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Blick für die Skurrilität im Alltag

Blick für die Skurrilität im Alltag

Viel zu lachen hatten die 200 Zuschauer bei einem Leseabend mit Harald Martenstein im Rahmen der Reihe "Die Humorprofis" in der Tufa Trier. Der vor allem durch seine Kolumnen in der Wochenzeitung Die Zeit bekannte Autor gab Feinsinnig-Ironisches zu einer bunten Vielfalt an Themen sowie Einblicke in seine Arbeit als Kolumnist zum Besten.

Trier. "Inspirationsquelle für meine Kolumnen ist alles, was mir so passiert", erzählt Harald Martenstein zum Auftakt seiner Lesung. Doch was passiert einem Kolumnisten? Oft natürlich, was seiner exponierten Stellung als sich öffentlich Äußernder geschuldet ist: Lob oder Kritik. Meist aber das, was allen Mitmenschen auch passiert. Sei es die Schneckenplage im Garten, die Begegnung mit jugendsprachlichen Eigenheiten des Sohnes, mit Porno- und Bibelprogrammen im Fernsehen oder mit von Weltrettungssymbolik überladenen Discounter-Papiertüten.
Und wodurch wird all das zum Schreibthema? Durch Lust an Kreativität, am Geschichtenerzählen und durch Interesse, sagt der 58-jährige mehrfach ausgezeichnete Journalist, der als leitender Redakteur des Berliner Tagesspiegels, Kolumnist für Die Zeit, Romanautor und Moderator arbeitet.
In seiner Anfangszeit als Lokalreporter habe er gelernt, dass sich hinter jedem noch so belanglosen Ereignis irgendein interessanter Aspekt verberge. Das habe ihn auch zu dem Generalisten gemacht, der er heute sei. In den Texten, die er dann angenehm gemessen, deutlich artikuliert und frei von Effekthascherei liest, wird klar, dass sein Augenmerk immer der Skurrilität, dem Zwischenton oder der Ungereimtheit gilt. In der Kolumne über die Schneckenplage beispielsweise erzählt er, wie er in seinem Garten auf dem Land Nacktschnecken mittels Zahnstochern erlegt, Weinbergschnecken aber schont und sogar markiert, um ihr Revierverhalten besser beobachten zu können. Typisch für Martenstein ist, dass er mit dieser Alltagsgeschichte und ihren Pointen ("Ich dachte, der Garten macht einen anderen Menschen aus mir" oder: "Wer nicht töten will, soll in der Stadt bleiben") auf eine höhere, allgemeine Ebene führt. Hier ist es das zwiespältige, von selektiver Sympathie geprägte Verhältnis des Menschen zur Natur.
Martensteins Humor lebt von verblüffenden Bezügen und Schlussfolgerungen, die mal provozieren, mal hinterfragen. Er funktioniert wie ein Sandkorn, der das Mainstream-Getriebe überall da zum Knirschen bringt, wo sich Absonderliches als Normalität tarnt, zum Beispiel das Umfrageergebnis, dass elf Prozent der Deutschen einem Krieg mit Liechtenstein zustimmen würden. Immer pointiert Martenstein jedoch, ohne zu verletzen, nicht zuletzt, weil er sich mit schöner Ironie gerne selbst als Projektionsfläche für Unzulänglichkeiten anbietet. Gerade der Verzicht auf die von manchen Kollegen eingenommene Feldherrenposition, von der aus gnadenlos lästerlich um sich gedroschen wird, macht Martensteins Klasse aus und sichert ihm auch in Trier größte Sympathie.ae
Nächster Gast in der Reihe "Die Humorprofis" ist am Dienstag, 29. Mai, Piet Klocke.