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Björk in der ausverkauften Rockhal Esch

Konzert : Björk live in Luxemburg: Der Tanz auf dem Pfifferling

Die isländische Electronica-Avangardistin und Art-Pop-Vorreiterin Björk hat in der ausverkauften Luxemburger Rockhal Halt gemacht, um „Cornucopia“ zu präsentieren.

Es gibt diese Art von Künstlern, die nach einem Vierteljahrhundert im Pop-Olymp mit einem Strauß an Hits durch die Hauptstädte der Welt tingeln, alte und neue Fans mit einem Nummer-Eins-Hit nach dem anderen in fader Nostalgie einlullen und bei ihren Zuschauern zwar ein wohlig nostalgisches Gefühl hinterlassen, aber auch den faden Beigeschmack der Fruchtlosigkeit – nichts bleibt, außer dem, was eh auf jeder Abi-Party rauf- und runtergespielt wird. Und dann gibt es Björk. Die 52-jährige Isländerin besuchte Samstag mit „Cornucopia“ die Rockhal – es ist weniger ein Konzert als eine wortwörtlich atemberaubende Symbiose aus avangardistischem Chorwerk, digitalem Bild-Happening und Flöten-Fetisch-Event.

Dabei gab es musikalisch erstmal ohrenscheinlich wenig Neues: Das Album „Utopia“, von ihm stammen die meisten der knapp zwanzig gespielten Songs, erschien schon 2017. Nach dem sehr introspektiven Vorgänger „Vulnicura“, auf dem sie die Trennung von ihrem langjährigen Partner Matthew Barney tonal verarbeitete, kündigte Björk „Utopia“ als fröhliches Gegenstück an. Sie klinge wie ein „Glückskeks“ kommentierte die Sängerin die wiedergefundene Fröhlichkeit. Auf einer kleinen Konzert-Tour stellte sie die Liedern vor, brillant wie immer, doch mit der Inszenierung schien sie 2018 nur bedingt zufrieden gewesen zu sein und setzte einmal mehr in ihrer Karriere (siehe Info) zu etwas Neuem an. Für den jüngst in New York eröffneten Konzerttempel „The Shed“ entwickelte sie gemeinsam mit der argentinischen Regisseurin Lucrecia Martel eine Extravaganza, wie es sie bisher wohl noch nicht gab. Nach sieben Vorstellungen im Frühjahr ist sie mit „Cornucopia“ jetzt auf einer Mini-Tournee.

Auf einer Hügellandschaft aus Pfifferling-Plattformen, umspielt von mehreren Ebenen aus Fadenvorhängen toben sich Björk, die 18 Mitglieder des zumindest in Island schon legendären Hamrahlid-Chores, das siebenköpfige ebenfalls aus Island stammende Flötistinnen-Ensemble Viibra, der Percussionist Manu Delago, die Harfenistin Katie Buckley und Bergur Þórisson an den Tasteninstrumenten für satte zwei Stunden aus. Über allem schweben, flirren, flackern und gleißen die visuellen Meisterwerke des deutschen Digital-Künstlers Tobias Gremmler und voilà, das Füllhorn ist voll und bereit zum Ausschütten und gegeizt wird definitiv nicht.

Mit einem Pop-Konzert im eigentlichen Sinne hat „Cornucopia“ nur in einer Hinsicht etwas zu tun: Die Künstlerin singt. Sie habe eine perfekte Symbiose aus digitalem und analogen schaffen wollen, erklärte Björk vor der Premiere und das ist ohne Zweifel gelungen.

Konnten die Zuschauer am „Original-Spielort“ noch bequem im bestuhlten Saal Platz nehmen, mussten die Gäste der Rockhal übrigens stehen, was durchaus einen ganz eigenen Zauber entwickelte, denn auch wenn die Künstlerin selber vor der Zugabe „Notget“ das Publikum keck zum Tanzen einlud – ein Tanzkonzert bekam es im eigentlichen Sinne nicht geboten. Stehen, wiegen, lauschen und staunen – nicht mehr, nicht weniger. Eine Performance von Marina Abramović würde nicht anders genossen.

Angesichts der oft sperrigen und knarzenden Krachwände, die der venezolanische Produzent Arca für Björk zusammensetzte, zucken zwar die Füße, mehr als Wiegen und a-rhythmisches Wippen sind da aber nicht drin, und dennoch ist „Cornucopia“ ein zutiefst körperliches Erlebnis. Der Klang ist in jeder Pore erlebbar, nicht nur dank der zwei gigantischen tieftönenden Orgelpfeifen die jedes Körperhaar zum Flattern bringen.

Und eine Botschaft bringt das Ganze Happening auch noch mit: Natur und Umwelt sind filigran, fast zerstört, aber eben für die Bewohner dieser Erde unverzichtbar – Zusammenarbeit könnte die Welt noch retten. Passend dazu wird vor den letzten beiden Songs auch ein kurzes Statement der Klimaaktivistin Greta Thunberg eingeblendet. Nicht zur Freude jeden Besuchers, aber das Ziel ist erreicht: Man diskutiert, man redet, man setzt sich mit dem Problem auseinander.

Selbst das Bedürfnis eingefleischter Fans nach gewohntem bleibt nicht auf der Strecke. Björk befriedigt die stille Gier nach dem Bekannten und streut gleich mehrere Songs aus älteren Werken unter die meisterlichen Flöten-Exzesse, allerdings wie zu erwarten im neuen Sound-Design und allesamt seit vielen Jahren nicht mehr live gespielt. Hier sei besonders zu erwähnen „Venus as a Boy“ vom 1993 erschienen Erstling „Debut“. Bis auf Björks Gesang dekonstruiert und von zart atonal gesetzten Flötenklängen kommentiert, klingt er sperriger als gewohnt, aber nicht weniger überzeugend. Auch ein Bühnenmöbel gemahnt an die Anfangstage.

Am Rand der Bühne wurde auf ausdrücklichen Wunsch Björks eine Schallbox aufgebaut, in die sich die Musiker immer wieder zurückziehen und einen erstaunlichen Verfremdungseffekt erzielen: Alles klingt nach kleinem Raum. Na? Genau – ganz subtil zitiert Björk mit dem „Instrument“ einen Song, der nichtmal gespielt wurde, dessen rauer authentischer Geist aber stets über dem Konzert schwebt. Schon 1993 sang sie Teile von „There is more to life than this“ in der Toilette eines New Yorker Clubs ein. Björk hat das Rad nicht neu erfunden, sondern einfach dem neuen Fahrzeug angepasst. „Cornucopia“ ist eine visuelle und klangliche Ode an die Natur, an die Menschlichkeit und die mögliche Kraft des Matriarchats. Die Show ist nicht am Puls der Zeit, sie ist der Defibrillator, der das gern ins zombiehafte abrutschende Pop-Business mit zarten bis harten Stromstößen am Leben hält.