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Centre Pompidou in Metz zeigt umstrittene Paparazzi-Ausstellung

Fotografiegeschichte im Centre Pompidou: Paparazzi warten vor einer Gangway auf das Modell Anita Ekberg – ein Bild des berühmten Fotografen Pierluigi.Foto: Collection Michel Giniès
Fotografiegeschichte im Centre Pompidou: Paparazzi warten vor einer Gangway auf das Modell Anita Ekberg – ein Bild des berühmten Fotografen Pierluigi.Foto: Collection Michel Giniès
Centre Pompidou in Metz zeigt umstrittene Paparazzi-Ausstellung. Ihre Fotos sorgen für Skandal und Sensation. Nun widmet das Centre Pompidou in Metz den Schnappschüssen der Paparazzi erstmals eine Ausstellung. Es regt sich auch Kritik. dpa

Ein Mann mit Helm, der sich morgens aus einer Tür schleicht und auf einen Motorroller schwingt. Fotos, die Anfang des Jahres Gerüchte um eine angebliche Affäre des französischen Präsidenten François Hollande mit der Schauspielerin Julie Gayet auslösten. Der Fotograf: Sébastien Valiela, einer der bekanntesten Paparazzi Frankreichs. Auch 1994 war er zur rechten Zeit am rechten Ort, als er Ex-Präsident François Mitterrand und dessen uneheliche Tochter Mazarine Pingeot beim Verlassen eines Pariser Restaurants ablichtete. Dass seine Fotos einmal in einem Museum zu sehen sein würden, hätte er sich wohl nie träumen lassen.

Das Centre Pompidou in Metz hat es gewagt. Unter dem Titel "Paparazzi! Fotografen, Stars und Künstler" zeigt das Museum 600 Arbeiten. Die Ausstellung sei eine Anerkennung und eine mutige Entscheidung, sagte Valiela während der Pressebesichtigung, zu der so viele Journalisten nach Metz anreisten wie selten. Denn die Werkschau hatte im Vorfeld angeregte Diskussionen ausgelöst. Was in Metz gezeigt werde, sei beunruhigend. Es komme zu einer Verkehrung der Werte, warnte Mazarine Pingeot in einem Interview. Paparazzi-Fotos seien keine Kunst.

Gesellschaftliches Phänomen
Was das Centre Pompidou zeigt, ist weder eine Rehabilitierung ihres Berufsstands, noch die Inthronisierung ihrer Schnappschüsse und Skandalbilder als Kunst. Die 600 Werke sollen ein gesellschaftliches Phänomen näher beleuchten. "Den Paparazzo gibt es nicht erst seit heute. Er hat eine lange Geschichte und eine eigene Ästhetik, die die Kunst beeinflusst hat", erklärt der Kurator Clément Chéroux.

Eines der ältesten ausgestellten Paparazzi-Fotos zeigt Otto von Bismarck auf dem Totenbett im Jahr 1898. Zwei Hamburger Fotografen hatten sich widerrechtlich in das Sterbezimmer eingeschlichen, in dem der deutsche Reichskanzler mit einer um den Kopf gewickelten Mullbinde lag.

Die Veröffentlichung der Fotos konnte durch das Einschalten der Justiz verhindert werden. Die Methoden haben sich seitdem nicht geändert. Nur den Namen gab es damals noch nicht.

Die Bezeichnung Paparazzo geht auf den Namen eines aufdringlichen Pressefotografen in dem Fellini-Film "Das süße Leben" zurück. Ein riesiges Plakat der Ende 1959 gedrehten Gesellschaftsstudie hebt die Bedeutung des Films hervor, mit dem der Mythos des Paparazzo geboren sei, wie Chéraux erklärt. "Das Bild eines Antihelden entstand, eines unsympathischen, skrupellosen Losers."

Dann folgen Fotos von Mick Jagger, der den Stinkefinger in die Kamera hält, Kate Moss, die die Zunge rausstreckt, Britney Spears beim Aussteigen aus dem Auto ohne Slip, Lady Diana beim Schwimmen und Jackie Kennedy-Onassis nackt auf der Insel Skorpios.

Eigene Ästhetik
Viele der Stars befanden sich beim Auslösen der Aufnahmen in einem Auto - die ideale Falle. Die Fensterscheiben reflektieren das Blitzlicht, die Gesichter wirken verschwommen und das Teleobjektiv verflacht die Perspektive - Merkmale, die Chéreaux als Paparazzi-Ästhetik bezeichnet.

Für Warhol waren die Paparazzi-Fotos die schönsten Bilder schlechthin. Sie haben nicht nur den US-amerikanischen Pop Art-Künstler beeinflusst, der Hollywoodstars mit seinem Siebdruckverfahren verewigte. Auch Gerhard Richter und Cindy Sherman haben sich von ihnen inspirieren lassen.

Auf die Kritiken und das Unverständnis reagiert der Chefkurator gelassen. Ein Museum müsse sich zu Fragen und Phänomenen der Gesellschaft stellen und sie analysieren. "Es handelt sich um keine Verherrlichung der Paparazzi, genau so wenig, wie es sich um eine Apologie des Krieges handelt, wenn wir Kunst aus den Jahren 1914-1917 zeigen." Die Ausstellung ist anschließend in Frankfurt in der Schirn Kunsthalle zu sehen.

Die Ausstellung ist bis zum 9. Juni im Centre Pompidou in Metz zu sehen. Öffnungszeiten: montags, mittwochs bis freitags 11 bis 18 Uhr, samstags 10 bis 20 Uhr, sonntags 10 bis 18 Uhr, dienstags geschlossen. Telefon: 0033/387153939

Im Internet: www.centrepompidou-metz.fr