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Bithja Süs und ihre Erzählung "Walzer": Siegerin beim Literaturwettbewerb von Volksfreund und Dieter-Lintz-Stiftung

Literatur-Wettbewerb : Bithja Süs: Walzer

Literaturwettbewerb von Volksfreund und Dieter-Lintz-Stiftung: Gewinnerin der Kategorie „über 20 Jahre“ ist Bithja Süs aus Trier mit ihrer Erzählung „Walzer“. Hier gibt es die Erzählung zum Lesen:

Er sitzt in diesem Café, eigentlich nur für sie. Rund um sie herum ertönen Stimmen, laut und leise; fröhlich und traurig. Klingt wie eine sirrende Motorsäge für ihn, bei der man besser Kopfhörer aufsetzt. Ab und zu nickt er sporadisch, obwohl er nicht einmal zuhört. Aus den Augenwinkeln beobachtet er allein seine Frau. Wie sie so unerhört teilnahmslos dort sitzt. Akkurat liegen die gealterten Hände reglos auf ihrem Schoß. Das Outfit hat er für sie ausgesucht: Grauer Rock und blaue Bluse. Die trostlosen Falten in ihrem Gesicht hängen wie nasse Kartoffelsäcke herunter. Warum sind sie überhaupt hier, denkt er vorwurfsvoll in ihre Richtung, wenn sie gar nicht mitmacht?

Frau B. gestaltet heute das Programm, es geht um den Winter. Doch seine Frau schafft es noch nicht einmal, mit einem müden Lächeln Interesse zu heucheln. Stattdessen blickt sie auf ihre grauen Hände, bei denen ab und zu ein Finger zuckt. Er erkennt sie nicht mehr wieder. Das ist nicht die lebenslustige, fröhliche Frau, die er vor vierzig Jahren geheiratet hat. Die will er zurück, nicht diesen Pflegefall an seiner Seite. Ist es unfair von ihm, so etwas über seine Frau zu denken? Sie verletzt es aber längst nicht mehr. Sie gleicht einer leeren Patronenhülse: Das Feuer ist verschossen und zurück bleibt etwas Nutzloses. All ihr lebendiges, sprühendes Feuer, das in den Augen loderte; das hat die Krankheit aufgefressen. All das, was sie einmal war, ist einfach weg.

Es hatte damit angefangen, dass sie nach dem Einkauf nicht zurückkam. Erst hatte er sich nicht darüber gewundert. Manchmal suchte sie noch den Friseur auf oder bummelte durch die Gegend. Es wurde aber später und um 18 Uhr war der von ihm aufgesetzte Tee bereits kalt geworden. Wie erklärt man der Polizei, dass man sich Sorgen machen muss, weil seine Frau nicht zum nachmittäglichen Tee erscheint? Wie er die Polizistin letztendlich überzeugen konnte, ist ihm heute noch ein Rätsel. Im Stadtpark auf einer Bank wurde sie schließlich spätabends gefunden. Vollkommen verwirrt. Sie konnte nicht sagen, was passiert war.

Wo hatte sie das Auto geparkt? Was hatte sie in der Stadt gemacht? Die Erinnerung war schwarz. Von diesem Tag an legte sie Geschirr in die Badewanne, saß vollkommen apathisch dort und wollte zunächst nicht realisieren, dass sie krank war. Das feurige Blitzen ihrer Augen verblasste zu einem grauen Schleier. Feuer zu Asche. Wenn er sich nur daran erinnert, wie sie einst durch die Flure tanzte: Eins, zwei drei; eins, zwei drei. Ihn hat sie dafür nicht benötigt, aber trotzdem packte sie ihn und bettelte ihn an, gemeinsam mit ihr zu tanzen. Wer konnte diesen funkelnden Augen widerstehen? So fegten sie also gemeinsam durch die Wohnung und stießen an Ecken und Rundungen.

„Schneeflöckchen, Weißröckchen, wann kommst du geschneit?“, singt Frau B., die „ …“ „ “ ein kleines bisschen packt aus ihrem Koffer weiße Schneetücher aus. „Wissen Sie, die Erde tanzen.“ Frau B. drückt auf die Play schmunzelnd: „Diese Schneeflocken wollen nicht nur an einem Platz tanzen. Nein, sie wollen durch die Gegend wirbeln. Jedem Menschen, jedem Tier ihre Schönheit zeigen.“ Sie steht auf, beobachtet das Tuch und denkt sich: „ “ fragt: „Sollen wir?“ Betont lässig erwidert er: „Warum nicht?“ Den Schnee-, Schnee-, Schnee-, Schnee-Walzer tanzen wir. Du mit mir, ich mit dir. Eins, zwei, drei. Eins, zwei, drei.

Er geht einen Schritt vor, sie einen zurück. Ihr Körper strahlt nur wenig Wärme aus. Ihre Hände sind vom stillen Sitzen kühl geworden. Es ist so ungewohnt, sie so nah bei sich zu haben. Sie zu spüren. Sie zu halten. Er versucht Augenkontakt herzustellen, aber gewohnheitsmäßig blickt sie über seine rechte Schulter in den Raum. Musikanten spielen heut‘ und so schnell vergeht die Zeit. Musikanten mit viel Schwung bringen Frohsinn Alt und Jung. Frau B. hält sich fern. Sie singt ausnahmsweise nicht mit. Und so kann er hören, wie seine Frau – mit der Lautstärke von fallenden Schneeflocken – das Lied mitsummt. Mhhmhhhmhhhmmhhhhmhhh-mhhh mmhhh mhh mhhh. Ihr Körper wird wärmer und wärmer. Enger schmiegt sie sich an seinen Körper und lässt sich von ihm durch den Raum führen. Sie reagiert natürlich, ohne darüber nachzudenken.

In diesem Moment gibt es nur sie und ihn. Sie schweben gemeinsam durch den kleinen Raum. Der wirbelnde Staub wird zu ihren ganz persönlichen Schneeflocken. Eins, zwei, drei; eins, zwei, drei. Darum stimmt jetzt alle ein, fröhlich soll der Abschied sein und wir singen eh wir geh‘n, denn schon bald gibt‘s ein Wiedersehn. Dieser Moment soll nicht vergehen. Noch ein Abschied? Muss das sein? Sie verlangsamen beide den Tanz, der Takt ist egal. Er legt seine runzlige an ihre erhitzte Wange. Mit einem kleinen Hauch von Übermut löst er sich für einen Moment und wirbelt sie behutsam in eine Drehung. Für einen Moment glaubt er ein Blitzen in ihren Augen zu sehen. Dann ist sie schon wieder in seinem Arm.

Den Schnee-, Schnee-, Schnee-, Schnee-Walzer tanzen wir; ja und seit dieser Zeit: Da gehör ich immer dir.

Immer.