Blutiger Sonntag

Als am 17. Februar 1965 ein Schwarzer von der Polizei niedergeschossen wird und anschließend seinen Verletzungen erliegt, explodiert der Unmut über systematische Diskriminierungen. Bürgerrechtler Martin Luther King will das nicht hinnehmen und organisiert einen Protestmarsch von der Stadt Selma nach Montgomery organisieren.

Washington. Eigentlich, denkt man, ist alles gesagt über Selma, den Marsch, mit dem sich schwarze Amerikaner vor fünfzig Jahren ihr Wahlrecht auch in der Praxis erkämpften. Doch mit "Selma", dem Kinofilm, gelingt es der Regisseurin Ava du Vernay, die schreienden Widersprüche jener Zeit so zu bündeln, dass auch Spätgeborene auf Anhieb begreifen, wie grotesk das alles war.
In Oslo, im Dezember 1964, nimmt Martin Luther King den Friedensnobelpreis entgegen, im Ausland gefeiert als zweiter Gandhi, ein Held zivilen Ungehorsams. In Selma, Alabama, versucht währenddessen eine 55-Jährige namens Annie Lee Cooper, sich ins Wahlregister einzutragen.
Verwaltungsschikane versperrt ihr den Weg. Wer dunkle Haut hat und abstimmen möchte, muss einen Test bestehen, einen Wissenstest nach Art des Südens. Als Erstes soll Cooper, gespielt von Oprah Winfrey, die Präambel der amerikanischen Verfassung aufsagen, was ihr mühelos gelingt. Auch auf die Frage, wie viele Bezirksrichter es in Alabama gibt, weiß sie die richtige Antwort: 67.
"Zählen Sie die Namen auf", verlangt schließlich der Beamte hinterm Schalter, bevor er selbstzufrieden lächelnd einen Stempel auf Coopers Antrag krachen lässt und ihr den Gang an die Urne mangels staatsbürgerlicher Grundkenntnisse verweigert. In der Stadt Selma, brachte es der Prediger King seinerzeit auf den Punkt, saßen mehr Schwarze im Gefängnis, als Schwarze zur Wahl zugelassen waren.
Am Sonntag, 7. März 1965, marschieren mehrere Hundert Menschen über die Edmund Pettus Bridge, eine Brücke über den schlammbraunen Alabama River, die noch immer den Namen eines Anführers des Ku-Klux-Klans trägt. Ziel ist Montgomery, 80 Kilometer entfernt, die Hauptstadt des Bundesstaates. Am anderen Ufer warten Polizisten, manche zu Pferde, andere mit Holzknüppeln in den Händen. Tränengasgranaten fliegen, berittene State Troopers peitschen auf Fliehende ein, als wären sie Sklaven.
An diesem Bloody Sunday, sagt J. L. Chestnut, der erste schwarze Anwalt der Stadt, habe er den Glauben an Amerika verloren. Und ihn wiedergefunden, als auch weiße Amerikaner nach Selma kamen, um Solidarität zu üben, bis der dritte Anlauf tatsächlich bis nach Montgomery führte.
Das Aufbegehren der Zivilgesellschaft gegen die Anmaßung bornierter Amtsträger ist das Thema des Dramas, das schon deshalb für Aufsehen sorgt, weil Hollywood Großaufträge nur selten an Frauen vergibt, noch seltener an Afroamerikanerinnen wie du Vernay.
Dass "Selma" eine überraschend heftige Debatte auslöst, liegt an der Darstellung Lyndon B. Johnsons, des US-Präsidenten, der einerseits den Krieg in Vietnam eskalierte, andererseits daheim Reformen anpackte, weitaus mutiger als sein Vorgänger John F. Kennedy. Auf der Leinwand ist LBJ der große Zauderer, der sich erst bewegt, als ihn die Horrorbilder des blutigen Sonntags unter Handlungsdruck setzen. "Ich habe hundert Probleme zu lösen", hatte er entgegnet, als King ihn bedrängte, den überfälligen Voting Rights Act nicht auf die lange Bank zu schieben. "Das Wahlrecht im Süden ist nur eines davon, und es ist nicht das dringendste."
Es gibt Historiker, die der Kinoversion energisch widersprechen. Mark Updegrove, Direktor der LBJ-Präsidentenbibliothek, wirft du Vernay vor, "eines der heiligsten Kapitel" der Bürgerrechtsbewegung grob zu verzerren. Johnson habe mit King im selben Boot gesessen; wer daraus eine Kontroverse konstruiere, ignoriere die Fakten. Joseph Califano, damals Berater im Weißen Haus, meint sogar, kein anderer als LBJ habe das Marschieren angeregt. Was die Filmemacherin von einer "atemberaubenden" Behauptung sprechen lässt, beleidigend für die wahren Organisatoren.
Tatsächlich schwingt etwas Paternalistisches mit in den Äußerungen weißer Zeitzeugen, allein das macht den Diskurs so brisant. Hinzu kommt die Erinnerung an Hillary Clinton, die 2008, in der Hitze des Vorwahlgefechts gegen Barack Obama vom Traum eines Martin Luther King sprach, der nur deshalb in Erfüllung ging, "weil wir einen Präsidenten hatten, der sagte, wir machen das jetzt".
Es war der Versuch, den Rivalen als eine Art Sonntagsredner ohne Durchsetzungsvermögen hinzustellen, und noch immer gibt es Obama-Anhänger, die Clinton den Satz übelnehmen. Dennoch, für Ava du Vernay hat der Streit etwas Bizarres, typisch Washington, weil er sich um die Manöver der Machtzentrale dreht statt um die Courage der kleinen Leute. "Dies ist kein Film über LBJ. Es ist ein Film über die schwarzen Bewohner von Selma."
Der Film läuft ab 19. Februar in Deutschland.