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Bypass gegen den Kulturinfarkt

Bypass gegen den Kulturinfarkt

Wie viel ist den Deutschen ihre Kultur wert? Bei der Debatte über diese Frage steigt die Drehzahl so schnell, wie das Volumen der öffentlichen Haushalte sinkt. Zeit, das Buch und die Lage aus der Sicht einer ländlichen Region wie Trier zu beleuchten.

Ehrlich gesagt: Es ist mir fast zu deprimierend, meinen Facebook-Account zu öffnen. Fast täglich erreichen den ungeneigten Leser immer dramatischere Appelle gegen die Schließung von Theatern und Orchestern, den Abbau von Sparten und Museen. Protestierende Profimusiker singen auf dem Marktplatz "Aus tiefer Not schrei ich zu dir", Parteien rufen zum Kampf gegen den Kulturkahlschlag auf, den Vertreter der gleichen Parteien andernorts gerade beschlossen haben.
Was allen Mahnungen zum Trotz keiner glauben wollte: Der Ernstfall ist da. Kulturinstitutionen, die sich auf einen (längst geschwundenen) gesellschaftlichen Konsens über ihren Erhalt verlassen haben, registrieren entsetzt, wie ihre sorgsam gepflegte kleine Welt in die Brüche geht.

Es kann jeden treffen
Es passiert nicht nur an der Peripherie. Es kann jeden treffen. Ob Schwerin, Rostock, Wuppertal, Duisburg, Eisenach, Köln, Bonn: Überall dräuen Theaterschließungen oder zumindest der Abbau von Sparten. Bei den Orchestern, von denen seit 1990 jedes vierte kassiert wurde, sind es längst nicht mehr nur Klein-Klangkörper in Remscheid oder Herford, die per Online-Petition um Beistand für ihren Erhalt bitten. Gerade geht\'s mit dem Spar-Rasenmäher durch die hochre nommierte Rundfunkorchesterlandschaft. Und auch das Kunstmuseum Bochum heischt Hilfe gegen die Schließung.
Es fällt freilich auf, dass die Zahl der Protestierenden kaum mit der inflationären Zahl der Protestaufrufe mithält. Die Szene versichert sich wechselseitig der Solidarität, von Massenbewegung kann selten die Rede sein, oft bleibt selbst das Stammpublikum stumm. Je weniger Widerständler, desto fester die Wagenburg: Kein Quadratzentimeter dem Feind. Gekämpft wird bis zur letzten Patrone, und das Feuilleton, ebenfalls eine vom Aussterben bedrohte Kunst, trommelt den Takt dazu.

Wie ein Blitz im dürren Wald
Da muss ein Buch wie der "Kulturinfarkt" einschlagen wie ein Blitz in einen verdorrenden Wald. Den Autoren - als Kulturwissenschaftler immerhin vom Fach - wurde ein kollektives "Verräter!" entgegengeschleudert, ihr Vorstoß als populistisches Hirngespinst abgetan. Die Autoren machen es ihren Kritikern freilich auch leicht. Sie drücken sich um den Knackpunkt: Warum und in welchem Ausmaß soll die Gesellschaft Kultur finanzieren, und wie wird entschieden, welche Kultur unterstützt wird?
Da findet man als Antwort zunächst nur das Hohelied des Marktes. Kultur ist, was beim Publikum ankommt - dieses überall im Buch anzutreffende Credo wirft die Frage auf, warum man überhaupt Kultur subventionieren muss. Soll doch das Publikum entscheiden: Wenn es die Fischer-Chöre lieber mag als Fidelio, lassen wir Fidelio eben sein. Inga Lindström schlägt Henrik Ibsen? Was soll\'s, Hauptsache Skandinavien. Und ist die Penck-Ausstellung wirklich wertvoller als die von Panini-Bildern?
Irgendwo muss den Autoren mulmig geworden sein, und so befanden sie bestimmte Kulturen denn doch als förderwürdig: Weltkultur, innovative Kultur, Laienkultur. Aus ihrer Sicht das Gegenteil dessen, was der Mainstream der Nach-68er-Kulturdiktatoren derzeit in seinen Theatern und Museen zelebriert.

Deformation durch Subvention
Hinter solch einfältig gestrickten, bisweilen etwas sarrazinesk wirkenden Thesen verschwinden jene Teile des Buches, die den Finger mit Recht in manche Wunde des deutschen Kulturbetriebs legen. Denn dass eine Rundum-Subventionierung auch zu Deformationserscheinungen führt, liegt auf der Hand. Zu viel Geld, das in den Apparat fließt, zu viele Beschränkungen, Regularien, Tarifverträge, zu wenig Freiraum für Kreatives, Innovatives, zu wenig Geld, um das Produkt Theater oder Museum an den Mann und die Frau zu bringen, zu viele Produktionen, die am Publikum vorbeigehen: Das sagen auch Schauspieler, Musiker und Intendanten - natürlich nur, wenn sie nicht zitiert werden.
Nach außen gilt aber für die ganze Kulturszene der reaktionäre Grundsatz: Right or wrong - my country. Der Sommerfestival-Macher, der mit einem Promille des Theaterbudgets tolle Veranstaltungen auf die Beine stellt, der kleine Kreativkulturwirtschaftler, dem seine Kommune Knüppel zwischen die Beine wirft, statt ihn zu unterstützen: Sie solidarisieren sich brav, wenn es darum geht, in Berlin drei Opernhäuser zu erhalten.

Kultur heißt: Infrage stellen
So verharrt die Kultur wie ein erratischer Block in der Landschaft. Man kämpft bis aufs Messer um den Erhalt jeder Einrichtung, selbst wenn man insgeheim an ihrer Sinnhaftigkeit zweifelt. Das Argument "Was weg ist, kommt nicht wieder" wird zur pauschalen Bestandsgarantie.
Dabei heißt Kultur doch: infrage stellen. Die Gesellschaft, die Politik - aber eben auch sich selbst. Kultur braucht ein stabiles Fundament, aber kein Erstarren in Apparaten. Sie wird sich auf die Suche machen müssen nach Bypässen gegen den Infarkt. Sie muss dabei um Sympathie und Interesse der Menschen werben, indem sie die Schönheit und Bedeutung von Kultur für möglichst viele erlebbar macht. Kultur versteht sich heute nicht mehr von selbst. Wer sie trotzig einklagt wie einen Rechtsanspruch, wird gesellschaftliche Akzeptanz nicht erreichen.

Bitburg ist nicht Hamburg
Manches wird wehtun. Nicht alles, was Kultur ist, muss mit Zähnen und Klauen verteidigt werden. Eine Schließung in Thüringen, wo auf einer Fläche von der Größe des alten Regierungsbezirks Trier bis zu fünf Theater betrieben werden, ist etwas anderes als eine Schließung in Trier, die einen Kahlschlag für eine ganze Region bedeutet. Denn ein halbes Theater gibt es nicht. Und weiter: Reden wir über Grundversorgung oder Sahnehäubchen? Die Kreismusikschule Bitburg-Prüm gehört zur ersteren, die Elbphilharmonie Hamburg nicht. Beides Kultur. Aber auch beides eine Aufgabe der öffentlichen Hand? Und was ist wichtiger? Aus Sicht der Region keine Frage.
Lassen sich ökonomischere Formen finden, Theater oder Museen zu betreiben? Wäre es nicht manchmal sinnvoller, mit geringen Mitteln Privatinitiative zu fördern, statt teure Institutionen zu päppeln? Ist es zu viel verlangt, dass Kultureinrichtungen programmlich kooperieren statt zu konkurrieren?
Viele Fragen. Viele Handlungsfelder. Viele Möglichkeiten. Verändern muss sich die Kultur selbst. Beharrt sie ausschließlich auf dem Bestehenden, wird sie die Fassade vielleicht noch ein paar Jahre aufrechterhalten können. Aber auf der Hinterbühne ist derweil längst alles abgebrannt.

Das sagen die Kulturmacher in der Region …Teneka Beckers, Tuchfabrik Es stimmt, dass gegen die Erstarrung der Kulturlandschaft gekämpft werden muss; das passiert aber seit vielen Jahren. Voran geht es aber nicht durch das Zerschlagen gewachsener Strukturen, sondern durch deren Weiterentwicklung. Auch die Tufa arbeitet an der Öffnung ihrer Strukturen; sie muss sich aus dem starren Prinzip der Vereinszugehörigkeit lösen. Die von den Autoren behauptete "Couch" der öffentlichen Förderung gibt es nicht mehr. Es ist aber unerlässlich, dass die Akteure über Ziele und Aufgaben der öffentlichen Kulturförderung vor Ort gemeinsam diskutieren - wie es in Trier mit der Erarbeitung der kulturpolitischen Leitlinien geplant ist.

Dorian Steinhoff, Freier Autor Trier: Eine konzeptlose Verwaltung klopft sich auf die Schultern und hält außer Einfallslosigkeit und gebundenen Händen wenig hoch: Hurra, antike.aktuell! Eine zerfaserte freie Szene steht mit aufgehaltener Hand auf Amtsfluren und verarztet mit Defätismus die eigene Amateurhaftigkeit. Die Institutionalisierten strampeln mittelamputiert dem Interessendiktat ihres Publikums hinterher. Was also tun? Strategieentwicklung, werte Damen und Herren! Vorbehalte abbauen, Professionalisierung fördern, Interessen ab- und angleichen, symbiotisch kooperieren. Spinner liefern die Ideen, Institutionen setzen sie um und die Verwaltung schmückt sich. Ich würde mitmachen.

Gabriele Lohberg, Europäische Kunstakademie Mit einer Kürzung der Kulturausgaben werden nachhaltig angelegte Strukturen auf Dauer vernichtet. Der Kulturbetrieb ist sehr personalintensiv, wodurch bei Kürzungen viele Arbeitsplätze verloren gehen. Die Stadt kann durch Kultureinsparungen kaum Schulden abbauen, da Kultur nur eine marginale Summe im Gesamthaushalt darstellt. Kultur ist Bildung und daher genauso unverzichtbar. Wir würden gern mehr in Öffentlichkeitsarbeit investieren, aber dazu fehlt das Geld. Welch eine Ironie, würden doch durch mehr Teilnehmer auch mehr Hotelbetten belegt, mehr Restauranttische reserviert, mehr Fahrräder geliehen.

Gerhard Weber, Theater Trier Die von den Autoren empfohlene Mischfinanzierung öffentlich/privat wird die Theater in kleineren Städten mangels ausreichender Sponsoren zerstören. Dann werden wir in Trier allenfalls noch eine "Bitburger-Bühne im Casino am Kornmarkt" haben. Das Buch fordert, das Programm "an der Schnittstelle von Nachfrage und künstlerischer Ambition klug auszutarieren". Letzteres geschieht im Theater Trier und den anderen geförderten Theatern in Deutschland. Die Kritik der Autoren an einem "Kulturapparat von elitärer Arroganz" geht fehl, weil sich die Theater soziokulturellen Projekten widmen und permanent Kosten und Nutzen von Kultur abwägen.

Joachim Arnold, Musik-Theater Saar Die Autoren bestätigen meine Einschätzung, dass die meisten heutigen Organisationsformen im Kunstbetrieb weder künstlerisch produktiv noch wirtschaftlich tragbar sind. Außerdem verzerren sie den Wettbewerb gegenüber denjenigen, die fast ohne Subventionen nicht weniger künstlerischen Output und Qualität erzeugen. Die Situation ist die Folge eines geradezu kartellhaften Lobbyismus der Szene, gepaart mit dem Unvermögen der verantwortlichen Politiker, die wahren Zusammenhänge, Kostenstrukturen und Verbesserungspotenziale innerhalb von Theaterbetrieben zu begreifen und infolgedessen die Systeme tatsächlich zu verändern.

Hermann Lewen, Mosel Musikfestival Solange Ausgaben für Kulturereignisse wie etwa das Mosel Musikfestival weiterhin als freiwillige Ausgaben der Kommunen angesehen werden, solange sie nicht akzeptiert werden als das, was sie sind, nämlich existenziell wichtige Beiträge sowohl zur kulturellen Grundversorgung als auch als zur Wirtschaftsförderung eines touristischen Premiumproduktes, solange es immer noch wichtiger erscheint, Kunstrasenplätze für Dorfsportvereine mit Kosten in Millionenhöhe zu fördern … solange habe ich eigentlich keine Lust, mich an dieser Diskussion zu beteiligen.