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Corona-Krise: Philosophie als Gegenmittel?

Philosoph Robert Zimmer über die Corona-Krise : Kritische Vernunft, ein gutes Gegenmittel

Ein Virus schlägt die Welt in seinen Bann, man kann kaum noch geradeaus denken. Deshalb fragten wir einen Fachmann, wie man besser durch die Krise kommt: den gebürtigen Trierer Philosophen und Autoren Robert Zimmer.

Was hält die Welt zusammen – und was reißt sie auseinander? Fragen, mit denen sich die Philosophie schon immer befasst.

Vielleicht bietet sie auch jetzt Navigationshilfe. Wenige kennen sich im Thema besser aus als Robert Zimmer: Er hat in zahlreichen, elegant erzählten Büchern die Denker der vergangenen Jahrtausende für seine Leser verständlich gemacht. Wir wollten deshalb von ihm wissen, wie man die Philosophie in der aktuellen Krisenzeit sinnbringend nutzen kann.

Robert Zimmer wurde 1953 in Trier geboren, wuchs in Saarbrücken auf und lebt nach vielen Jahren in Berlin inzwischen in Stuttgart – wenn er sich nicht gerade in der Eifel aufhält, denn auf einem der Hügel über Stadtkyll baute sein Vater in den 60er Jahren ein kleines Ferienhaus. Wir nahmen die Corona-Krise zum Anlass für ein Gespräch, in dem Zimmer klare Worte in verwickelter Lage findet.


Herr Zimmer, hat es Sinn, derzeit die Philosophen zu befragen? Können sie uns in einer solchen, akuten Krise überhaupt hilfreiche Antworten geben?

Robert Zimmer: Die Philosophie ist keine Agentur ewiger Wahrheiten, und sie hat auch nicht auf alles eine Antwort. Aber sie kann uns helfen, eine vernünftige Haltung zu den Dingen einzunehmen. Als Kritischer Rationalist im Sinne Karl Poppers begreife ich Philosophie als Schule rationalen Denkens und Bewusstsein seiner Grenzen. In diesem Sinne kann sie in zweierlei Hinsicht helfen: Dass wir mit den Beinen auf dem Boden bleiben und uns an das halten, was wir wirklich wissen. Und wir sollten jede Krise als Aufforderung begreifen, unsere Ansichten zu korrigieren und zu verbessern – so wie der Wissenschaftler danach suchen soll, seine Theorien zu widerlegen, um eine bessere basteln zu können. So sollen auch wir jede Krise als beschleunigten Lernprozess begreifen.


Konkret lernen wir gerade sehr schnell sehr viel über ein Virus und wie man es eindämmen kann. Gleichzeitig ist vieles noch unbekannt. Dazu die Einschränkungen im Alltag, die wirtschaftlichen Verluste, seelische Not, die Ungewissheit, wann „das Leben wieder normal weitergehen kann“. Wie soll man mit diesen Ungewissheiten umgehen?

Robert Zimmer: Konkrete Verluste und Existenzängste stellen den Einzelnen natürlich vor große Probleme. Vielleicht führen sie aber auch zu einem Nachdenken darüber, welche Dinge im Leben wirklich wichtig und notwendig und welche verzichtbar sind. Müssen wir viermal im Jahr Urlaub machen? Braucht jede Familie mehrere Autos? Brauche ich jedes Wochenende ein Event zu meinem Vergnügen?

Gerade in Deutschland sind wir, im Vergleich zu anderen Ländern, noch sehr gut abgesichert. Und wenn wir überlegen, welche Notzeiten die Generationen vor uns mit Kriegen und Inflationen erlebt haben, relativiert sich einiges.

Im Übrigen: Absolute Sicherheiten gibt es nicht. Ungewissheiten gehören zu unserer menschlichen Existenz. Der christlich-existenzialistische Philosoph Peter Wust hat diesen Zustand als „insecuritas humana“, als grundsätzliche menschliche Ungesichertheit beschrieben.

Unser Wissen über uns selbst und über die Welt ist immer unvollständig und verbesserungsbedürftig. Wir sollten uns nicht einbilden, dass wir die Natur beherrschen können. Das Virus zeigt uns, dass es umgekehrt ist.


Jetzt stellen sich auch Fragen der Moral: Wie verhalte ich mich, um andere und letztlich unser Gemeinwesen zu schützen? Es gibt aber auch jene, die jetzt sagen: Die Schutzregelungen sind unmoralisch, weil sie an anderer Stelle Leid verursachen. Wie wägt man hier ab? Kann man überhaupt „das Richtige“ tun?

Robert Zimmer: Grundsätzlich hat der Staat die Verpflichtung, seine Bürger vor Schaden zu bewahren und darf auch entsprechende Maßnahmen ergreifen. Viele Einzelmaßnahmen, zum Beispiel wann eine Schule geöffnet werden soll, oder auch die Frage der Maskenpflicht, sind dabei Ermessensfragen und moralisch neutral. Hier ist man oft erst hinterher schlauer.

Es gibt aber auch moralische und rechtliche Grundsätze, die man nicht antasten sollte: die grundlegenden Freiheitsrechte etwa oder den Anspruch auf Schutz des eigenen Lebens. Sie haben auch Vorrang vor ökonomischen Erwägungen: Wenn es darum geht, ob ich, bei Infektion mehrerer Mitarbeiter, wegen befürchteter wirtschaftlicher Schäden einen Schlachthof schließen oder weiterarbeiten lassen soll, dann steht der Schutz der Menschen im Vordergrund. Auch dass Menschen, die infiziert sind, in Quarantäne geschickt werden, ist moralisch vertretbar, weil sie die anderen gefährden. Aber ob man gesunden Menschen verbieten kann, sich frei zu bewegen, ist durchaus eine strittige Frage und moralisch wie rechtlich problematisch. Und dass man alte Menschen in Heimen einsperrt und ihnen verbietet, Besuch zu empfangen oder ihnen sogar die Sterbebegleitung verweigert, halte ich für schlichtweg unmoralisch und auch von der Verfassung nicht gedeckt.


Derzeit bewegen sich in vielen Städten größere Gruppen von Menschen und demonstrieren für ihre „Freiheit“, weil sie sich in einem Unterdrückungssystem wähnen. Oder einfach nicht an die Gefahr durch das Virus glauben wollen. Sind das also legitime Proteste?

Robert Zimmer: Legal sind sie in jedem Fall. Jeder hat das Recht, frei für seine Meinung zu demonstrieren. Das ist durch unsere Verfassung gedeckt. Ob sie „legitim“ in dem Sinne sind, dass sie ein berechtigtes Anliegen haben, ist eine andere Frage. Es werden sicher einige unter den Demonstranten sein, die eine ehrliche Sorge um die Grundrechte umtreibt. Doch die Mehrheit dieser Demonstranten hängt kruden Verschwörungstheorien an, für die es keinen beweisbaren Hintergrund gibt – oder hat sich in ein demokratiefeindliches, rechtsextremes Fahrwasser begeben. Man kann über einzelne Maßnahmen der Regierung streiten: Insgesamt gibt es aber keinen Grund zu der Annahme, dass dem Bürger auf Dauer Rechte entzogen werden sollen.

Und dass das Virus Realität ist, dazu genügt ein Blick auf die weltweiten Statistiken. Das Virus grassiert ja nicht nur in Deutschland.

Vielleicht sollte man mal einen Blick nach Frankreich, Italien oder Spanien werfen: Dort waren die Maßnahmen viel strenger als bei uns. Die Franzosen durften nur eine Stunde am Tag aus dem Haus und sich nur in einem Umkreis von einem Kilometer bewegen. Ist schon mal jemand auf die Idee gekommen, den Franzosen Obrigkeitshörigkeit vorzuwerfen? Die Franzosen wären die Ersten gewesen, die demonstriert hätten, wenn die Freiheitsrechte wirklich in Gefahr gewesen wären.


Krude Theorien von Menschen, die sich besonders kritisch geben und zudem als Opfer darstellen: Da sind wir wieder bei Karl Popper, der schon früh auf diese „Theorien“ hinwies, oder? Was sagt der kritische Rationalist dazu?

Robert Zimmer: Popper und der kritische Rationalismus setzen auf die kritische Rolle der Vernunft. Dazu gehören auch Faktenkenntnis und vor allem das Bestehen auf kritischer Prüfung. Für eine „kritische“ Haltung reicht es nicht aus, dass man „dagegen“ ist. Man braucht faktenbezogene Argumente. Behauptungen sind nicht deswegen wahr, weil sie von einer Menge Leute geglaubt werden. Verschwörungstheorien sind Scheinerklärungen. Sie ersetzen Fakten durch fake news und Prognosen durch Prophetie.

Popper hat solche Verschwörungstheorien bereits in einem Vortrag von 1948 auch in der politischen Philosophie und in den Sozialwissenschaften ausfindig gemacht. An die Stelle der kritischen Prüfung tritt eine weltliche Form des religiösen Aberglaubens, in dem alle negativen Erscheinungen einer Gesellschaft durch einen dunklen Plan bestimmter Gruppen oder Individuen erklärt werden – wie es auch jetzt im Fall von Bill Gates geschieht. Für den kritischen Rationalisten gibt es aber keine alles umfassende Gesamterklärung, sondern eine komplexe Welt, in der viele verschiedene Ursachen ineinanderspielen.


Wie geht der Philosoph Robert Zimmer durch die Krise? Und hat er einen Lektüretipp?

Robert Zimmer: Ich hatte nie große Befürchtungen. Und mein Leben hat sich während der Krise auch nicht dramatisch verändert, da ich als Freiberufler ohnehin zu Hause am Schreibtisch arbeite. Ich hatte auch Glück, dass meine letzte öffentliche Podiumsdiskussion am 4. März in Berlin, noch kurz vor dem Lockdown, stattfinden konnte. Allerdings ist die Zusammenarbeit mit den Verlagen schwieriger geworden, da es auch der Buchbranche zur Zeit schlecht geht.

Aber als Leser ist man sowieso nie allein. Wie wäre es mal mit einer Lektüre, in der sich philosophische Orientierung, Klugheit und Verständlichkeit wunderbar ergänzen, wie zum Beispiel in den Selbstbetrachtungen des römischen Kaisers Marc Aurel oder in den Essays Michel de Montaignes? Wer in dieser Zeit sich einmal näher damit beschäftigen will, was Demokratie ausmacht und warum es sich lohnt, für sie einzutreten, sollte sich an Karl Poppers Klassiker „Die Offene Gesellschaft und Ihre Feinde“ halten.

Der Philosoph und Autor Robert Zimmer. Foto: Fritz-Peter Linden

Herr Zimmer, wir danken für das Gespräch.