sondern etwas ganz Wesentliches vermittelt - die Darstellungspräsenz, den Mut, im großen Apparat einer Theateraufführung zu bestehen. Das gelang ihnen mit Bravour.Schlusspointe verschenkt

Eine prächtige, eine begeisternde Produktion. Nur die geniale Schlusspointe dieser Oper wurde von der Regie halb verschenkt. Der Auftritt des Herzogspaars (Laszlo Lukacs, Bernadette Flaitz) und das Handwerkerspiel im dritten Akt hatten in ihrer prallen Diesseitigkeit schon suggeriert, jetzt sei alles wieder in Ordnung und der Spuk vorbei. Und dann, Schlag zwölf, erscheinen sie wieder und behaupten das Feld: die Elfen, ihr Königspaar, der irrlichternde Puck. Auch wenn es den Anschein hatte: Das Unheimliche ist nicht gebannt. In der Nacht gehört die Welt den Geistern und dem Unbewussten der Seele. Schade, dass dieser wichtige, vielleicht entscheidende Moment allzu beiläufig ablief. Der allgemeinen Zustimmung tat es keinen Abbruch. "Besser hätte es nicht laufen können", hieß es aus dem Publikum.

Die nächsten Vorstellungen sind am Mittwoch, 28. September, sowie Samstag, 8. Oktober, und Freitag, 14. Oktober.

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