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Eifel-Literatur-Festival
Bestsellerautor Peter Wohlleben: Auch Bäume haben Internet

Signierstunde: Zahlreiche Besucher seines Vortrags bitten Peter Wohlleben in Prüm um eine Widmung ihres Buches.
Signierstunde: Zahlreiche Besucher seines Vortrags bitten Peter Wohlleben in Prüm um eine Widmung ihres Buches. FOTO: / TV
Prüm. Der Förster und Bestsellerautor Peter Wohlleben hat beim Eifel-Literatur-Festival in Prüm  Einblick in das Leben der Bäume und ihre besonderen Fähigkeiten gegeben. Von Nora John
Nora John

Emotionen statt dröge Wissenschaft, so lässt sich ganz knapp beschreiben, wie Peter Wohlleben versucht, den Menschen  das Leben in den Wäldern näherzubringen. Und das macht der studierte Förster sehr geschickt und kurzweilig. Bei seinen Ausführungen zu Bäumen, die ein Erinnerungsvermögen haben, „aufs Klo gehen“ und ähnliche eher den Menschen zugeteilten Eigenschaften besitzen, lauschen die rund 700 Besucher in der ausverkauften ehemaligen Hauptschule in Prüm aufmerksam und haben ihren Spaß.

Doch zunächst geht es erst einmal gar nicht um Bäume, denen Wohlleben sein Buch, das weltweit zum Bestseller wurde, gewidmet hat. Er taucht zunächst in die Geschichte der Menschen und ihr Verhältnis zu anderen Lebensformen ein. Wohlleben hält es für falsch, dass man Menschen, Tiere und Pflanzen in eine Hierarchie einteilt. Tiere haben Emotionen, Menschen Verstand – laut Wohlleben ist das Quatsch. Bäume sind seiner Meinung nach den Menschen ebenfalls  in ihren Empfindungen und Fähigkeiten ähnlich.

Wohlleben  geht bei seinen Ausführungen davon aus, dass Bäume soziale Wesen sind. So würden Überbleibsel von Bäumen, also Stümpfe,  nicht sterben, sondern von ihren Artgenossen über die Wurzeln am Leben gehalten werden. „Ein einzelner Baum lebt nicht lange, nur so etwa 200 Jahre“, sagt Wohlleben. Nur als Wald könnten Bäume beispielsweise im Sommer runterkühlen. „Die schwitzen gemeinsam“, sagt er.

Laut Wohlleben haben Bäume sogar ein Erinnerungsvermögen. Sie sollen, so seine Theorie, die Tage zählen, an denen es über 20 Grad ist, bevor sie Blüten austreiben, um nicht unter eventuellem Frost zu leiden. Angesichts der vielen erfrorenen Blüten im vergangenen Jahr räumt Wohlleben ein, dass auch Bäume irren können. Dass manche Gehölze früher austreiben und andere später, erklärt er mit ängstlichen und mutigen Kreaturen.

Wenig hält Wohlleben von Pflanzen, die in Baumschulen (das Wort betont er so, als sei es nichts Gutes) mit gestutzten Wurzeln verkauft würden. Seiner Ansicht nach könnten solche Pflanzen sich nie mehr tief im Boden verankern und deshalb auch nicht lange leben. Wobei die Lebenslänge eines Baumes   eben in Jahrhunderten statt in Jahrzehnten gemessen wird. Er vergleicht die Wurzelspitzen mit Gehirnzellen. Was passiert, wenn man die kappe, könne man ja derzeit beim US-Präsidenten beobachten,  scherzt er, und das Publikum applaudiert.

Freundschaften oder Angst könne man an Bäumen erkennen, führt Wohlleben weiter aus. Freundschaftlich verbundene Gewächse würden dicke Äste voneinander wegwachsen lassen, um sich nicht zu behindern. Ein Baum, der von Gewächsen anderer Art eingeengt würde, bilde kurze Äste aus, nicht hilfreich, aber laut Wohlleben eben eine Panikreaktion. Außerdem hätten Bäume einen Nachteil, weil sie fest verwurzelt sind und sich ihre Freunde nicht aktiv aussuchen können. „Wenn neben Ihnen so ein Stinkstiefel runterfällt, dann haben sie 500 Jahre lang Pech“ scherzt Wohlleben.

Sogar aufs Klo gehe ein Baum, führt er weiter aus. Aber nur einmal im Jahr. Abfallprodukte des Stoffwechsels würden im Herbst mit den Blättern abgeworfen. Wobei er zum herbstlichen Abwerfen der Blätter noch andere Theorien hat. So würden die Mutterbäume, also die großen, ausgewachsenen, die Blätter abwerfen, um im Winter geschützt zu sein, wenn Schnee auf den Ästen lastet. Die kleinen unerfahrenen würden dies häufig nicht tun, wie kleine Kinder, die nicht auf die Mutter hören. Erst wenn wirklich ein Ast abbreche, weil die Schneelast mit den Blättern zu schwer ist, könnten die kleinen „lernen“ und würde im kommenden Herbst beizeiten ihr Blätterkleid fallen lassen. Vergleiche mit Menschen ziehen sich durch den ganzen Vortrag und machen ihn lebendig  und unterhaltsam.

Die  Pilze im Boden sind ebenfalls Gegenstand des Vortrags. Diese seien für Nachrichtenübermittlung zwischen den Bäumen zuständig, „in „wood wide web“, wie der Förster sagt.

All seine Theorien untermauert Wohlleben mit Forschungen an verschiedenen Universitäten, beispielsweise in Vancouver in Kanada oder Perth in Australien.

Zum Ende seines Vortrags geht Wohlleben noch auf die Verbindungen zwischen Wald und Mensch ein. In einem kranken Wald steige der Blutdruck des Menschen, in einem gesunden aber könne er sinken. Nicht nur dies mag für viele aus dem Publikum ein Grund sein, sich bald zu einem Waldspaziergang aufzumachen. Am besten in einem gesunden Wald.