Broadway-Hit erobert Trier

Broadway-Hit erobert Trier

So euphorisch hat das Publikum selten eine Produktion am Theater Trier gefeiert. Kaum sind die letzten Töne des Musicals "Rent" verklungen, springen alle Zuschauer im ausverkauften Haus von ihren Sitzen, spenden den grandiosen Darstellern Applaus. Bereichert hat das emotionale Stück ein genialer Kunstgriff des Regisseurs Malte C. Lachmann. Wenn das mal kein Publikumshit wird.

Wo soll man da anfangen? Was loben, was beanstanden, wenn die Kurzkritik lauten könnte: Genial! Für das Musical "Rent" hat Intendant Karl Sibelius einen Cast zusammengestellt, wie ihn das Trierer Theater selten gesehen hat. Einzelne Darsteller hervorzuheben - schier unmöglich. Vielleicht singen Sasha Di Capri und Sidonie Smith eine Spur ausdrucksstärker, vielleicht spielen Sybille Lambrich und Manuel Dengler eine Spur eindrucksvoller als die Kollegen. Doch das sind Nuancen.

Zu oft bezaubern die Akteure in einzelnen Szenen. Welche zuerst nennen? Machen wir es chronologisch und beschränken wir uns auf drei: Da ist dieses romantische Duett "Light My Candle", wenn Gogo-Girl Mimi (Lambrich) den Nachbarn Roger (Di Capri) um Feuer für ihre Kerze bittet. Kitschig wird das nicht, bilden doch die Lederjacken und Mimis zerrissene Netzstrümpfe den krassen Gegensatz dazu. Oder der "Tango: Maureen", in dem der Ex (Mark/Christopher Ryan) und die jetzige Freundin (Joanne/Kathrin Hanak) von Maureen (Sidonie Smith) gesanglich und tänzerisch in Eintracht schwelgen. Oder das "Take Me or Leave Me”, in dem Maureen und Joanne ihren Hass auf- und ihre Liebe zueinander bezeugen.

Manuel Dengler singt und spielt sich mit seiner Angel in die Herzen des Publikums. Diese engelsgleiche Stimme, diese anmutigen Bewegungen, diese liebliche und zugleich unverschämte Art. Die abgefahrene Drag-Queen trägt ihren Namen zu Recht. Das zarte Wesen mit den blonden Löckchen, ganz in unschuldiges Weiß gekleidet, glaubt trotz widriger Umstände an die Liebe und hält die Freunde zusammen.

Norman Stehr als Collins hat seinen großen Moment beim Solo an Angels Beerdigung. Sein herzzerreißendes "I'll Cover You" rührt zu Tränen: Vereinzelt ist ein Schniefen zu hören, manch einer reibt sich verstohlen die Augen. Auf der Bühne, aber auch im Zuschauerraum.

Als Überraschung entpuppt sich die junge Sybille Lambrich (26) - gesanglich, spielerisch und tänzerisch. Ihre Mimi ist so überschwänglich lebensfroh, so überaus romantisch und gleichzeitig betörend. Mal mädchenhaft, mal lasziv. Ihre Stimme mal zärtlich, mal aggressiv. Das Highlight: Lambrichs erotisch-akrobatischer Poledance (Choreographie: Daniel Morales Peréz).

Zurück zum Stück: Die Story ist schnell erzählt. Eine Gruppe befreundeter Künstler lebt im New York der 1990er Jahre, ohne Geld, meist ohne Job, teils todkrank, aber voller Ideale und Träume. Klingt nach Puccinis "La Bohème", ist es in Teilen auch, etwa in der Kerzenszene. Transformiert ins Jetzt und Heute, mit aktueller Musik, die die Band (Jörg Bracht, Christoph "Junior" Haupers, Marco Lehnertz, Stefan Schoch, Florian Turbing) unter der Leitung von Dean Wilmington routiniert rockig rüberbringt. Sie ist nicht nur akustisch, sondern auch optisch omnipräsent im Bühnenhintergrund, getrennt durch einen durchscheinenden Vorhang.Spartanisches Bühnenbild

Muse und Lustobjekt: Die drogensüchtige und aidskranke Tänzerin Mimi (Sybille Lambrich) bezirzt den Rockmusiker Roger (Sasha Di Capri). Foto: vincenzo laera


Davor tut sich ein Abgrund menschlicher Schwächen auf: Armut, HIV, Machtspiele, Drogensucht und andere Abhängigkeiten. Da begehrt der Filmemacher Mark die Performance-Künstlerin Maureen, die längst die Seite gewechselt hat und mit der Anwältin Joanne liiert ist. Da hadert der Musiker Roger mit seiner Vergangenheit und der Liebe zu Mimi. Da verwandelt sich der ehemalige Mitbewohner Benny (ein überzeugender Matthias Stockinger) zum Immobilienhai.

Anders als die großen Gefühle im Vordergrund, ist das Bühnenbild eher spartanisch. Daniel Angermayr hat die weißen Stoffwände mit Graffiti, teils Zitate aus dem Stück, beschrieben. Natürlich darf - wie immer in dieser Saison - ein erigierter Penis nicht fehlen. Geschenkt. Das Teil ist zwar riesig, aber außerhalb des Blickfelds positioniert. Zumal auch die schnellen Szenenfolgen und die exzellenten Akteure alle Aufmerksamkeit auf die Spielfläche ziehen. Die Kulisse bildet gleichzeitig Marks und Rogers Wohnung (ein Sofa, ein Sessel und ein Kühlschrank auf einer mobilen Plattform) als auch die Straße und der Treffpunkt der Aids-Selbsthilfegruppe - teils alles gleichzeitig.

Auch wenn das Stück komplett in Englisch gesungen wird. Es gibt keine Abstriche in der Verständlichkeit. Nicht nur, weil alle Texte im Übertitel übersetzt sind. Sondern weil Regisseur Malte C. Lachmann mit der Joanne von heute (Carin Filipcic) eine zusätzliche Figur geschaffen hat, die die Lebensumstände ihrer Freunde in ihrem Zeitkontext erklärt - inklusive Hintergründe zu Komponist und Autor Jonathan Larson, seinem Viertel und zur Krankheit Aids. Umfassender geht's nicht.

Ob die Darsteller, wie von Lachmann angekündigt, Broadway-Niveau haben, kann jemand, der dort nie ein Musical gesehen hat, kaum beurteilen. Fakt ist: So eine brillante Besetzung sucht ihresgleichen, vor allem in einem so kleinen Haus wie Trier. Selbst die Companie (Barbara Brandt, Carsten Emmerich, Conny Hain, Lawrence Shawn Hutton, Regina Kletinitch, Miké Thomsen) kann mithalten.

"Rent" war zwar in New York ein Renner, ist aber in Deutschland wenig bekannt. Das dürfte sich zumindest im Westen der Republik nun ändern. Neun Vorstellungen hat Intendant Karl Sibelius für das Musical reserviert. Es sollte wundern, wenn die ausreichen.

Weitere Vorstellungen am 3., 6., 7., 8., 15., 23., 26. Januar und 2. Februar, jeweils 19.30 Uhr, sowie 10. Januar, 16 Uhr. Tickets: Telefon 0651/718-1818, E-Mail: theaterkasse@teatrier.de

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