Bürgersparte des Theaters Trier bringt Georg Büchners „Woyzeck“ auf die Bühne

Bürgertheater : Ein Woyzek, der rührt und bewegt

In der Bürgersparte des Theaters Trier hatte Georg Büchners Drama „Woyzeck“ mit ausgesprochen engagiertem Spiel Premiere.

„Woyzeck“ sei die offene Wunde, hat Heiner Müller einmal festgestellt. Eine übelriechende, noch immer nicht vernarbte Wunde, entstanden durch soziale Ungerechtigkeit, menschliche Verrohung und Kälte. Was der Berliner Dramatiker anlässlich der Verleihung des Georg-Büchner-Preises an ihn 1985 feststellte, hat unverändert Gültigkeit. „Woyzeck“ bleibt bis heute das Sinnbild der von seiner eigenen Spezies geschundenen menschlichen Kreatur.

Mit eben mal 23 Jahren  begann Georg Büchner 1836, sein Drama vom einfachen Soldaten zu schreiben, der gedemütigt und gemaßregelt von seinen Vorgesetzten, von der Wissenschaft als Versuchsobjekt traktiert und  betrogen von seiner Geliebten, mit der er ein uneheliches Kind hat, aus Eifersucht und psychischem Druck zum Mörder wird. Kurz darauf starb der Dramatiker und hinterließ lediglich eine Reihe Fragmente, die je nach Regie-Idee immer neu zusammengefügt werden können. Inzwischen hat man sich auf eine Standard-Bühnenfassung geeinigt, die auch das Trierer Bürgertheater bei seiner neuen Produktion zugrundelegt. Der „Woyzeck“ ist – das sei gleich vorab gesagt – ein Wahnsinnsdrama, das nichts von seiner Faszination und Komplexität verloren hat. Es verdient allergrößten Respekt, dass sich Theaterpädagogin und Regisseurin Nina Dudek und ihr generationenübergreifendes  Laien-Ensemble an diesen höchst anspruchsvollen Stoff gewagt haben, der auf einem tatsächlichen Gerichtsfall beruht und auf Franz Kafka und weit in die Moderne hinausweist.

Die Wahl des Dramas belegt zudem ein modernes Verständnis von Bürgertheater, das weit mehr ist als Publikumsbindung oder Liebhaber-Theater. Im Bürgertheater soll unmittelbar jener Dialog geführt und jene Bewusstseinsbildung in Gang gesetzt werden, die das professionelle Schauspiel üblicherweise erst über den geistigen und seelischen Transfer des Bühnengeschehens beim Publikum schafft.

Tatsächlich präsentiert sich der Trierer „Woyzeck“ gleich bei der Premiere im Studio des Theaters als ein Projekt, dem sich die Schauspieler hochengagiert widmen. So vergeht der eineinhalb Stunden dauernde Theater-Abend auch als eine zügige bunte Aufführung, die ausgesprochen bewegende wie sehr poetische Momente hat. Schlüssig sind auch die Symbole des Bühnenbildes (Bühne: Nina Dudek). Ein paar Baumstämme und ein Wasserbecken als Teich stehen für die ambivalente Natur, die wie in jedem Menschen auch in Woyzeck gleichermaßen tröstlich wie bedrohlich mächtig ist.

Hoch auf ihrem Podest sitzen die hohen Herren, Woyzecks Peiniger, Arzt und Hauptmann. Dagegen  schaut das einfache Volk aus der Röhre, hier aus aufgetürmten Tonnen. All das ist eindrücklich. Allerdings fehlt es der Inszenierung an szenischer und dramaturgischer Phantasie. Dudek lässt in einer Art neo-realistischen Szenenfolge solide am Text entlang spielen, den sie mit Zitaten  aus den „Psychose“-Monologen der britischen Dramatikerin und Regisseurin Sarah Kane versetzt hat. Kanes psychotische Wahnvorstellungen höhnen gleich zu Beginn als maskierte Gestalten, die sich zu den Stimmen des nächtlichen kargen Bühnenwaldes gesellen, den zutiefst verstörten Woyzeck. Eine Szene, die zu den stärksten des Abends gehört und an Shakespeare erinnert. Leider ist Dudek nicht so radikal wie ihre Kollegin Kane. „Was ist der Mensch?“, ist die zentrale, ungeheuer aktuelle Frage dieses Stücks, ein biologisch gesteuerter Organismus oder ein sozial bestimmtes Wesen? Für Büchner ist er vordringlich ein gesellschaftliches Produkt, im Fall der „einfachen“ Leute und in Woyzecks Fall im Besonderen das Opfer einer dünkelhaften Ständegesellschaft und ihrer beschränkten Konventionen. Dudek zeigt dazu keine klare Haltung und verzichtet auch auf den Nachweis der Aktualität ihres Stücks durch entsprechende Verweise. Das ist ein ausgesprochenes Defizit dieser Aufführung. Stattdessen belässt sie es bei der reinen Parabel und setzt auf poetische Bilder, das burlesk Volksnahe einschließlich seiner Lieder  sowie den Psychoterror der Wahnvorstellungen. So gerät die Personenzeichnung vielfach unterkomplex und stellt Ausstattung (Kostüme: Stephan Vanecek) vor Auslotung. Völlig außer Kontrolle gerät Dudek die Personenführung in der Prügelei zwischen Tambourmajor und Woyzeck und der finalen Mordszene, in der Woyzeck selbst für Bühnenverhältnisse unnötig hyperrealistisch, Marie im  sich rot färbenden Wasserbecken ertränkt, wo sie als durchnässte Wasserleiche bis zum ­Schlussapplaus bleibt.

Unter den engagierten Schauspielern ragt Thomas Edelmann als Woyzecks heraus. Auf eindrucksvoll leise Art vermag er die Wundheit seiner Figur zu vermitteln, seiner Rolle Tiefe zu verleihen und die philosophischen Einsichten der volksnahen Sprache vernehmbar zu machen.  Sie stehen im krassen Gegensatz  zum hohlen Hochdeutsch des eitlen Arztes (Heinz-Georg Meyer) und des auf vermeintlich gute Sitten bedachten Hauptmanns (Fabian Barte). Als Woyzecks Geliebte Marie rührt Ruth Winandy. Allerdings ist ihre Figur wie die ihres Liebhabers, des Tambourmajors (Clemens Pretz), zu eindimensional angelegt. Als treuer Andres hat Heiko Gode nur eine winzige Rolle, die er aber bewegend ausfüllt. Die musikalische Einstudierung hatte Patricia Schröter. Anhaltender Applaus vom vorwiegend jungen Publikum im vollen Studio.

Weitere Aufführungen am  11., 13., 15., 20. und 25. November, jeweils um 19.30 Uhr im Studio. Karten gibt es online auf www.theater-trier.de, unter der Mailadresse theaterkasse@trier.de sowie unter Telefon 0651/ 718-1818.

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