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Campino im Interview über sein Buch "Hope Street"

Interview mit Campino : „Ich wollte mir das Heiraten aufbewahren für die richtige Person“

Der Tote-Hosen-Sänger spricht über seine heimliche Hochzeit in New York, die Liebe und seine Sicht auf die Corona-Demos.

Das Hauptquartier der Toten Hosen im Düsseldorfer Stadtteil Flingern. Eben sind die ersten Exemplare von Campinos Buch „Hope Street“ angekommen. Darin beschreibt der 58-Jährige das vergangene Jahr aus Sicht eines Fans des FC Liverpool. „Wie ich einmal englischer Meister wurde“ lautet der Untertitel. Der Band ist aber nicht nur Fußball-Bericht, sondern auch Erinnerung, Selbstbeschreibung, Autobiografie. Campino schreibt über seine englische Mutter, über seinen Vater und die Jugend in Mettmann. Zum Gespräch gehen wir vom Büro in die Lagerhalle gegenüber, wo die Toten Hosen Tourmaterial aufbewahren. In der Wohnung im ersten Stock hat Campino 20 Jahre lang gelebt. Beim Sprechen dreht er manchmal den breiten Goldring, der an seinem linken Ringfinger steckt.

Herzlichen Glückwunsch zur Hochzeit!

Campino Danke.

Wie fühlst du dich als Ehemann?

Campino Gut. Nicht anders als vorher.

Im Buch schreibst du erst von „meiner Verlobten“ und plötzlich von „meiner Frau“. Warum nennst du ihren Namen nicht?

Campino Weil sie nicht gerne in der Öffentlichkeit steht.

Du hast in New York geheiratet. War die Band dabei?

Campino Nein, wir waren allein.

Deine Frau nennt dich hin und wieder „Philip“. Warum?

Campino Weil ich manchmal ein paar Schritte hinter ihr herlaufe wie Prinz Philip der Queen.

Charmant.

Campino Es passt ganz gut.

Fühlst du dich nun das erste Mal geborgen in einer Familienkonstellation, seit deine Eltern gestorben sind?

Campino Es hat mehr mit dem eigenen Bedürfnis zu tun, irgendwann mal anzukommen. Für mich war immer klar, dass ich nur einmal in meinem Leben heiraten würde. Und wenn ich es tun würde, müsste das gut überlegt sein. Ich wollte mir das aufbewahren für die richtige Person.

Fünf oder sechs Mal nennst du sie im Buch „meine liebe Frau“.

Campino Das darf manchmal durchaus ironisch verstanden werden.

Wenn du Liebeslieder geschrieben hast, hatten die bisher nie ein Happy End. Wird sich das künftig ändern?

Campino Ich weiß nicht, ob ich irgendwann mal in der Lage sein werde, ein Liebeslied zu schreiben, das glücklich endet, aber nicht in den Kitsch gerät und trotzdem gut ist. Es gehört handwerklich zu den schwierigsten Dingen, ein tolles Liebeslied zu schreiben. Aber ich werde nicht aufhören, es zu versuchen.

Du schreibst, du hättest Liebe ­früher anders definiert als heute. Inwiefern?

Campino Liebe war für mich früher immer nur Euphorie und totale Begeisterung. Und wenn irgendwas nicht funktioniert hat, war da sofort eine Irritation. Inzwischen ist es so, dass man vielleicht versteht, dass es da um mehr gehen muss. Dass Liebe also nicht nur mit Euphorie zu tun hat, sondern auch mit Vertrauen und Freundschaft: den anderen so lassen, wie er ist, und sich trotzdem sicher sein, dass man zusammen durch das Leben geht. Das hatte ich früher nicht in mir, weil ich mir immer eine Tür aufgehalten habe: Vielleicht passiert noch was anderes, vielleicht verpasse ich was. Ich denke, das ist ganz normal, wenn man jung ist. Ich glaube aber auch, dass man dadurch die Möglichkeit verspielt, sich wirklich zu 100 Prozent auf jemanden einzulassen. Erst wenn man bereit ist, die Tür zuzumachen, kann man die 100 Prozent geben.

Dein Buch handelt für mich von einem Menschen, der herauszufinden versucht, wo er herkommt.

Campino In jedem Fall ist das so. In meinem ersten Geistesblitz hatte ich nur die Idee, die Saison des Liverpool FC zu begleiten. Das fand ich lustig. Aber ich habe relativ schnell gemerkt: Ich muss ja erst mal erklären, warum ich Liverpool-Fan bin und wie es dazu kam. Da war ich schon mit einem Bein drin in meiner Familiengeschichte. Es ist die Beschreibung einer Familie nach dem Krieg bis in die Wirtschaftswunderzeit und darüber hinaus.

Du sagst, du hättest deinen Eltern gerne Fragen gestellt. Welche wären das gewesen?

Campino Meinen Vater hätte ich nach genaueren Erinnerungen aus dem Krieg gefragt. Wie weit ging sein Wissen? Die ganze Ambivalenz dieser Sache: als Soldat loyal gegenüber seinem Land und den Menschen zu Hause zu sein und dabei einem verbrecherischen Regime zu dienen. Von meiner Mutter hätte ich gerne gewusst, warum sie nie in ihre Heimatstadt Burnley zurückkehren wollte, und mehr über ihre Ängste und Nöte. Ich bedauere sehr, dass ich die Zeit nicht genutzt habe, mehr zu fragen. Mir war als Kind nicht bewusst, was diese beiden Menschen in den Ring geworfen haben, um ihr Leben miteinander zu verbringen.

Ist das Buch auch ein Liebesbrief an deine Eltern? In der Hoffnung, dass sie es irgendwo mitbekommen?

Campino Das wäre schön. Ich schließe meine Geschwister mit ein, wenn ich sage: Bei allen Streitigkeiten, die es gab, sind wir glücklich, dass es uns so gegeben hat. Ich glaube, wir sind stolz auf unsere Eltern.

Hättest du vor 40 Jahren gedacht, dass du diesen Satz einmal sagen würdest?

Campino Das hätte ich damals so nicht gesagt. Aber ich hätte festgestellt, ich komme mit ihnen klar. Jahrelang hat meine Mutter mit mir nicht im selben Zimmer gefrühstückt, weil sie meinen Anblick als Punk nicht ertragen hat. Aber das hat sich ja alles wieder gelöst, und ich verstehe im Nachhinein, dass das alles Sorgen waren. Sie war wirklich sehr besorgt, dass ich mein Leben nicht in den Griff kriegen würde und unter die Räder komme könnte. Das war pure Hilflosigkeit. Und ist lange verziehen.

Du reist dem FC Liverpool durch die Welt hinterher. Wie gleichst du eigentlich deine negative Klimabilanz aus?

Campino Eigentlich versuche ich, ein umweltbewusstes Leben zu führen, aber mit diesem Widerspruch muss ich klarkommen. Ich habe mit mir selbst ausgemacht: Ich entrichte Kompensationszahlungen. Da wird genau umgerechnet, wie groß die Umweltverschmutzung ist, die ich mit einer Reise verursache, und diesen Betrag verdopple ich dann. So kann ich mir einreden, ich helfe, die Welt zu retten, wenn ich zu Liverpool-Spielen fliege. Ist natürlich völliger Selbstbeschiss. Aber so weit bin ich in meiner Reife noch nicht, dass ich sage, ich bleibe nur noch zu Hause und gucke das im Fernsehen.

Corona spaltet die Gesellschaft. Vor dem Reichstag demonstrierten Menschen gegen die Einschränkung der Grundrechte. Was denkst du darüber?

Campino Es ist schon ein gefährliches Gebräu, was sich da zusammengefunden hat. Man steht fassungslos da. Dass der Regierung eine Agenda unterstellt wird, sie wolle nur das Schlimmste für die Gesellschaft, kann man kaum glauben. Die Auseinandersetzung am Reichstag: Damit ist die Linie schon längst überschritten. Es ist schwer zu ertragen, wie viel Dummheit sich da mit Aggression paart. Aber es scheint auch eine große Verunsicherung in Teilen der Bevölkerung zu geben.

Was sollte man tun?

Campino Mit vielen Querköpfen ist es verlorene Liebesmüh zu argumentieren. Die Menschen, die sich bisher neutral verhalten, sollten sich klarer von den Verschwörungstheoretikern abgrenzen. Einigen Leuten sollte klar werden, mit wem sie da eine Allianz bilden. Ich finde, wenn es deutlich erkennbar ist, dass Rechtsradikale eine Bewegung unterwandern, hat man sich dagegenzustellen. Man sollte keine Kumpanei anfangen mit Leuten, mit denen es nichts zu verhandeln gibt.

Ihr seid eine Band, deren Kraft man erst spürt, wenn man euch live erlebt mit 60.000...

Campino Bands wie die Toten Hosen sind der komplette Gegenentwurf zum Verhalten in Corona-Zeiten. Wir stehen für viele Menschen auf engem Raum, es soll getanzt, geschrien und geschwitzt werden. Und man trinkt auch was. Ich bin nicht bereit, da einen Kompromiss einzugehen. Ein Tote-Hosen-Konzert mit markierten „Inselchen“, wo Hausgemeinschaften auf einer Wiese stehen? Dann lieber gar nicht. Nun gilt: auf Holz beißen und das durchstehen. Für uns geht es erst weiter, wenn das Problem in den Griff bekommen ist.

Würdest du dich als angekommen bezeichnen?

Campino Auf keinen Fall. Was soll ich denn jetzt schon am Endbahnhof machen? Da gibt es noch eine Menge zu erleben. Und ich werde auch noch eine Menge falsch machen. Aber ich möchte Fehler und Zeitverschwendung minimieren. Ich möchte für meine übrige Zeit die Prioritäten richtig setzten. Aber die Reise ist bei Weitem nicht zu Ende. Hoffe ich.