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CD-Kritik Melody Gardot „Sunset in the blue“

CD-Kritik : Hervorragendes Gesamtkunstwerk

Auf ihrem bereits sechsten Album seit 2008, „Sunset in the Blue“, bietet die US-amerikanische Sängerin Melody Gardot wieder einen umfangreichen Mix aus mehreren Musikstilen: Zugrunde liegt immer noch der Jazz, doch zum Beispiel auch Blues, Chanson und Pop sind auf dem wirklich hochkarätigen Werk zu finden.

Inhaltlich widmet sich die in Paris lebende Melody auf „Sunset in the Blue“ der Liebe und der dazugehörenden Romantik, nachdem ihr Vorgänger-Studio-Album „Currency of Man“ von 2015 eher politisch inspiriert war.

Für ihren aktuellen Tonträger hat  Melody erneut viele fantastische Musiker gewinnen können: Vince Mendoza sorgt für mehrere Arrangements, der deutsche Trompeter Till Brönner – auf dessen Album „Rio“ sie 2008 ein Lied sang – ist bei zwei Titeln mit dabei: der Eröffnungsnummer „If You Love Me“ und „Um Beijo“ (7). Der portugiesische Sänger António Zambujo interpretiert mit Gardot gemeinsam den Song „C‘est Magnifique“ (2). Rockstar Sting (früher der Sänger von Police) hat mit Melody den Bonustrack „Little Something“ (13) aufgenommen. Der Titelsong „Sunset in the Blue“ (6) wurde von Jesse Harris komponiert und auch getextet. Er gehört zu den im wahrsten Sinne des Wortes ausgezeichneten jüngeren Songschreibern (unter anderem mehrfach mit dem  Grammy). Neben einigen selbst geschriebenen und komponierten Titeln bietet Gardot auch überzeugende Varianten von Standards, etwa „You Won’t Forget Me“ (5) oder auch Henry Mancinis „Moon River“ (11). Überraschend ist auch, mit welcher Leichtigkeit Melody Gardot mit ihrer weichen, samtigen Stimme mehrere Sprachen (Englisch, Französisch, Portugiesisch) auf dem Album intoniert.

Interessant auch das Zustandekommen des „Global Digital Orchestra“, das beim Titel „From Paris With Love“ (9) bei einem Arrangement Vince Mendozas zum Einsatz kommt: „Sunset in the Blue“ war fast fertiggestellt, da kam in Frankreich der erste Lockdown. Gardot rief über soziale Netzwerke weltweit arbeitslose Musiker dazu auf,  sich an einem digitalen Orchester zu beteiligen. Die Namen der Beteiligten hat Melody im Booklet veröffentlicht.

Meine persönlichen Favoriten: „There Where He Lives In Me“ (3) mit tollem Piano des Brasilianers Philippe Baden Powell, dem Sohn des bekannten Gitarristen Baden Powell, sowie „Ninguém, Ninguém“ (8) mit beeindruckendem Spiel auf der akustischen Gitarre von Nando Duarte.

Das Cover zum Album stammt von der US-amerikanischen Malerin Pat Steir. Daraus lässt sich ein abstrakter Sonnenuntergang auf zerfließenden Meereswellen herauslesen: „Sunset in the Blue“ halt!

Ein rundum beeindruckendes Gesamtkunstwerk (Spielzeit über 56 Minuten), an dem viele Künstler beteiligt sind. Jörg Lehn                                                    

Melody Gardot: Sunset in the Blue, LC00171, Decca Records, Hilversum/Niederlande 2020, auch als Vinyl-LP oder mp3-stream.