Bühne 1 inszeniert Bauersimas Norway.Today in der Kunstakademie Trier

Theater : Ein echter Lichtblick: Norway.Today in Trier

Bühne1 inszeniert Norway.Today in der Europäischen Kunstakademie Trier als berührendes Musikschauspiel.

Wofür lohnt sich das alles? Das tägliche Aufstehen, das ständige Kopf-Zermartern, das ewige Lernen, das stumpfe Knechten, das leere Befehlen. Das ganze Geld-Verballern für drei Sekunden Glückshormon to go. Der Sex, die Drogen und die Nüchternheit. All das brave „Ja und Amen“ oder das genauso egale „Fuck you!“. Wofür eigentlich?

Das ist keine rhetorische Frage und keine, die aus der Depression wuchert. So zumindest in Igor Bauersimas Stück „Norway.Today“. Zwei junge Menschen, August und Julie, verabreden sich im Internet zum Selbstmord, gemeinsam wollen sie von einer 600 Meter hohen Klippe in Norwegen springen. Dafür gab es ein reales Vorbild, ohne Happy End. Jedenfalls nicht aus Sicht der Hinterbliebenen.

Bauersima hat auf die Fragen keine universellen Antworten, es gibt keine Energydrinks für Lebensmüde. Aber wer sich die aktuelle Inszenierung der Bühne 1 in der Europäischen Kunstakademie anschaut und insbesondere anhört, geht doch vielleicht gelassen in die gute Nacht.

Regisseur Michael Gubenko von der Bühne1 inszeniert Norway.Today als Musikschauspiel. Livemusik spielt eine große Rolle am Abend: Schon vor Beginn stimmt „Dhresen“ ein, Keyboard und Schlagzeug, atmosphärisch, mal einlullend, mal fordernd. Kein Jazz, keine Klassik, kein Pop, aber irgendwo zwischen den Polen zu Hause. Auf der anderen Seite der Bühne, die sich mittig über die komplette Raumlänge erstreckt, sorgt später das Trio „Tired Eyes Kingdom“ (Elif Dikec, Isabelle Pabst, Yotam Schlezinger) für Atmosphäre. Sie spielen teils eigens für die Inszenierung geschriebene Stücke, die im Trip Hop und Ambient wurzeln und die sich perfekt in die Fjord-Szenerie einfügen. Die Kulisse ist einfach, aber effektiv (Bühne/Kostüme: Nadja Szymczak). „Do not disturb“, mahnen die großen Leuchtbuchstaben unter der Decke. Eine lange Stoffplane steht für die schneeverwehte Klippe, kann aber leicht in die Zelt-Kulisse verwandelt werden, wo August und Julie näher zu sich finden. Liebe als einzige Antwort? Das wäre dann doch ein bisschen zu profan. So steht der Selbstmord-Plan auch noch am Tag nach der heißen Nacht. Sie filmen ihre vermeintlich letzten Worte, sind unzufrieden, fangen von vorne an. So will man nicht abtreten: Nichts ist egal in einer Welt, der alles egal ist. Gestorben wird hier und heute nicht. Auch, weil die Schönheit der Welt immer wieder ihren Weg findet, es gibt immer Neues zu entdecken, auch in dunkler Nacht – bei August und Julie in Form des Polarlichts.

Jennifer Toman und Till Thurner spielen die Rollen souverän und berührend zugleich. Das ganze Klippen-Spiel ist so dicht und atmosphärisch umgesetzt, dass auch kleinere Klischee-Anflüge in Bauer­simas Stück kaum stören.

Vor der Premiere in der Kunstakademie gab es von Ministerpräsidentin Malu Dreyer großes Lob für die Arbeit der freien Szene – und konkret der Bühne1. Das lässt sich auch nach der Premiere bedenkenlos bestätigen. „Norway.Today“ ist professionelles, berührendes Theater – mit viel Leidenschaft auf die Bühne der Kunstakademie gebracht. Sehr zu empfehlen.

Vom Premieren-Publikum gibt’s sehr freundlichen Applaus und „Bravo“-Rufe.

Weitere Aufführungen: 19., 21., 22. November, 3., 5., 6., 7. Dezember.

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