Blick über den Tellerrand

Die Theater in Kaiserslautern und Saarbrücken sonnen sich derzeit, zumindest was die Oper angeht, in überregionaler Anerkennung - für ein unkonventionelles Repertoire und risikofreudige Inszenierungen. Zemlinskys "König Kandaules" in der Pfalz und der Opernzwilling Cavalleria Rusticana/Bajazzo an der Saar bestätigen den Trend.

Kaiserslautern. Vor allem das erst vor 12 Jahren wiederentdeckte Spätwerk von Alexander Zemlinsky hat die großen Opernhäuser innerhalb eines Jahrzehnts erobert wie kaum eine zweite "Ausgrabung". Mit dem Pfalztheater traut sich nun auch ein kleineres Haus an die Herausforderung - mit überzeugendem Ergebnis.

"Der König Kandaules" ist die märchenhafte Geschichte eines Herrschers, der seine Schätze nur genießen kann, indem er andere an ihnen teilhaftig werden lässt. Dazu gehört auch seine traumhaft schöne Frau Nyssia, die er für eine Nacht dem durch einen Zauber unsichtbaren armen Fischer Gyges überlässt. Doch die Liebesnacht ist folgenreich: Kandaules wird im Nachhinein eifersüchtig, der Schwindel fliegt auf, Nyssia zwingt Gyges, Kandaules zu ermorden und an seiner Stelle auf den Königsthron zu steigen.

Der Sagen-Charakter der Geschichte wird durch die symbolistische Inszenierung von Henry Arnold in dem mystischen, an eine Felsengrotte erinnernden Raum von Thomas Dörfler noch betont.

Alptraumbilder, die faszinieren



Es wird viel mit - im doppelten Sinn - Projektion gearbeitet, mit (Alp-)Traumbildern, die faszinieren. Die Personenregie ist präzise, die Geschichte wird anschaulich erzählt, wenn auch ein bisschen handzahm. Die erotische Komponente, die ihr innewohnt, kommt kaum zum Tragen. GMD Uwe Sandner lässt das Orchester des Pfalztheaters mit lautmalerischer Finesse und rauer Schönheit musizieren, unter den Solisten begeistert vor allem Thomas de Vries als Gyges. Douglas Nasrawi muss in der Titelrolle kämpfen, Valérie Suty bleibt als Nyssia blass. Trotzdem: ein Muss für fortgeschrittene Opernfans.

Was in der Pfalz szenisch etwas zu brav bleibt, macht das Saarbrücker Theater bei "Cavalleria Rusticana/Der Bajazzo" durch Exaltiertheit wieder wett. Regisseurin Inga Levant und Ausstatter Friedrich Eggert verlegen den mörderischen Doppel-Opern-Tatort vom bäuerlichen Süden Italiens in die römische Filmstadt Cinecittà.

Mascagnis "Cavalleria" entpuppt sich hier als Kulissen-Drama am Rande einer Sandalenfilm-Produktion, bei dem die Komparsin Santuzza ihren Freund Turiddu, den Sohn der Studio-Kantinenwirtin Lucia, an das Starlet Lola verliert, weshalb deren Liebhaber, der mafiöse Studioboss Alfio, den Nebenbuhler von gedungenen Mördern meucheln lässt.

Das hat mit dem Original-Libretto wenig zu tun, was nicht schlimm wäre, ginge die Personen-Charakteristik nicht an der Musik vorbei. Mascagnis tragische Santuzza singt und spielt Dubravka Musovic als eifersüchtiges Set-Luder, das mit Gläsern und nicht immer ganz präzisen Tönen um sich wirft.

Der "Bajazzo" ist dann deutlich besser getroffen. Das Film-Studio ist in der Jetztzeit angekommen, der Jet Set lässt sich feiern, und die wahren Künstler in Gestalt des Komödianten Canio und seiner Truppe sind zu Pausenclowns heruntergekommen. Das packt und fesselt, zumal mit Rafael Rojas eine echte Tenor-Entdeckung als Canio, aber auch Turiddu zu hören ist: kraftvoll, aber nicht kraftmeiernd, charakterisch timbriert, ohne Allüren.

Dirigent Constantin Trinks produziert saftige Dynamik und große melodische Bögen, kann aber manche Unebenheiten zwischen Graben und Bühne nicht überdecken, vor allem beim Chor.

König Kandaules: 14. Februar, 11. und 20. März. Info: www.pfalztheater.de

Cavalleria/Bajazzo: 17., 21. Februar, 3., 8., 27. März, weitere Termine bis Juli. Info: www.saarlaendisches-staatstheater.de