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Berater von Papst und Kanzler: Oswald von Nell-Breuning aus Trier

Zeitgeschichte : Worauf es ankommt

Er hat den Papst beraten und deutsche Politiker. Der Trierer Theologe Oswald von Nell-Breuning ist vor dreißig Jahren im Alter von 101 Jahren gestorben. Seine Lehren sind bis heute einflussreich. Eine Erinnerung.

In seinem letzten großen Interview anlässlich seines 100. Geburtstages sprach der deutsche Theologe und Sozialwissenschaftler Oswald von Nell-Breuning (8. März 1890 – 21. August 1991) von einer „nüchternen Sachlichkeit“, die ihn auszeichne. Auf die bevorstehende Feier angesprochen, endete das Gespräch mit dem Satz: „Wie muss ich mich drehen und wenden. Ich muss ja was reden.“

Es gab viele Anlässe, zu denen er gesprochen hat, häufig auf Einladung. Weit vor diesem besonderen Ereignis war allen bekannt, wofür diese Person steht. Die Überschrift dieses Beitrags lehnt sich an eine Schrift des Jahres 1983 an, die unter dem Titel „Worauf es mir ankommt“ Nell-Breunings Vorstellungen von sozialer Verantwortung zusammengefasst hat. Wer ein hohes Alter erreicht, kann häufiger bilanzieren, aber im Falle Nell-Breu­nings war es das lebenslange Arbeiten an normativen Orientierungshilfen.

Während seines Lebens und auch danach hat die soziale Frage viele Gesichter bekommen; sie wurde mehrfach neu definiert, unlängst beispielsweise als Herausforderung für den Kulturbetrieb angesichts eines pandemiebedingten Lockdowns. Neu war sie in den 1970er Jahren, weil sich im Zuge des Ausbaus des Sozialstaates nicht nur an den Rändern neue Ungleichheiten zeigten, die nach einer neuen Robustheit des Systems verlangten. Die ministerielle Verankerung des Sozialen, der Enquetebedarf und die Dauerkrise der Moderne stehen für die Permanenz des Symptoms.

Oswald von Nell-Breuning galt als Mitgestalter der Enzyklika Quadragesimo anno, die im Jahr 1931 in einer von ideologischen Auseinandersetzungen und Grabenkämpfen geprägten Welt eine aus christlicher Überzeugung formulierte Antwort auf die Herausforderungen der Zeit geben sollte. Bereits hier ist im Kern die Idee der Subsidiarität ausformuliert, die eng mit seinem Namen verbunden ist.

Der Gedanke weist zurück auf die Naturrechtslehre und sah dieses Element als Teil eines gestuften Bauplans. In diesem Sinne gab es immer eine übergeordnete Verpflichtung, die sich aus einem ebensolchen Gebot der Vernunft ableitete. Der sozialphilosophische Grundsatz lautete: die Eigeninitiative des Menschen stärken und in ihm das Bewusstsein wecken, dass Selbstbestimmung nicht ohne Hindernisse erreicht werden kann. Wer sich darauf berufe, sei eben nicht allein und habe immer eine Gemeinschaft vor und hinter sich. Da war also durchaus die Anerkennung des Konflikts, das Eingeständnis, dass es in Gesellschaften auch „Kämpfe“ gibt. Aber die Stabilität einer gesellschaftlichen Ordnung ergab sich für ihn nicht aus der Einsicht, nur dem Bewusstsein eines gesellschaftlichen Seins zu folgen. Es ist der Handlungsbedarf auf verschiedenen Ebenen mit unterschiedlichen Reichweiten. Das gilt für den individuellen, den gemeinschaftlichen und den staatlichen Horizont.

In „Auseinandersetzung mit Karl Marx“ schrieb Nell-Breuning: „Führende Marxisten nehmen die katholische Kirche und den katholischen Glauben als Gegner ernst; auch wir sollten den Marxismus als Gegner ernst nehmen.“ Als im Jahr 2018 der 200. Geburtstag von Karl Marx gefeiert wurde, war es nicht nur der gemeinsame Geburtsort, der zur Integration Nell-Breunings in das Ausstellungskonzept führte. Sein Arbeitszimmer wurde auf originelle Weise rekonstruiert und sollte verdeutlichen, dass von diesem Ort, der außerhalb Triers in der Hochschule Sankt Georgen (in Frankfurt am Main) lag, eine wortgewaltige Auseinandersetzung um das Wesen der Gesellschaft ausging. Denn das bleibende Element aller Gesellschaftsdiagnosen ist, dass sie trotz unterschiedlicher Betonung von Differenziertheit, Buntheit und Pluralität, am Ende stets die Frage nach der Gewährleistung des Zusammenhalts einer gesellschaftlichen Ordnung stellen. Bereits im 19. Jahrhundert hatte der deutsche Soziologe Ferdinand Tönnies Gesellschaft so charakterisiert: „[…] als ob sie in Wahrheit aus getrennten Individuen bestehe, die insgesamt für die allgemeine Gesellschaft tätig sind, indem sie für sich tätig zu sein scheinen.“ Auf den ersten Blick mag dies kompliziert klingen und eine Nähe zu der Metapher von der unsichtbaren Hand nahelegen. Die Überzeugungskraft einer natürlichen Frömmigkeit reicht wohl nicht aus, um dieser Wahrheit Geltung zu verschaffen.

Selbstverständlich haben sich auch die Zeiten geändert. Sie ändern sich ständig. Die Rolle, Berater konkurrierender Volksparteien zu sein – zum Beispiel der SPD im Vorfeld des Godesberger Programms des Jahres 1959, aber auch dauerhaft des Arbeitnehmerflügels der CDU –, kann im Umfeld des heutigen politischen Konsultationswesens und der medialen Oberflächenreflexionen mit wechselnden Expertenkreisen kaum noch gelingen.

Oasen der Ruhe verschafft sich die Politik allenfalls noch in einem vermeintlich geschützten Bereich, der zugleich nicht so geschlossen ist wie erwartet. Entscheidender aber ist die Erosion von Volksparteien und das Zurückdrängen von Debatten, die das Grundsätzliche betreffen. Die politische Arithmetik hat stets eine große Rolle gespielt, sie nimmt als Vermessungsinstrument des politisch Möglichen an Bedeutung zu. In der Auseinandersetzung mit einer Vielzahl von Ansichten geht es dann nicht mehr nur um die Identifikation großer Gegner. Die Maschinerie der politischen Kommunikation ist auf Schnelligkeit programmiert, Kampagnen werden auf Personen zugeschnitten, weniger auf Gedankengerüste gebaut.

Für Nell-Breuning waren die Stunden vor seiner Schreibmaschine auch die Momente der höchsten Konzentration. Die Medientheorie betrachtet technische Apparate als eine Erweiterung unseres Körpers. Über die Revolutionierung des Schreibens von Texten sagte ein Philosoph einmal: „Mit dem Computer wird alles schneller und so leicht. Man muss denken, man könne alles für immer überarbeiten.“ Vor der Adler-Schreibmaschine mussten hingegen die Anschläge sitzen. Die Technologie stand hier gewissermaßen für Nachdenklichkeit und klare Gedankenfolge. Natürlich gab es auch Texte, die vielfach überarbeitet wurden.

Aber vor der Öffentlichkeit stand das Denken. Es gibt, was diese Treue zum Medium anbetrifft, eine interessante Parallele. Der Soziologe Ralf Dahrendorf hat Wissenschaft immer als einen öffentlichen Auftrag verstanden und ebenso ein bestimmtes Schreibmaschinenmodell der Bildschirmarbeit vorgezogen. Dem Garagen-Mythos der IT-Welt kann hier die Mechanik des Schreibens gegenübergestellt werden. Beide waren auch auf ihre Weise Solisten im Dienste der Gesellschaft.

Dazu kann nicht jeder berufen sein. Die Einheit der Gesellschaft ist, ob aus der Nähe oder der Distanz betrachtet, oft nur eine Hilfs­konstruktion. Es geht immer, gerade bei Nell-Breuning, um das Austarieren der Relation des Allgemeinen zum Besonderen. Was soll also der Begriff „Gesellschaft“ noch aussagen, wenn unter ihrem Dach die Ansprüche an das eigene Leben die Oberhand gewinnen?

Mit der Steigerung des Wohlstandsniveaus sieht sich die moderne Gesellschaft ständig in einem Spiegelkabinett, das sich in Individualisierungsentwürfen zu überbieten versucht. Fast könnte man meinen, dass für dieses Anderssein keine Skala mit einem Endpunkt definiert werden kann. In einem grundlegenden Beitrag zur Bedeutung der Sozialpolitik schrieb Nell-Breuning einmal: „[…] dass wir gelernt haben, in Ordnungszusammenhängen zu denken. Zunächst überhaupt einmal in Ordnungen, anstatt uns in Einzelmaßnahmen zu erschöpfen, von denen jede einzelne gut gemeint sein mag, bei denen man sich aber keine Rechenschaft gibt, wie sie zueinander passen, welche Wirkung sie insgesamt auslösen.“ Diese Worte wurden vor mehr als 60 Jahren formuliert. Eine frühere Bundesjustizministerin hat einmal über die Frage nachgedacht: „Was ist eigentlich ein gutes Gesetz?“ Angesichts der Menge und der Halbwertszeit erinnerte sie an eine Empfehlung des Rechtswissenschaftlers von Ihering: „Der Gesetzgeber soll denken wie ein Philosoph und reden wie ein Bauer.“

Nell-Breuning befand sich in seinem Denken nie auf der Überhol­spur, existenzialistische Philosophieentwürfe waren ihm fremd, bei aller Ausdifferenzierung hätte er stets auf die unverminderte Existenz von Grundbedürfnissen hingewiesen. Unpathetisch formuliert: Soziale Konflikte sind immer modern.

 Arbeitszimmer Ausstellung 2018 Museum am Dom
Arbeitszimmer Ausstellung 2018 Museum am Dom Foto: Michael Jäckel

Der Autor des Beitrags, Prof. Dr. Michael Jäckel, ist Präsident der Universität Trier.