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Blödsinn, Unsinn, Wahnsinn

Blödsinn, Unsinn, Wahnsinn

Ein Talent für Fremdsprachen hat Helge Schneider nicht. Dafür aber die Fähigkeit, sein Publikum aus dem Nichts heraus zu unterhalten. 3500 Zuschauer haben sich in der Arena Trier von ihm über den Sinn und Unsinn des Lebens aufklären lassen.

Trier. Dutzende Male muss der junge Mann mit dem dunkelblauen Cordanzug, den Opa vor 30 Jahren mal getragen hat, der Sonnenbrille und dem Strohhut auf dem Weg zu seinem Platz stehen bleiben. Ein Foto mit einem Wildfremden hier, ein Schulterklopfer und Lächeln, das irgendwo zwischen Bewunderung und Mitleid anzusiedeln ist, dort. Ganz klar, der Mann ist Helge-Schneider-Fan. Da muss die Liebe groß sein - wer sonst würde freiwillig aussehen wollen wie Schneider? Eines ist sicher: Schneiders Anhänger sind nicht oberflächlich. Eher genügsam. Da reicht es schon, wenn Helge einen Koffer auf die Bühne schleift, ohne einen Ton von sich zu geben. Jede Handbewegung wird mit Johlen und Applaus quittiert. Nun ist er nicht durch sein pantomimisches Talent berühmt geworden. Eher durch seine Fähigkeit, Unsinniges so rüberzubringen, dass es irgendwie doch wieder Sinn macht. Wahnsinn - das sagen ihm die nach, die mit seinem Humor nichts anfangen können. Ein Sinn, der sich nicht jedem erschließt, antworten seine Fans. Ob nun sinnhaft oder nicht, ihm ist das egal. Gesegnet mit einem großen Selbstbewusstsein ist Schneider allemal. "Das war's, tschüss!", sagt er nach fünf Minuten Klavierspiel und Pantomime. Natürlich geht er nicht, aber "gelohnt hätte sich das hier jetzt schon für beide Seiten". Eine längst ausgestorbene Spezies

Fünf Musiker hat er auf seiner "Akopalüze Nau!"-Tour dabei. Es ist fast ein Wunder, dass sie nicht schon längst das Weite gesucht haben. Denn ein Chef, wie sie ihn sich wünschen, ist Schneider nicht. Jedenfalls nicht auf der Bühne, nicht vor den Zuschauern. Ob Bassist Rudi Contra ("Der ist schon 90, und es ist ja schön für ihn zu wissen, dass man in dem Alter noch gewollt ist. Das ist unsere soziale Aufgabe.") oder Percussionist Sergej Gleithmann, der ohne weiteres auch als Double des Wüsteneinsiedlers im Film "Das Leben des Brian" durchgehen könnte. "Eine Spezies, die schon längst als ausgestorben galt. Sie ernährt sich hauptsächlich von Käfern und lebt in Erdlöchern", stellt Schneider ihn vor. Zum Dank darf Gleithmann Jane-Fonda-mäßig im hautengen Gymnastik-Anzug Aerobic zu Schneiders Piano-Klängen präsentieren. Keine Frage, Schneider ist ein Improvisationstalent. Meistens plappert er drauflos, den Eindruck erweckend, dass er zu Beginn des Satzes nicht weiß, wie er enden wird. Macht nichts, der Weg ist das Ziel. Das funktioniert oft, aber nicht über zwei Stunden. Manchmal ist der Weg zu lang und es scheint fast, dass der Mann aus Mülheim an der Ruhr vergisst, dass dort unten 3500 Menschen sitzen, die auf die nächste Pointe warten. Aber kurz bevor die Gedanken abschweifen, ist er wieder ganz da. Der Höhepunkt: Schneiders imaginäres Duett "Udo", in dem er Lindenberg perfekt parodiert. Grandios sind aber auch seine englischen und französischen Lieder, auch wenn die wohl kein Muttersprachler verstehen würde. Zwei Mal "Paris", einmal "Pissoir", ungefähr zehn Mal "Mademoiselle" - fertig ist das französische Chanson. Herrlich ist auch seine englische Aussprache, das "th" wird konsequent ignoriert. Zum Nachsprechen: [Ei bräik tugesser] ist wohl die Entsprechung seines Refrains von "I brake together". Und mal ehrlich: Wer braucht ernsthaft einen Sinn, wenn ein langhaariger Mann mit Sonnenbrille, Schlaghose und Gummiglatze die Absurditäten des Lebens erklärt.