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Bitterböse bis sehr unterhaltsam - Vom Meister- zum Theatermacher

Berlin/Trier. Neues vom "Meistermacher": Johannes Kram, der Guildo Horn (von seinen Fans "Meister" genannt) zum Erfolg verhalf, ist unter die Theatermacher gegangen. Das Stück "Seite Eins" des aus Trier stammenden Wahl-Berliners wird in vier Städten aufgeführt.

Johannes Kram ist ein Multitalent - und immer für eine Überraschung gut. Neuester Coup: Das Theaterstück "Seite Eins", das, in Gütersloh uraufgeführt, bald auch in Berlin, Wolfsburg und Hamburg zu sehen ist. TV-Redakteur Roland Morgen hat den 47-Jährigen in Berlin zum Interview getroffen.

Mancher Theaterbesucher wird sich fragen: Bitterböse Satire oder Abrechnung mit BILD. Welche Antwort gibt ihm der Autor darauf?
Johannes Kram: Bitterböse ja, aber es ist auch ein sehr unterhaltsames Stück, das keine Wahrheiten predigt, sondern den Zuschauer mit seiner eigenen Rolle in den Medien konfrontiert. Es geht jedenfalls nicht darum, einseitig mit dem Finger auf die bösen Boulevardmedien zu zeigen. Wir alle sind Teil der Medien. Wir entscheiden durch unser Konsum-, Lese- und Zuschauerverhalten darüber, welche Medien wir in Zukunft haben werden. Wer sich anhand von BILD & Co. versucht, seine eigene Meinung zu bilden, ist selber schuld.

"Seite Eins" ist ein Stück für "Einen Mann und ein Smartphone". Eine Frau könnte die Rolle also nicht spielen - oder doch? Warum?
Kram: Guter Punkt. Über die Frage hatte ich mir bisher noch gar keine Gedanken gemacht. Es war wohl eine intuitive Entscheidung, dass das ein Mann sein muss. Gefährlichen Populismus, der sich weltoffen gibt, aber latent mit Rassismus, Homophobie und Sexismus spielt, gibt es natürlich auch bei Frauen. Aber noch sind es vor allem Männer, die versuchen, durch das Pflegen von Ressentiments ihre Vormachtstellung in der Gesellschaft zu verteidigen. Ich weiß, das klingt sehr nach den Debatten der 70er und 80er. Aber viele dieser Denkmuster sind heute noch präsenter als wir uns zugestehen wollen. Das Stück stellt die Frage, wie liberal wir wirklich sind.

Wie bewerten Sie die Entwicklung des Boulevardjournalismus in jüngerer Zeit?
Kram: In den letzten Jahren hat es der Boulevard geschafft, sich immer mehr als investigativer, aufklärerischer Journalismus zu inszenieren. Ein Meilenstein ist dabei die Wulff-Affäre, die auch in ,Seite Eins' aufgegriffen wird. Die ,klassischen' Medien tun sich hingegen schwer. Sie sehen sich durch die Digitalisierung einem enormen Zeit- und Kostendruck ausgesetzt, der dazu verführt, komplexe Themen zu personalisieren und zu skandalisieren.

Wird "Seite Eins" aktualisiert? Gerade angesichts der aktuellen Entwicklung mit Pegida würde das doch naheliegen?
Kram: Genau darüber haben wir letzte Woche diskutiert. Im Moment neige ich dazu, nichts zu ändern. Das Stück wurde vor Pegida geschrieben und uraufgeführt. Aber die Stimmung dieser Bewegung ist im ganzen Stück bereits sehr präsent: Dieser ,Das wird man doch wohl noch mal sagen dürfen'-Impuls, mit dem Menschen gegen Minderheiten hetzen und dabei so tun, als wäre das besonders mutig, weil sie ein angebliches Tabu berühren.

Gütersloh, Berlin, Wolfsburg, Hamburg - die Reihe der Aufführungsorte ließe sich doch wunderbar um Trier ergänzen. Gibt es Pläne in dieser Hinsicht?
Kram: Bisher nicht, aber es wäre schon spannend, eines meiner Stücke mal in meiner alten Heimat zu erleben. Schließlich hat das Stadttheater meine Faszination für das Theater geweckt. Ich war als Jugendlicher so oft es ging in den Vorstellungen. Auch alleine, wenn keiner mitgehen wollte. Schauspiel, Oper, Operette - alles, außer Ballett. Und mit acht war ich Teil der Kinder-Statistengruppe und außerdem in der Kinder-Theatergruppe des Kammerschauspielers Günther Reim. Er schaffte es, uns einen Eindruck davon zu vermitteln, was im Theater alles möglich ist. In dieser Kinder-Gruppe habe ich einen meiner besten Freunde kennen gelernt. Wir treffen uns heute einmal im Jahr in Berlin und schauen so viel Theater wie möglich.

In den 1990er Jahren waren Sie der Szene-Zampano in Trier, vor 18 Jahren sind Sie samt Agentur "Büro Kram" nach Köln gezogen, des "besseren Pflasters" wegen. Was wäre denn aus Johannes Kram geworden, wenn er in Trier geblieben wäre?
Kram: Ich bin unheimlich dankbar für meine Trierer Zeit und die Menschen, denen ich begegnet bin, die mich - damals Anfang Zwanzig - als Event- und Kulturmacher respektiert, inspiriert und gefordert haben. Es gab eine Szene starker Individuen, die alle etwas bewegen wollten und auch bereit waren, etwas zu riskieren. Aber ,Zampano' ist aufregend, wenn man jung ist und einen Großteil seiner Kraft darauf verwenden kann, ständig Neues zu probieren und vermeintliche oder tatsächliche Grenzen auszutesten. Doch man muss aufpassen, dass das nicht zum Selbstzweck wird. Sonst wird man irgendwann zum ,Original', da bewegt man sich gefährlich nahe am Prinzip der tragischen Figur. Für mich war es wichtig, aus Trier wegzugehen, um mir darüber klar zu werden: Welche meiner Energien und kreativen Interessen haben tatsächlich etwas mit meinen Leidenschaften zu tun, was ist mir wirklich wichtig und dient nicht nur primär dazu, anderen etwas zu beweisen.

War das denn damals so?
Kram: Mehr, als ich es mir damals eingestehen konnte. Heute weiß ich: Das hatte auch damit zu tun, dass ich nicht nur ein recht bekannter junger Mann, sondern auch ein recht bekannter schwuler junger Mann war, ohne dass es damals in Trier außerhalb des Schrillen, Glamourösen oder Verruchten irgendwelche sichtbare Rollenbilder gab. Ich wurde auch dafür hofiert und gelobt, dass ich ein erfolgreicher Schwuler war, der eben nicht schwul aussah. Jedenfalls hatte ich noch nicht genau begriffen, was das Zwiespältige an dieser Rolle ist. Ich hatte noch nicht das konkrete Gefühl, mich von irgendwas emanzipieren zu müssen. Das kam später. Die Kultur der Großstädte lebt zu einem Großteil von Leuten, die von zu Hause weggehen mussten, um sich mit ihrem Zuhause wieder versöhnen zu können.

Wie betrachten Sie heute mit gewissem Abstand die Perspektiven für Triers Kultur-Landschaft?
Kram: Ich denke, Trier muss sich entscheiden, ob es seine Identität wirklich hauptsächlich in seiner Rolle als wirtschaftliches Oberzentrum, Paradies für Postkartentouristen und Museumsfans suchen möchte. Trier ist eine der wenigen deutschen Städte, die ich kenne, die in den letzten zwei Jahrzehnten schöner geworden ist. Aber diese Schönheit ist auch eine Gefahr, sie wird zur Fallhöhe, wenn es eine allzu große Diskrepanz zwischen steinerner Ästhetik und lebendigen Inhalten gibt.

Was meinen Sie damit?
Kram: Sagen wir mal so: Ich glaube nicht, dass es sich Trier leisten kann, sein Theater in Frage zu stellen. Trier wähnt sich immer gerne an einem privilegierten Platz in der Mitte Europas und glaubt, sich auf seine Geschichte stützen zu können. Doch erstens ist die Mitte Europas ein riesiger loser Definitionsbereich, wo es etwas peinlich ist, wenn jemand seine Bedeutung durch seine Platzierung darin zu definieren versucht. In Wahrheit wurde Trier in den vergangenen Jahrzehnten infrastrukturell immer mehr zu einer Randexistenz, was natürlich auch den kulturellen Austausch erheblich erschwert. Zweitens wird ein übergroßer Geschichtsbezug schnell zur hohlen Kulisse, wenn der kulturelle Diskurs darüber, wie Menschen heute zusammen leben wollen, ins Abseits gerät.

Und der Ort für diesen Austausch ist das Theater?
Kram: Nicht nur, aber das Theater verbindet so viele Kompetenzen, sowohl künstlerisch als auch logistisch. Es kann Forum und Inspiration für Nischen- und Hochkultur sein, aber auch für Wirtschaft und Politik. Kulturelle Identifikation ist ein Standortvorteil. Was für eine Sorte Menschen in Trier leben und arbeiten werden, hängt auch davon ab, ob und was es für ein Theater dort geben wird. Und nicht zu vergessen: Viele erfolgreiche Ex-Trierer, die anderswo die Fahne für ihre alte Stadt hochhalten, konnten durch ,ihr' Stadttheater zu dem werden, was sie heute sind. Vielleicht muss man Theater in Trier neu denken. Aber ein bestehendes Theater neu zu denken ist einfacher als ein abgeschafftes wieder zu erkämpfen. Doch die Diskussion sollte nicht nur auf das Theater oder das Thema Geld reduziert werden.

Sondern?
Kram: Eine spannende Perspektive für Triers Kultur bedingt die Fähigkeit, die vielen tollen jungen kreativen Talente, die dort leben und studieren, an sich zu binden. Hierfür braucht man Konzepte, die überregional konkurrieren können, ohne allem hinterher zu laufen, was mal war oder was es anderswo eh schon besser gibt. Ich sage das jetzt mal als Marketing-Mann: Das Gegenmodell von Provinz ist nicht Großstadt, sondern Relevanz. rm.

Johannes Kram, geboren am 19. März 1967 in Trier, wurde überregional bekannt als Manager von Guildo Horn und Macher der viel diskutierten Medienkampagne rund um dessen Teilnahme beim Eurovision Song Contest 1998 in Birmingham. Zu diesem Zeitpunkt lebten Kram und der ebenfalls aus Trier stammende Horst Köhler (alias Guildo Horn) in Köln. Seit 2005 lebt und arbeitet Kram als Autor, Textdichter, Blogger und Marketingstratege in Berlin. Als freier Autor schreibt er über Themen aus Kultur, Gesellschaft und Kommunikation und entwickelt Theaterstücke und Musicals. rm.Extra

Mit "Seite Eins" greift Johannes Kram (47) ein höchst aktuelles Thema auf: Die Chance, durch Massenmedien und Internet auf die Schnelle Popularität und Ruhm zu erlangen, ist größer denn je - Risiken und Nebenwirkungen inklusive. Inhalt: Boulevardjournalist Marco verehrt sein Metier als Kunst. Intrigant und skrupellos ist er Profiteur der Medienmacht. Mit dem scheinheiligen Versprechen eines Karrierekicks will er auch die junge Sängerin Lea auf "Seite Eins" bringen - und macht sie durch Halbwahrheiten und satte Lügen zum Promiluder. Leas verzweifelten Widerstand bricht Marco durch Erpressung, widerstrebend muss die Sängerin ihre Einwilligung zur nächsten Story geben …
Zuerst gespielt wurde das Stück mit Ingolf Lück als Darsteller im Theater Gütersloh; die letzte Vorstellung am 30. Januar ist ausverkauft. Weitere Aufführungen mit Lück sind im Berliner Tipi am Kanzleramt (25. Februar, 5. bis 8. März täglich), in den Kammerspielen Hamburg (ab 17. März neun Termine bis Mai). Bei den Aufführungen am 11. und 12. April in Wolfsburg (120°-Kino, im Rahmen des internationalen Movimentos-Festivals ) spielt Boris Aljinovic ("Tatort"). rm.