Das Auge hört mit

Leidenschaft, Erotik, Dramatik: Die Gemeinschaftsproduktion "Misa Tango" hat das komplette Spektrum lateinamerikanischer Musik in der St.-Ambrosius-Kirche in Trier präsentiert. Ein musikalischer Genuss, nicht nur für die Ohren, sondern auch für die Augen.

Trier. Sie kämpfen. Gehen aufeinander los wie die Streithähne. Packen sich, schleudern sich zu Boden. Eifersucht ist in starkes Gefühl. David Laera (als Angreifer ganz in Schwarz) und Saeed Hani (in unschuldigem Weiß) bringen es tänzerisch dramatisch auf die Bühne in der Kirche St. Ambrosius in Trier. Dazu die Musik des "Gloria" aus der "Misa Tango" von Martín Palmeri. Der Trierer Choreograph Reveriano Camil nutzt die Liturgie, um tänzerisch von Liebesglück und -leid zu erzählen, von Verführung, Eifersucht, Läuterung. In unschuldigem Weiß die Verführten (Keiko Moriyama und Hani), in Schwarz der Betrogene (Laera) und - in Spitze gehüllt - die Verführerin (Natalia Palshina). Die Paare entzweien sich, tanzen separat. Doch immer wieder finden sie sich zum Tango. Der wechselt sich ab mit zeitgenössischem und klassischem Balletttanz. Athletische Sprünge, atemberaubende Hebefiguren - die Choreographie verlangt den Tänzern alles ab.
Musikalisch ist das Stück ein Hörgenuss - es empfiehlt sich, immer wieder die Augen zu schließen. Das Orchester La Boca des Conservatoires in Luxemburg mit Maurizio Spiridigliozzi am Bandoneon ist spezialisiert auf den Tango Nuevo. Jan Wilke hat die stimmgewaltigen Sänger des Trierer Spee-Chors perfekt auf die südamerikanischen Klänge eingestellt. Grandios auch Solistin Luisa Partridge-Mauro (am Sonntag sang Susanne Ekberg).
Buhlen um Gunst der Zuschauer



Ganz anders der erste Teil des Tanzkonzerts, begleitet von einer fünfköpfigen La-Boca-Combo um Spiridigliozzi und - erstklassig - Violistin Vania Lecuit. Einzeln stolzieren die Tänzer durch den Mittelgang, geben sich köstlich affektiert. Sich mal rechts, mal links verneigend, wie um die Gunst der Zuschauer zu buhlen, tänzeln sie zur Musik von Vivaldis "Winter" - von Spiridigliozzi als Tango arrangiert - auf die Bühne. Übergroß die weißen Perücken, eng geschnürt die Mieder - eine Persiflage auf das elegante Outfit im Barock. Auch der Tanz ist die reine Parodie: Die Bewegungen, mehr grotesk als elegant, erwecken den Anschein eines vergeblichen Versuchs, barocken Stil und Tangomelodie zu vereinen. Auch Kompositionen des Bassisten Jeannot Sanavia und des Bandoneonisten stehen auf dem Programm. Wie "Tango pour quintette", ein melodisches Stück, das fast romantisch ausklingt. Auch hier mischen sich Tango- und moderner Tanz. Schwierig die gemächlichen Passagen. Langsame, genau akzentuierte Bewegungen, Hebefiguren, die nicht enden wollen, verlangen den Tänzern wahre Kraftakte ab. Der lang anhaltende Applaus und die Bravorufe der 450 Bewunderer sind mehr als verdient.
Weitere Termine: Sonntag, 2. Oktober, Conservatoire Luxembourg; Samstag und Sonntag, 29. und 30. Oktober, Christkönig-Kirche, Saarbrücken.