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"Da heißt es, gnadenlos auswählen"

Bitburg. Ob Johann Wolfgang von Goethes letzte Worte tatsächlich "Mehr Licht" lauteten, ist umstritten. Fakt ist: Am 22. März vor 182 Jahren starb der Dichter in Weimar. Sein Leben und Werk ist Gegenstand der neuen Biografie des Philosophen und Literaturwissenschaftlers Rüdiger Safranski, der im September zum Eifel-Literatur-Festival nach Bitburg kommt.

Bitburg. Es sei die Krönung seiner biografischen Arbeit, sagt Rüdiger Safranski über sein Buch "Goethe. Kunstwerk des Lebens". Es ist im vergangenen Jahr, genau ein halbes Jahrhundert nach der bislang populärsten Goethe-Biografie von Richard Friedenthal, erschienen. Er habe einen neuen Blick auf den Dichter werfen wollen, erklärt der 69-jährige Autor. Tatsächlich betrachtet und vermittelt er Goethes Werk als Ausdruck von Lebenskunst, die uns heute Orientierungsmaßstäbe geben kann. Über seine Annäherung an das Genie hat er mit TV-Mitarbeiterin Anke Emmerling gesprochen.Eifel-Literatur-Festival 2014

Konnten Sie sich eigentlich bei Ihrer biografischen Arbeit von all den bisherigen Deutungen und Meinungen über Goethe freimachen?Rüdiger Safranski: Ich habe mich intensiv der Lektüre von Primärquellen, Briefen, Tagebüchern gewidmet und wenigstens versucht, so zu tun, als gäbe es nicht schon so viele Urteile, Meinungen und Theorien über Goethe. Die habe ich versucht erst einmal in den Hintergrund zu drängen, um mir nochmal die Chance zu geben, mich ganz unmittelbar mit ihm zu beschäftigen, und das war eine sehr glückhafte Erfahrung. Ich kenne mich in der Forschungsliteratur aus, das spielt im Hinterkopf natürlich eine Rolle, das ist ja ganz klar. Ich habe aber versucht, im Text nicht selbst auch nochmal dieses ganze Meinungsgemurmel darzustellen, sondern jetzt einfach einen direkten Kontakt herzustellen zwischen diesem Goethe und mir und dem Leser.Wie erfasst man so ein Menschenleben und eine vergangene Epoche, was lässt man weg?Safranski: Ich habe mich nicht zufällig schon mit mehreren Büchern in dieser Epoche aufgehalten. Diese Zeit um 1800 ist sicherlich die produktivste Zeit, die es im deutschen Geistesleben überhaupt gegeben hat - und es ist deswegen schön, dort unterwegs zu sein. Ich kenne mich da fast besser aus als in der Gegenwart. Aber gerade wenn man sich auskennt, heißt es, gnadenlos auswählen. Da spielt natürlich bei allem Willen zur Objektivität das Eigene, das Subjektive, eine Rolle. Wenn Sie sich vorstellen, dass bei Goethe 54 Bände der Sophienausgabe allein Briefe sind, ahnen Sie, welche ungeheure Auswahl man treffen muss. Aber das ist ja die Aufgabe. Es gibt gescheiterte Versuche über Goethe zu schreiben, die auf 3000 Seiten angewachsen sind. Da sieht man das Problem, dass der Autor nicht den Mut hat, aus dem Riesenmaterial ein Bild zu formen, sondern den Zettelkasten umkippt.Eine Biografie kann nur Stückwerk sein. Stellt Sie das zufrieden?Safranski: Ganz ehrlich gesagt, ich bin mit meinem Buch zufrieden, besser kann ich es nicht machen. Das ist jetzt mein Goethe. Mit dem Wissen, dass es das Bild ist, das ich gezeichnet habe zur Person und zur Geschichte. ae volksfreund.de/ eifelliteraturfestival2014Extra

Rüdiger Safranski, 1945 in Rottweil geboren, studierte ab 1965 Germanistik, Geschichte, Kunstgeschichte und Philosophie, unter anderem bei Theodor Adorno. Ab 1987 arbeitete der vielfach Ausgezeichnete als freier Schriftsteller. Safranski moderierte das Philosophische Quartett im ZDF und lehrt heute als Honorarprofessor an der Freien Universität Berlin. Seinen Ruf als Biograf begründete er 1984 mit einem Buch über E. T. A. Hoffmann. Es folgten unter anderem Werke über Heidegger, Nietzsche, Schiller und die Freundschaft zwischen Goethe und Schiller. Seine Bestseller wurden in 29 Sprachen übersetzt. Rüdiger Safranski liest aus seiner Gothe-Biografie beim Eifel-Literatur-Festival am Freitag, 19. September, 20 Uhr, in der Stadthalle Bitburg. Karten gibt es im TV-Service-Center in Trier, unter der TV-Tickethotline 0651/7199-996 sowie unter der Internet-Adresse www.volksfreund.de/tickets Informationen über das Festival unter www.eifel-literatur-festival.de ae