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Concert Lounge zu Ehren von Gustav Mahlers 1. Sinfonie

Konzerte : Erhellendes aus der neuen „Concert Lounge“

Die Auflage im Theater Trier beschäftigte sich mit Gustav Mahlers 1. Sinfonie

Was ursprünglich von seiner Wortbedeutung ein schlichter Aufenthaltsraum war, bekommt im deutschen Sprachgebrauch etwas Mondänes. Die Rede ist von der Lounge, dem einstigen Edelwarteraum für Vips, der sich inzwischen für jedermann geöffnet hat.

Tatsächlich klingt das englische Wort in deutschen Ohren so komfortabel, dass man sich bereits beim Hören entspannt in imaginäre Sessel zurückfallen lässt. Das Trierer Theater hat jetzt auch eine Lounge, genau genommen, eine „Concert Lounge“, ein Format, das der neue Generalmusikdirektor (GMD) Jochem Hochstenbach eingeführt hat. Zum 5. Mal luden GMD und das Philharmonische Orchester der Stadt Trier dorthin ein, diesmal zur Nachbereitung von Gustav Mahlers 1. Sinfonie in D-Dur, „Der Titan“, die das Orchester bei seinem 8. Sinfoniekonzert in der Hamburger Fassung aufgeführt hatte. Ein Mitschnitt davon soll als DVD anlässlich des 100. Orchester-Geburtstags veröffentlicht werden (der TV berichtete).

Zurück zur „Concert Lounge“: Die Trierer Version ist eine unterhaltsame Mischung aus Vortragskonzert und Konzertführer to go, die Hochstenbach ausgesprochen flott moderierte und das Orchester eindrücklich mit Musikbeispielen illustrierte. Der Orchesterchef berichtete über Mahlers schwierige Jugend in einer kinderreichen jüdischen Familie, den Verlust des Lieblingsbruders, Mahlers Faszination für Militär- wie Volksmusik, über dessen Erfahrungen mit der Musik der Synagoge sowie über seine Naturverbundenheit. Sie alle finden sich in der ersten Sinfonie genauso wieder wie Zitate des eigenen Werks, darunter die frühen „Lieder eines fahrenden Gesellen“, die sich einer unglücklichen Liebe in Kassel verdanken (ein Werk in Schubert Nachfolge).

Hochstenbach führte in die Werksgeschichte wie die symphonische Struktur des Werks ein, das in Budapest begonnen und überarbeitet in Hamburg 1993 vom 33-jährigen Komponisten aufgeführte wurde. Griffig erklärte der Dirigent die unterschiedlichen Motive der Sinfonie, machte ihre widersprüchlichen Temperamente und ihre Farbenvielfalt deutlich. All das setzte er in engen Bezug zur Biografie des Komponisten. Das alles war spannend und erhellend, allerdings auch etwas eindimensional.

Gerne hätte man etwas von Mahlers einflussreichem Lehrer Eduard Hanslinck gehört, vom traumatischen Erlebnis des die Mutter prügelnden Vaters, das der Komponist erst mit Sigmund Freuds Hilfe bewältigte, von Mahlers Diffamierung im Dritten Reich und der darauffolgenden Renaissance und Rehabilitierung. Vor allem aber hätte man sich an diesem Mahler Abend eine stärkere Einbindung des Werks in den geistesgeschichtlichen Zusammenhang der Romantik gewünscht, mit ihrer Entdeckung des Subjektiven, ihrer Natursymbolik, ihrer Hinneigung zum „einfachen Leben“ sprich des Volkstümlichen, ihrer religiösen Heilssehnsucht, ihrem Hang zum mystisch Geheimnisvollen, der Mahler lebenslang eigen bleibt. All das prägt Mahlers geistige Welt und sein Werk.

Dazu gehört, dass der junge Mahler ein leidenschaftlicher Leser romantischer Literatur war, was hier zu kurz kam. Nicht allein den „Titan“ schätzte er, einen Entwicklungsroman von Jean Paul, der auf den antiken gleichnamigen Helden verweist und der Sinfonie den Namen gab, sondern auch das Werk von E.T.A. Hoffmann, aus dessen Spukgeschichten geradezu das höhnische geisterhafte Gelächter des Bläsermotivs stammen könnte.

Überhaupt lief an diesem Abend die kleinteilige Spiegelung der Musik an der Biografie des Komponisten Gefahr, die Eigenständigkeit des komplexen Kunstwerks aus den Augen zu verlieren, das Mahlers Sinfonie ist und das sie zeitlos macht.

Was einst Mahlers Lebens- und Gefühlswirklichkeit war, hat sich schließlich in der Sinfonie längst aus den alltäglichen Verhältnissen gelöst und ist als „tönende bewegte Form“ (Eduard Hanslinck) längst musikalisch ästhetisches Ereignis und Bild geworden.

 Den rund 50 Zuhörern im Trierer Theater gefiel’s trotz Hitze und Altstadtfest.