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Das Buch „Als ich ein kleiner Junge war“ von Winfried Simon

Weinlese statt Sex & Drugs & Rock’n’Roll : Die 60er Jahre – eine Lüge!

Warum es einen Unterschied macht, ob man die Swinging Sixties in London oder in Pünderich erlebte.

Ich lernte Winfried Simon bei einem runden Geburtstag kennen. Auf solchen Feiern redet man viel über die Vergangenheit. Wie es damals war und heute nicht mehr ist und ob früher wirklich alles besser war. So kamen wir auf die 60er zu sprechen.

Bald schon geriet ich ins Staunen. Was Simon, Jahrgang 1959, über dieses Jahrzehnt berichtete, wirkte auf mich befremdlicher als die Science-Fiction-Filme „Alien“ und „Avatar“. Seine Erinnerungen hatten nichts mit den sattsam bekannten, immer wieder runtergeorgelten Sex & Drugs & Rock’n’Roll-Geschichten über die Swinging Sixties gemeinsam. In seinen Erzählungen gab es keine Beatles und keine Rolling Stones. Kein James Bond und kein Easy Rider. Und schon gar nicht gab es Studentenunruhen oder Kommunen, in denen „freie Liebe“ praktiziert wurde.

Denn Simon wuchs im Weinort Pünderich auf, und dort hatte man andere Sorgen als ein Rudi Dutschke oder eine Uschi Obermaier. Es war wichtiger, Trauben zu lesen als das Kommunistische Manifest. Und bevor man die Welt veränderte, musste man erstmal den Alltag bewältigen. Wie dies unter Mühen gelang, beschreibt der ehemalige Volksfreund-Redakteur in seiner 70-seitigen Selbstbiografie „Als ich ein kleiner Junge war“. Er bedient sich dabei einer Sprache, die nüchtern und schnörkellos ist.

Doch passt sein Stil zu den Verhältnissen einer Zeit, die ebenfalls auf schmückendes Beiwerk verzichtete. Notgedrungen. Im typischen Moseldorf der 60er (in Hunsrück und Eifel wird es nicht viel anders gewesen sein) war Überfluss ein Fremdwort. Die Winzerfamilie Simon musste ohne Waschmaschine, ohne Zentralheizung, ohne Telefon und ohne Auto auskommen. Und manchmal auch ohne Ehebett. Da das Geld knapp war, „verlieh“ man im Sommer das Schlafzimmer an Touristen. Soviel zum Thema „freie Liebe“.

Manches, was Simon schildert, wäre heute undenkbar: Lehrer, die Ohrfeigen verteilten. Ein Pastor, der Kindern mit dem Stock auf den Kopf schlug. Anderes hingegen klingt zukunftsweisend: Vater Simon musste nur zwei, drei Mal im Jahr mit dem Traktor zur Müllkippe fahren – mehr Abfall fiel nicht an. Über Nachhaltigkeit redete kein Mensch; sie war selbstverständlich, wurde täglich gelebt. Man kaufte Milch nicht im Tetrapak, sondern ließ sie sich in die Milchkanne abzapfen. Bohnen und Sauerkraut waren selbst einlegt und lagerten in Tontöpfen. Zudem hatten die Simons zwei Hausschweine, deren Fleisch garantiert „Bio“ war.

Zahlreiche Fotos illustrieren die Beschreibungen, natürlich in Schwarzweiß. Der Farbfilm setzte sich erst später durch. Aber das ist eine andere Geschichte, die der 70er.

 ... und beim Sonntagsspaziergang mit der Familie.
... und beim Sonntagsspaziergang mit der Familie. Foto: Winfried Simon

Das Buch „Als ich ein kleiner Junge war“ kann direkt bei Winfried Simon bestellt werden: winsim12@web.de oder 06542/22014. Es kostet 7 Euro, einschließlich Versand.