Bon Iver in der Rockhal Esch

Indie-Folk und mehr : Bon Iver in der Rockhal: Der Riss lässt das Licht rein

Indie-Folk mit Verfremdung: Bon Iver und sein gefeierter Auftritt in der Rockhal.

Es gibt einige, für die ist Bon Iver der Inbegriff des Hipsters. Vollbartträger mit hauchzarter Seele, individuell bis zur Unkenntlichkeit. Klischees, für die Justin Vernon wenig kann, der Mann aus Wisconsin, der hinter dem Projektnamen Bon Iver steckt. Er befeuert sie weder musikalisch und auch nicht unbedingt optisch. Jedenfalls nicht mehr. Das hat sich beim eindrucksvollen Auftritt in Luxemburg gezeigt.

Am Dienstagabend auf der großen Rockhal-Bühne, vor den beiden Drummern, umgeben von Saxofon, Gitarren, Bass, Keyboards: Ein weißer Enddreißiger mit schwindendem Haupthaar. Er trägt ein grünes Muskelshirt, das den Blick auf die tätowierten Arme freilegt, darüber breite geschlossene Kopfhörer. Nicht die fast unsichtbaren in den Ohren, wie sie fast alle Musikerkollegen tragen, die sich auf der Bühne hören wollen: Das mag ihn optisch abschotten und distanzieren vom Luxemburger Publikum, bei dem sich Bon Iver sehr freundlich bedankt, wenn auch ein bisschen beliebig. Aber er ist eben ganz nah bei sich, immer. Emotional, introvertiert, zunehmend kryptisch. Der Erfolg macht ja auch nicht alles einfacher. Es gab Zeiten, da wollte Vernon Bon Iver begraben, irgendwann nach dem Hype samt Grammy und vollen Arenen. Zeiten, in denen er Panikattacken hatte und Depressionen, wie er einst berichtete. Die sind zum Glück vorbei, wie es aussieht.

Bei der Show gibt es Codes und Zeichen im Überfluss, auf der LED-Wand – als Teil der sehr geschmackvollen Visuals –, in den Lyrics, im Kopf. Es sind Texte wie eine geschlossene Faust: Man kann sich denken, was drinsteckt, aber nie sicher sein.

Seine Stimme ist Bon Iver über die Jahre zu wenig geworden, auch wenn er zwischen Brustton und seinem markanten Falsett durchaus flexibel ist: So schickt er seinen Gesang auf dem aktuellen Album „22, A Million“ fast ständig durch Vocoder und Harmonizer, er verfremdet und verzerrt. Das mag ihm Kanye West ans Herz gelegt haben, mit dem er zusammengearbeitet hat.

Auch in der Musik spielt der simple Akustik-Folk von einst nur noch eine Nebenrolle. Die Elektronik hat einen größeren Stellenwert gewonnen. Die klassischen Songstrukturen werden zunehmend aufgehoben. Vielleicht braucht es die Risse, damit das Licht reinkommt. Die fast zweistündige Show ist jedenfalls eine helle Freude, auch wenn es einzelne Höhepunkte gibt: wie den Opener „Perth“, den alten Publikumsliebling „Skinny Love“ oder auch die beiden letzten Songs des Abends, „Creature Fear“ und – als Zugabe – „The Wolves I & II“.

Es ist ein Konzertabend, der viele im Publikum berührt hat. Auch wenn Bon Iver dem Publikum in der Rockhal „Flume“ vorenthält, den wohl schönsten Song, makellos. Vielleicht einfach zu schön, um noch wahr zu sein.

Bon Iver tritt am 19. Juli in Wiesbaden auf (Open Air). Fans von Bon Iver könnte auch der Auftritt von Son Lux interessieren: Der Amerikaner spielt am 15. August in den Rotondes Luxemburg (Teil der Congés-Annulé-Festivalreihe)

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