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Christoph Steffens veröffentlicht "Kunstmärchen" mit Treverix

Die Kulturmacher: Christoph Steffens : Zwischen Auftragskunst und Selbstverwirklichung

Grafiker, Maler, Karikaturist, Satiriker: Ein Besuch beim Trierer Künstler Christoph Steffens.

Treverix ist klein, keck und wissbegierig – und er ist eine Kunstfigur. Im wahrsten Sinne des Wortes. Außerdem aus Bronze. Doch nachdem er unsanft vom Sockel gestoßen wurde, auf dem er sich präsentieren durfte, will er wissen, wer eigentlich das Recht darauf hat, auf eben diesen gehoben zu werden – oder darauf zu bleiben. Deshalb begibt er sich auf eine Reise durch die Kunstwelt beziehungsweise die Welt der Künste, die mal mehr, mal weniger schön sind. Es ist eine Welt- oder besser eine Zeitreise: von den Höhlenmalereien, die vor rund 45.000 Jahren entstanden sind, bis zu jenen modernen Objekten, bei denen sich – nicht nur die Reinigungsfachkraft – fragt: „Ist das Kunst oder kann das weg?“

Auf seinem Trip trifft Treverix darüber hinaus alle möglichen Gestalten, die irgendwie irgendwas mit Kunst zu tun haben: den Maler, den Galeristen, das Genie, den Hobbymaler, den Kritiker, den Besucher – natürlich jeweils auch in der weiblichen Form. Und jede Person, der der kleine Kerl die Frage stellt, was denn nun Kunst sei, hat eine andere Antwort parat. Womit Treverix am Ende ganz faustisch erkennen muss, dass er „so klug als wie zuvor“ ist.

Das Kunstmärchen ist nichts für Kinder

Treverix, der Protagonist der „Kunstmärchen“ genannten Satire, ist das Geschöpf von Christoph Steffens – und diese wiederum verdankt ihre Existenz der Corona-Pandemie. Die Figur selbst ist bereits rund 15 Jahre alt; 2008 hatte Steffens die Idee, eine Art Trier-Maskottchen zu entwerfen, das er in Bronze gießen und an verschiedenen Orten in der Stadt – im Landesmuseum, in der Tourist-Information, in Buchhandlungen – verkaufen ließ. Der Metall-Knirps feiert nun fröhliche Auferstehung in diesem eigens für ihn geschaffenen „Kunstmärchen“ – „kein Buch für Kinder“, wie der Verfasser vorsorglich warnt. Sondern eine amüsante, anspielungsreiche tour de farce durch Ateliers, Galerien und Museen mit ausgiebig verteilten Seitenhieben auf einen Betrieb, dessen Mechanismen oft nur – wenn überhaupt – die Eingeweihten verstehen.

Der Trierer Graphiker, Designer, Maler und Autor Steffens, 58 Jahre alt, in Alf an der Mosel geboren und in Ehrang aufgewachsen, spürte vor zwei Jahren einen merklichen Rückgang in seinem Broterwerb, der Gestaltung von Firmen- und Unternehmen-Logos. „Hotels, kleinere Firmen, Winzer, für die ich gearbeitet habe – denen sind auf einmal die Besucher und Klienten weggeblieben. Und wenn gespart werden muss, dann wird als erstes an der Werbung gespart.“

Warum es für Christoph Steffens zwei Formen des künstlerischen Schaffens gibt

Was für Steffens zwei Seiten hatte – eine gute und eine bessere. Und die Bessere bestand darin, dass er mehr Zeit hatte für die Werke, bei der kein Auftraggeber im Hintergrund steht. Als Kunstschaffender unterscheidet er nämlich „zwischen Design, wo ich die Idee eines Brötchengebers gestalte, und dem, was ich selber will und dann verwirkliche“. Und für die Geschichte, die er schon lange mit sich herumgetragen hat und nun endlich zu Papier bringen konnte und in der er die mitunter sehr bizarren Kapriolen des Kunstbetriebs mit spitzer Feder aufspießt. Etwa wenn er den Kritiker porträtiert, dessen unbedingt objektiv zu nennendes Urteil über den „meditativen Charakter einer bis ins unfassbare gesteigerten Abstraktion“ eines vollkommen schwarzen Bildes gar nicht so weit von der Realität einer bis zum Wesentlichen dringenden Kunstkritik entfernt zu sein scheint.

 Klein, keck und wissbegierig – so kennt man den Treverix, geschaffen von Künstler Christoph Steffens.
Klein, keck und wissbegierig – so kennt man den Treverix, geschaffen von Künstler Christoph Steffens. Foto: roland morgen (rm.)

„Jedes Projekt beginnt mit der freudigen Erwartung, etwas Neues zu schaffen“, erzählt Steffens. „Da gibt es eine Idee, die man zunächst nicht so ernst nimmt – und irgendwann nimmt sie dann konkrete Gestalt an und wird Wirklichkeit.“ Wenn ihm – siehe oben – neben der Pflicht die Zeit für die Kür bleibt. Stilistisch schlägt Steffens den Bogen vom Cartoon („Ich bin von Asterix beeinflusst worden“) über die Karikatur bis zur Zeichnung. Auch in seinen Bildern finden sich Einflüsse und Vorbilder, abstrakte Kompositionen mit Farben, die von energischen Linien zusammengehalten werden; Bilder, die nach Art des Amerikaners Jackson Pollock entstanden sind, der Farbtöpfe über auf dem Boden liegende Leinwände goss („dripping art“). Und in den Zeichnungen von Tieren, eines seiner Lieblingsmotive, spiegeln sich menschliche Attribute: der Cockerspaniel mit melancholischem Augenaufschlag, eine empörte Eule oder eine wütende Katze in Giftgrün. „Natürlich sind es Tiere. Aber man erkennt den Menschen in ihnen“, interpretiert der Künstler sein Werk.

Wie eine frühe Schul-Erfahrung Christoph Steffens geprägt hat

Das Talent ist bei Steffens durch und durch ein Eigengewächs – und war bereits in frühester Jugend sichtbar. Was für Irritationen auf Seiten des Betrachters sorgte – oder besser der Betrachterin. Bereits der Erstklässler musste erfahren, wie schwer es ist, sich mit etwas Eigenem durchzusetzen – vor allem, wenn es einem keiner zutraut. Am zweiten Schultag in der Grundschule, erzählt Steffens, habe die Lehrerin der Klasse den Auftrag erteilt, etwas zu malen. Der kleine Christoph entschied sich, eine Lokomotive zu zeichnen. Die war jedoch wohl so gut gelungen, dass die Pädagogin felsenfest davon überzeugt war: „Das hast du nicht allein gemacht.“ Das sei schon ein ziemlich frustrierendes Erlebnis gleich zu Beginn der schulischen Ausbildung gewesen, erinnert er sich. „So fing meine Karriere an – und daher kommt vermutlich auch meine Skepsis gegen Kritiker von außen“, resümiert er. Diese skeptische Einstellung hat er auch in seinem Buch thematisiert: Da lässt er seinen Treverix darüber grübeln, was eigentlich Original und was Fälschung oder Kopie in der Kunst sei und steuert als Beleg auch besagte Lokomotive bei – quasi als späte Genugtuung gegenüber der misstrauischen Pädagogin.

Ein bisschen Liebe zur Technik steckt auch in Christoph Steffens

Nach der Schule hatte Steffens zunächst Maschinenbau studiert, darin den Fußstapfen seines Vaters folgend, der mit den Ambitionen seines Filius nicht sonderlich glücklich war, da Kunst – nicht nur in seinen Augen – nun mal „brotlos“ war. Doch nach einigen der Technik gewidmeten Semestern wechselte Steffens trotzdem auf die künstlerische Schiene – mit dem Schwerpunkt Buchdesign und Verpackungsgestaltung.

Die Maschinenbau-Vergangenheit manifestiert sich jedoch noch immer in einigen seiner Werke. In einem Nebenraum seines Ateliers zeigt er einige aufs Wesentliche reduzierte „Standuhren“: schlanke Konstruktionen mit Pendel, Gewicht und angedeutetem Zeiger, die allerdings keine Zeitmesser darstellen sollen, sondern das Fließen der Zeit dokumentieren: ein „philosophischer Klapperatismus“, nennt Steffens ganz prosaisch seine Nicht-Chronometer, deren vernehmliches Ticken das Verrinnen der (Lebens-)Zeit unüberhörbar in Sekundenabschnitte zerhackt.

Beim Vermarkten seiner Kunst ist der Maler auch sein eigener Galerist – mit einem „Schauraum“ im Internet. Hier kann der/die Interessierte die Objekte seines „Broterwerbs“ betrachten – und wird dabei auch das ein oder andere vertraute Logo entdecken. „Richtige“ Kunst gibt es selbstverständlich auch. Natürlich redet man nicht gern übers Geld. Aber so viel verrät er doch: Ein „echter Steffens“ ist ab 500 Euro aufwärts zu erwerben.

Christoph Steffens, „Treverix – Kunstmärchen“, 25 Euro (www.treverix.de; atelier-steffens.de)