Blick zurück: Der Zuspruch zum Theater schwankt extrem

Blick zurück: Der Zuspruch zum Theater schwankt extrem

Kulturverantwortliche diskutieren die neueste Bilanz. Der Einbruch bei den Gästen betrifft besonders Musicals. Dafür stieg die Zahl der Abonnenten.

Trier Während am Trierer Theater zu Beginn der neuen Spielzeit mit vielen neuen Künstlern die Zeichen auf Neuanfang stehen, haben sich die Trierer Kulturpolitiker in dieser Woche noch einmal mit den Zahlen der Vergangenheit beschäftigt.

Wie die Verantwortlichen dem Kulturausschuss der Stadt Trier mitteilten, sind die Besucherzahlen in der Spielzeit 2016/17 erneut gesunken. Es war die Saison, die Intendant Karl Sibelius geplant hatte, in der er aber zunächst krank und später mit Abfindung verabschiedet worden war. Ein siebenköpfiges Gremium hatte die Führung des Hauses übernommen.
In der Sibelius-Spielzeit 2015/16 waren insgesamt (Gastspiele eingerechnet) noch 87 252 Zuschauer gekommen. Die hauseigenen Produktionen sahen damals 79 452 Menschen - ein Minus von fast 20 Prozent im Vergleich zur vorangegangenen Ära von Intendant Gerhard Weber.
Nun wurden es nochmals acht Prozent weniger. Denn lediglich 73 294 Besucher sahen in der Saison 2016/17 die Eigenproduktionen des Hauses (mit Gastspielen 85 748). In diese Spielzeit fiel auch die Freistellung des ehemaligen Intendanten Karl Sibelius, der mit der Auflösung seines Vertrags 300 000 Euro Abfindung erhielt. Auch Kulturdezernent Thomas Egger musste gehen, nachdem das Budget um Millionenbeträge überzogen wurde.
Der neue Intendant Manfred Langner und Eggers Nachfolger Thomas Schmitt hatten allerdings auch Erfreuliches zu verkünden: So konnte die Zahl der Abonnements von 1318 auf 1582 erhöht werden - diese Zahl dürfte noch steigen, da die neue Spielzeit noch nicht begonnen hat. "Wir haben jeden, der sein Abonnement gekündigt hat, angeschrieben", sagte Schmitt. Er hofft, einst treue Theaterzuschauer so zurückzugewinnen. Von den 100 000 zahlenden Gästen, die Oberbürgermeister Wolfram Leibe als Ziel ausgegeben hatte, ist man dennoch weiter entfernt als zuvor.
Gewinner der zurückliegenden Saison ist - genau wie in den Vorjahren - Generalmusikdirektor Victor Puhl, dessen Konzerte im Schnitt deutlich besser besucht wurden als die Darbietungen der übrigen Sparten: 10 700 Menschen lauschten dem Orchester, 89 Prozent der Sitze waren besetzt.
Die mit Abstand meisten Besucher (12 381, Auslastung knapp 80 Prozent) lockte das Kinderstück "In 80 Tagen um die Welt", das, anders als angekündigt, nicht 40, sondern lediglich 25 Mal gezeigt wurde. Genau wie zuletzt "Peter Pan" unter Sibelius. Das ist wohl einer der Hauptgründe dafür, warum an die früheren Besucherzahlen nicht heranzureichen ist. Insgesamt kann sich das Kinder- und Jugendtheater über eine starke Auslastung freuen (77,62 Prozent). Die Statistik konnte das dennoch nicht retten.
Insbesondere die Musicalsparte bleibt meilenweit hinter der vorangegangenen Spielzeit zurück, in der das Theater allein mit den sehr teuren Produktionen "Jesus Christ Superstar" und "Rent" 13 400 Menschen gelockt hatte. Diesmal sahen nicht einmal 9000 Menschen die Musicals der Saison. Bei "Jekyll & Hyde" blieben gar über 60 Prozent der Sitze leer. Und selbst "Cabaret" - der absolute Publikumsliebling der Spielzeit - konnte die Statistik nicht schönen. Zwar war fast jede der 29 gefeierten Aufführungen ausgebucht. Doch kamen jeweils maximal 100 Zuschauer in den Genuss, das Stück im Kasino am Kornmarkt zu sehen (insgesamt knapp 3000 Zuschauer).
Da einige Produktionen in der präsentierten Statistik den falschen Sparten zugeordnet wurden, ist noch nicht ganz klar, wie es unterm Strich um Schauspiel, Tanz oder Bürgertheater steht. Fest steht: "Faust" lockte in 16 Aufführungen zwar 5000 Zuschauer, doch spielte das Ensemble vor halb leeren Rängen. Fast 70 Prozent der Plätze waren hingegen beim "Steppenwolf" belegt und mehr als 90 Prozent bei "Happy Hour".
"Die Statistik ist nicht so katastrophal, wie wir es befürchtet hatten", sagte Ausschussmitglied Ulrich Dempfle. "Trotzdem erschreckt es schon, wenn in der Oper nur eine Auslastung von 50 Prozent da ist" - denn diese Zuschauer seien normalerweise Stammpublikum. Auch im Vorjahr waren die Ränge bei Opernaufführungen im Schnitt halb leer geblieben. Erfolgreichste Produktion im großen Haus war die Oper "Hänsel und Gretel", die mehr als 8000 Menschen sahen (60 Prozent der Plätze waren belegt). Im Kasino erfreute sich "Maria de Buenos Aires" großer Beliebtheit (97 Prozent Auslastung).
Die Tanzsparte weist - je nachdem wie groß der Saal war - extrem unterschiedliche Auslastungen auf. Im großen Haus waren oft nur ein Viertel oder ein Drittel der Ränge gefüllt, während "Stabat Mater" in den Viehmarktthermen mehr als 80 Prozent Auslastung erreichte und "Next Generation" sogar über 90.
Dempfle: "Unter der künstlerischen Leiterin Susanne Linke und Waltraud Körver wurde dort gute und skandalfreie Arbeit geleistet. Wir müssen überlegen, wie wir mehr Menschen für das Tanztheater begeistern können."
Ein großer Erfolg der vergangenen Spielzeit war auch das topaktuelle Stück "Terror", bei dem knapp 2000 Zuschauer (98 Prozent Auslastung) im Landgericht Trier am Ende selbst ein Urteil fällten.
Dezernent Thomas Schmitt wagte die Prognose, dass das Budget 2017 eingehalten werden könne.
Der neue Intendant Langner wollte sich gar nicht zu lange mit der Vergangenheit aufhalten und verriet erste Pläne fürs kommende Jahr. So sei die kulturelle Bildung ein großer Bestandteil seines Handelns. Auch das kulturelle Erbe der Stadt Trier wolle das Theater wesentlich mitbegleiten. Zum Karl-Marx-Jahr 2018 habe er ein Auftragswerk an einen renommierten Schriftsteller vergeben.
Man wolle Marx zeigen, aber auch zur Diskussion stellen. Denn für ihn, Langner, sei das Theater auch ein gesellschaftliches Forum. Mindestens zwei, besser noch drei Produktionen sollen in der kommenden Spielzeit zudem im Freien stattfinden. "Ich wünsche mir, dass wir im Juni ein Musical und eine Kinderproduktion ins Freie legen können", sagte der Intendant. Seine Hoffnung: auf diese Weise neue Zuschauer zu generieren.

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