Literatur : American Normalo

Der Autor, der einen Psychopathen erfand, wird mit seinem neuen Buch zur Stimme der Vernunft: Bret Easton Ellis. Schon 1991 schrieb er über Trump.

Lawinenartiger Hass, Schmähgewitter, Morddrohungen – all das hat Bret Easton Ellis damals erlebt, 1991, lange bevor soziale Medien asoziale Verhaltensweisen begünstigten. Ja, sein eigener Verlag wandte sich von ihm ab. Kritiker brandmarkten ihn als Perversen. Denn der 27-Jährige hatte mit „American Psycho“ ein Monster erschaffen: einen Investmentbanker, der nach Börsenschluss zum Serienmörder mutiert. Und weil Ellis dies so plastisch anschaulich, chirurgisch präzise und klinisch kalt beschrieb, glaubten manche Leser, die Romanfigur Patrick Bateman wäre in gewisser Weise der Autor selbst.

Eine Fehleinschätzung. In Wahrheit war jener Antiheld ein Spiegelbild seiner Zeit. Der Prototyp des geld- und statusgeilen Aufsteigers der 80er. Habgier galt nicht länger als Todsünde, sondern als Voraussetzung, um zügig Millionär zu werden. Mitgefühl, Freundschaft oder gar Liebe waren dabei nur hinderlich. Das Einzige, was Bateman von seinen Kollegen und Bekannten unterscheidet, ist die Lust am Morden. Diese malt Ellis derart detailliert aus, dass man dabei leicht eine Nebenfigur übersieht, die ein Vierteljahrhundert später zur Hauptfigur Amerikas werden sollte: Donald Trump.

Dass er das Idol des Serienkillers Bateman ist, gehört zu jenen makabren Pointen, an denen das Buch reich ist. Das mag erklären, warum Ellis seit jeher Trump nicht sonderlich ernst nimmt. In einem Roman, in dem alle Beteiligten frei von Rücksicht und Skrupeln agieren, fällt ein egomanischer Immobilienmogul nicht weiter ins Gewicht.

Diese Vorgeschichte ist wichtig, um Ellis' neues Werk besser zu verstehen. „Weiß“ ist ein Sachbuch, eine Mischung aus Autobiografie und Streitschrift. Anders gesagt: Ellis nimmt sich die Gegenwart vor, indem er sie mit der eigenen Vergangenheit vergleicht. Weil er kein Nostalgiker der Sorte „Früher war alles besser“ ist, beschreibt er die 70er und 80er so, wie sie wirklich waren: als eine Zeit, in der vieles schmutzig, kaputt und runtergekommen war, aber auch aufregend und irgendwie frei.

Er wuchs – typisch für jene Epoche – ohne Helikoptererziehung auf. Die Erwachsenen lebten ihr Leben, die Kinder ihres. Es interessierte Eltern nicht, wie der Nachwuchs seine Freizeit verbrachte. Ellis beschreibt, wie er als Jugendlicher Horrorfilme und Pornografie entdeckte. Und da es auch in der Wirklichkeit genug Schrecken und käuflichen Sex gab, gab er sich keinen Hoffnungen über den Zustand der Welt hin. Gleich sein erster Roman „Unter Null“, den er als 21-Jähriger veröffentlichte, ist ein Lehrstück in Sachen Illusionslosigkeit.

Mit dem Erfolg wird Ellis Teil der von ihm beschriebenen Medienwelt. Er lernt Schauspieler kennen, die sich, sobald die Reportermikrofone eingeschaltet sind, in phrasendreschende Heuchler verwandeln, weil sie um ihr Image und damit um ihre Karriere fürchten. Und er beschreibt, wie mit dem Aufkommen von Social Media plötzlich jeder zum Schauspieler wird. Denn wer in der Facebook- und Twitter-Welt nicht als „Hater“ – als hassgetriebener Außenseiter – gelten will, muss sich als sympathischer, freundlicher Mensch inszenieren. Der „Gefällt mir“-Button tritt an die Stelle kontroverser Argumente. Friede, Freude, Eierkuchen. Alle Menschen werden Brüder und Schwestern.

Alle? Nein. Wer den „Wir haben uns alle lieb“-Verhaltenskodex bricht, wird aus dem medialen Streichelzoo ausgeschlossen. So bleiben Gleichgesinnte unter sich. Es findet kein Austausch von Gedanken mehr statt. Jede Gruppe lebt in ihrer Blase. Dort ist kein Platz für Abweichler. In dieser Intoleranz sieht Ellis auch den Grund dafür, dass kein einziger Meinungsforscher Trumps Sieg bei der amerikanischen Präsidentschaftswahl vorhersah. Sich vor der Abstimmung zu Trump zu bekennen, wäre mit gesellschaftlicher Ächtung verbunden gewesen. Also hielten sich viele bedeckt und brachten erst in der Wahlkabine ihre wahre Meinung zum Ausdruck. Ellis kennt einige ehemalige Obama-Anhänger, die ins Trump-Lager wechselten – natürlich nur heimlich und unterm Siegel der Verschwiegenheit.

Das ist dann der Punkt, an dem Ellis die Welt nicht mehr versteht. In einem Interview mit der Zeitschrift „The New Yorker“ bekannte er, dass er nicht sonderlich politisch sei. Ihn interessiert nicht, inwiefern sich die Ziele eines Donald Trump von denen einer Hillary Clinton unterscheiden. Ihn interessiert, warum Leute hysterisch reagieren, sobald sich jemand als Trump-Anhänger outet. Ellis begreift nicht, warum Menschen andere Meinungen nicht mehr aushalten. Erst recht nicht vor dem Hintergrund seiner eigenen Biografie. Als junger Mann erlebte er ein Sperrfeuer von Anschuldigungen, Beleidigungen und Drohungen – und ging abgehärtet daraus hervor. Daher ist es ihm ein Rätsel, warum die in den 80er und 90er Jahren Geborenen so dünnhäutig sind. Warum sich die „Generation Weichei“, wie er sie spöttisch nennt, bei jeder Gelegenheit als Opfer fühlt.

Spricht hier ein privilegierter weißer Mann (worauf das englische Buchcover, auf dem unter „white“ auch die Begriffe „privileged“ und „male“ zu lesen sind, ironisch verweist)? Nein, als Homosexueller gehört Ellis selber zu einer Gruppe, die mit Diskriminierung und Vorurteilen zu kämpfen hat. Aber er ist es leid, dass Schwule in Filmen (wie dem oscarprämierten „Moonlight“) noch immer als Opfer einer intoleranten Gesellschaft dargestellt werden und nicht als Menschen, die ihr Leben meistern und dabei genauso triebhaft, egoistisch und berechnend sind wie der typische Heterosexuelle.

So staunt man über den Bret Easton Ellis des Jahres 2019. Einst schuf er mit Patrick Bateman einen Amokläufer. Heute warnt er vor Dauer-Empörten, die bei nichtigen Anlässen – einem ironischen Tweet, einer doppeldeutigen Formulierung – rhetorisch Amok laufen und zu verbaler Lynchjustiz aufrufen. Ellis sieht die Demokratie in Gefahr, wenn Menschen Angst haben, ihre Meinung zu äußern. In Zeiten der Radikalisierung ruft ausgerechnet jener Mann, der den radikalsten Roman seiner Zeit schrieb, zu Mäßigung, Gelassenheit und verbaler Abrüstung auf. Der „Perverse“ von einst sehnt sich nach Normalität. Ist die Wirklichkeit am Ende schlimmer als jeder Ellis-Roman?