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UNTERM STRICH – DIE KULTURWOCHE
Dankbarer Komponist, geschmeidige Katzen

Israel Baline kam 1893 als Fünfjähriger nach New York. Mit seiner Familie hatte er Tausende von Meilen zurückgelegt – Pogrome im sibirischen Temun, initiiert von den Kosaken, hatten die jüdische Familie um ihr Leben fliehen lassen.

25 Jahre nach seiner Landung auf Ellis Island bedankte sich der Einwanderer, der sich inzwischen Irving Berlin nannte, bei dem Land, das ihn und seine Verwandten gerettet hatte, mit einem Lied, das im Sommer vor 100 Jahren entstand. Es sollte die Schlussnummer einer Soldaten-Revue namens „Yip, Yip, Yaphank“ werden, die der Gefreite Berlin geschrieben hatte, aber der Komponist strich es aus der Show und legte es beiseite.

Erst zwanzig Jahre später entdeckte er es wieder, und so erklang der Song erstmals im November 1938, gesungen von einer Sängerin mit dem Allerweltsnamen Kate Smith (die damit allerdings eine beachtliche Karriere in ihrer Heimat gemacht hat): „God bless America“. Das Loblied auf die Staaten – der Legende zufolge wurde Berlin durch einen Ausruf seiner Mutter dazu inspiriert, die sich mit diesem wenigen Englisch, das sie „beherrschte“, für den guten Ausgang ihrer Irrfahrt bedankte – ist längst zur inoffiziellen Hymne der USA geworden – nicht zuletzt deswegen, weil es viel leichter zu singen ist als die eigentliche „Anthem“ mit ihren wahnwitzigen Tonsprüngen, die manch einen selbst ernannten Profi an die Grenzen seiner Sangeskunst bringen (siehe die missglückten Auftritte diverser Sänger beim jährlichen Super Bowl – zum Niederknien schön!).

Viel hat sich geändert seitdem. Nicht nur war der Präsident damals ein Demokrat (wenn auch kein lupenreiner; Woodrow Wilson, Gründer des Völkerbunds und Friedensnobelpreisträger, war auch ein Befürworter der Rassentrennung in den Südstaaten); aus den USA sind die ISA geworden, die „Inhuman States of America“, und von einer geordneten und berechenbaren Regierung kann auch keine Rede mehr sein. Wäre Israel Baline heute einer der Flüchtlinge, der Einlass begehrte in „God’s own Country“ (der wahrscheinlich längst nach Kanada geflüchtet ist), würde er seinem Dank für die rettende Nation vermutlich mit einer anderen Zeile Ausdruck verleihen: „God save America“.

Kennen Sie „Cats”? Bestimmt. So wenige Menschen gibt es gar nicht auf der Welt, dass es einem von ihnen gelungen sein könnte, dem dauerbrennenden Musical aus dem Weg zu gehen. Für eine der erfolgreichsten Shows aller Zeiten hat sein Urheber Andrew Lloyd Webber ungeniert T. S. Eliots Gedichtsammlung „Old Possums’s Book of Practical Cats” geplündert. Aber die Katzen singen ja nicht nur, sie tanzen auch. Und das den ganzen Abend.

Für die geschmeidigen Bewegungen zeichnete Gillian Lynne verantwortlich. Die, zugegeben, kennen nur wenige. Ohne die britische Tänzerin allerdings, das haben alle Katzenväter, Komponist Lloyd Webber und Regisseur Trevor Nunn neidlos anerkannt, wäre „Cats“ niemals so erfolgreich geworden. Miss Lynne, die vor der Zusammenarbeit mit den beiden Ballerina am Royal Ballet war, ist am vergangenen Sonntag 92-jährig in London gestorben. Inspirationen für die Katzentänze holte sie sich bei Scarlett, ihrer eigenen Katze, die sie so unentwegt beobachtete, dass es dem Tier schon unheimlich war.

Anschließend hatte Gillian Lynne versucht, die Geschmeidigkeit ihres Vierbeiners auf die Menschen zu übertragen. Was ihr perfekt gelungen ist, wie diverse Auszeichnungen und Nominierungen für ihre Choreografie beweisen. Der Erfolg hatte allerdings auch seinen Preis: „Ich habe sämtliche Tänze selbst ausprobiert“, erzählte sie dem „Dance Magazine“ im Jahr 2014. „Deshalb habe ich heute auch zwei Hüften und einen Fuß aus Metall.“
⇥Rainer Nolden