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Das Barockorchester Le Concert Lorrain im Porträt

Musik : „Wir sind das Fundament“

Exzellent und in Trier (fast) unbekannt: das Barockorchester „Le Concert Lorrain“ mit Cellist Stephan Schultz und Anne-Catherine Bucher am Cembalo.

Die Musik sprüht vor jugendlicher Spontaneität. Das Ensemble „Concert Lorrain“ mit einem Bach-Programm im völlig ausverkauften Kammermusiksaal der Philharmonie – es kennt nichts altväterlich Betuliches, nichts müde Routiniertes, aber auch keine Überanstrengung. Die 15 Musikerinnen und Musiker auf dem Podium, sie halten sich fern von den Überspannungen, die eine Interpretation alter Musik verleiden können, und glänzen mit einem frischen, natürlichen Interpretationsstil. Barock­oboen und Barockfagott bestechen mit dem vielfarbigen, schillernden Klang des historischen Instrumentariums. Und mitten im Ensemble sitzt Stephan Schultz am Cello, gibt mit knappen Gesten Einsätze, musiziert und motiviert. Er und seine Ehefrau Anne-Catherine Bucher sind die künstlerischen Leiter. Schon bei den Proben gibt Schultz immer wieder neue Impulse, strahlt eine Intensität aus, von der alle im Ensemble profitieren – kurz: Er ist wie ein Magnet. Und Anne-Catherine Bucher, an diesem Abend nicht auf dem Podium, war in Proben und Aufführung eine motivierend-kritische Begleiterin.

Es ist ja längst bekannt und wird doch immer wieder neu erfahren: Bach ermüdet nie – nicht die Interpreten und nicht die Hörer. Aber  „Le Concert Lorrain“ verlässt sich nicht auf die tiefgründige Genialität des Thomaskantors. Das Ensemble gibt seiner herrlichen Musik ein persönliches Gesicht, einen persönlichen Stil mit. Französisch oder gar Lothringisch wird man den kaum nennen können. „Das Ensemble setzt sich mittlerweile aus ganz Europa zusammen“, sagt Stephan Schultz im Gespräch mit dem TV vor dem Konzert. Und fügt hinzu. „Heute würden wir es wohl ‚Le Concert Européen‘ nennen.“ Der Schwerpunkt des Repertoires freilich liegt auf deutscher und französischer Musik der Barockzeit.

Stephan Schultz und Anne-Catherine Bucher sind Mittelpunkt im Lothringer Ensemble – künstlerisch und auch persönlich. Stephan Schultz, Jahrgang 1972, studierte Violoncello in Leipzig und Barockcello bei Jaap ter Linden in Dresden. Ensemble-Leiter in Metz ist er seit 2006. Anne-Catherine Bucher, Professorin für Cembalo am Konservatorium in Metz, studierte unter anderem bei Françoise Lengellé und Huguette Dreyfus und besuchte Meisterkurse bei Gustav Leonhardt. Ihre jüngste CD-Einspielung mit Bachs Goldberg-Variationen stieß in der musikalischen Öffentlichkeit auf große, allgemeine Anerkennung.

„Le Concert Lorrain“ wurde im Jahr 2000 gegründet und besteht jetzt 20 Jahre. Ein definitives Gründungsdatum gibt es nicht.  Anne-Catherine Bucher hat die Formation aus Anfängen entwickelt, die zugleich wissenschaftlich und künstlerisch sind. Dabei hat sie wahre Schätze ausgegraben und die auf CD eingespielt. Die Manuskripte der Ursulinen im Kloster Nouvelle-Orléans bei Metz etwa sind wertvolle und dabei höchst überraschende Beiträge zum Thema „Musik von Frauen in der Kirche“. Also Musik in einer Umgebung, in der die Frau nach dem Verdikt des Apostels Paulus eigentlich zu schweigen hat. Und dass sie nicht nur bei den Ursulinerinnen in der Metzer Region fündig wurde, sondern auch Musik weitgehend unbekannter Komponisten wie Henry Madin oder Thomas Louis Bourgeois (1676-1750) entdeckte, erfüllt sie sichtlich mit Stolz. Eins freut sie dabei vor allem:  Dass sie solche Schönheiten in Metz entdecken konnte - einer Stadt, die für sie Heimat, aber nach französischen Maßstäben doch nur Provinz ist.

 Das Ensemble Concert Lorrain. Foto: Martin Möller
Das Ensemble Concert Lorrain. Foto: Martin Möller Foto: Martin Möller

Provinz im deutschen Verständnis ist „Le Concert Lorrain” ganz sicher nicht. Die Liste der Musiker, mit denen das Ensemble zusammenarbeitet ist lang und prominent: Andreas Scholl, Christoph Prégardien, Peter Kooij, Marcus Creed, Andrew Parrott, Hans-Christoph Rademann und nicht zuletzt der Luxemburger Dirigent Pierre Cao, mit dem das Ensemble eine enge Kooperation über Jahre hinweg verbindet. Vorbilder? Vielleicht sogar Ideale? Da reagieren sie zurückhaltend. Aus ihren Antworten lässt sich dann doch heraushören: Für Bucher und Schultz gibt es keine eindeutigen Wegweiser. Sie verlassen sich auf ihr eigenes Urteil und ihre eigene Sensibilität. Künstlerisch und wohl auch menschlich harmonieren sie perfekt. „Wir sind das Fundament“ sagt Anne-Catherine Bucher selbstbewusst. In der Barockmusik heißt das zu Recht „Generalbass“– das Cello von Stephan Schultz mit der Basslinie und Buchers Cembalo mit allen zugehörigen Harmonien.