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Blickfang auf Absätzen

Blickfang auf Absätzen

Die Zeile "Ich will doch nur spielen" machte Annett Louisan berühmt. Dass sie weit mehr ist als das Etikett "männerverschlingender Vamp", das ihr nach ihrem ersten großen Erfolg verpasst wurde, hat sie bei ihrem vom Trierischen Volksfreund präsentierten Konzert in der Europahalle Trier bewiesen.

Trier. "Die Größe spielt gar keine Rolle." Es ist ein oft zitierter Satz (vorzugsweise von Frauen), der auf den Tour-T-Shirts von Annett Louisan prangt. Eine Zeile aus ihrem Lied "Die Wahrheit". Ob sie nun wahr ist oder falsch, auf Annett trifft das auf jeden Fall zu. Gerade mal 1,50 Meter ist sie groß, die Frau mit den großen Augen, langen blonden Haaren und der Stimme, deren Beurteilung von "piepsig" bis "außergewöhnlich" reicht. Manchmal ist weniger Körpergröße nämlich auch mehr Bühnenpräsenz. Die besitzt sie definitiv. Egal, ob sie bei "Daddy" an der Bühnenkante sitzt, bei "Das alles wär nie passiert" gedankenverloren auf ihren Zehn-Zentimeter-Absätzen vor sich hin tanzt oder bei "Blender" ihre Wut heraussingt: Es fällt schwer, den Blick abzuwenden. Selbst dann, wenn sie während mancher Lieder mitten im Publikum - im wahrsten Sinne des Wortes - verschwindet. Ihre Bandmitglieder tun dazu ihr Übriges: Ebenso wie Annett in Schwarz gekleidet, halten sie sich stets im Hintergrund und überlassen ihrer Frontfrau jene Eigenschaften, die sie gekonnt ausspielt: Ausstrahlung und Wirkung. Während Komiker Mario Barth Trier am vergangenen Samstag schon fast alles über Männer und Frauen gesagt hat, was es zu sagen gibt, macht es Annett gleich noch einmal - intelligent allerdings, und charmant. "Rosenkrieg", "Er" und natürlich das Lied, das ihr den "Lolita"-Stempel aufdrückte, "Das Spiel": Oft witzig, manchmal böse, selten ausschließlich traurig sind ihre Beschreibungen zwischenmenschlicher Beziehungen. "Ich wünschte, es gäbe für einige Momente im Leben die richtige Hintergrundmusik", sagt die Wahl-Hamburgerin, "denn das würde diese Momente intensivieren." Annetts Musik ist die passende Melodie für die leisen, manchmal auch schmerzlichen Augenblicke. Aber auch für die Momente, in denen ein bisschen Hoffnung dringend nötig ist. Auch wenn es für Annett als Person nicht zutrifft, so ist weniger manchmal doch mehr. Beim Bühnenbild zum Beispiel. Denn eigentlich hätte sie es nicht nötig, zur Illustrierung ihrer Lieder Bilder an die Bühnenwand zu projizieren und den Film, der zu ihren Texten im Kopf der Zuschauer unweigerlich entsteht, so enden zu lassen. Ihre Lieder wirken zweifellos besser ohne diese Hilfsmittel. Etwas mehr als zweieinhalb Stunden (inklusive Pause und drei Lieder vom kanadischen Gast-Sänger Martin Gallop) dauert ihr Konzert in Trier. Es scheint ihr Spaß gemacht zu haben, denn sie hatte im Vorfeld im TV-Interview angekündigt, auch länger als die obligatorischen zwei Stunden spielen zu wollen, "wenn das Publikum mitmacht". Natürlich: Es kommt nicht auf die Länge an. Aber manchmal ist ein Mehr an Annett Louisan auch ein Mehr an guter Unterhaltung.