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Das Buch „Der rothaarige Flüchtling“ erzählt vom Schicksal eines syrischen Jungen in Schweden.

Bücher : Auf der Suche nach einer besseren Welt

Ein syrischer Flüchtling erzählt von seiner Heimat und von seiner Odyssee, die ihn schließlich nach Schweden führt.

Es ist ein unspektakuläres und doch ungemein inhaltsreiches Buch. Unter dem Titel „Der rothaarige Flüchtling“ schildert  der Syrer Bengt Alshalabi sein gefahrvolles Leben: die Kindheit im damals friedlichen Syrien, die Jugend im Bürgerkrieg, die Flucht nach Jordanien, schließlich die Odyssee  über das Mittelmeer und durch Mitteleuropa nach Schweden – „das neue Land“. Bengt Hällgren hat Alshalabis Erzählungen aufgezeichnet. Entstanden ist ein Buch, das durch seine Offenheit tief berührt – gerade vor dem  Hintergrund der aktuellen Corona-Krise. Es ist die Geschichte von Menschen die sich vor Krieg und Gewalt in ihrer unwirtlich gewordenen Heimat ängstigen und auf einen Neubeginn in Europa hoffen. Es erzählt von der Suche nach einer besseren Welt.

Bengt Alshalabi gehört dazu. Er wird 1994 in Damaskus geboren, wächst in der syrischen Hauptstadt auf und gerät mit seiner Großfamilie 2011 in die Wirren des Bürgerkriegs. Nach einer Flucht kreuz und quer durch Jordanien entschließt er sich 2015, mit Hilfe der Familie sein Glück in Europa zu suchen. Ob ihm das gelingen wird, bleibt auch am Ende des Buchs noch offen.

Was Alshalabi schildert und Hällgren aufzeichnet, ist wie der Blick durch ein Vergrößerungsglas. Der Autor geht ins Detail. Er schildert all die kleinen, großen, vielleicht unüberwindbaren Hindernisse auf dem Weg zu einem Dasein, das Sicherheit und Zukunftsperspektive verspricht. Auch im noch friedlichen Syrien war der Alltag keineswegs einfach. Religion und Tradition, verkrustete Bürokratie, Machtansprüche unterschiedlichster Personen und Interessengruppen forderten immer wieder das Improvisationstalent der Einwohner heraus. Und das rote Haupthaar Alshalabis, auf das sich der Buchtitel bezieht, war dabei nicht immer hilfreich.

Wie verzweifelt erst muss die Situation nach Ausbruch des Bürgerkriegs gewesen sein!  Alshalabi entschließt sich zur Flucht  nach Europa. Fast emotionslos schildert er die gefährlichen Umstände seiner Suche nach einer besseren Welt. Aber er hat Glück. Nach einer Überfahrt im Schlauchboot, nach Stationen in Ungarn, Österreich, Deutschland und Dänemark erreicht er im Sommer 2015 Schweden und wird dort als Flüchtling registriert. Freilich waren auch manche Erfahrungen mit den schwedischen Behörden nicht ermutigend. „Der Erzähler wurde mit einigen Problemen konfrontiert, die durch die schwedische Bürokratie verursacht wurden“, schreibt Hällgren in seinem Vorwort. Dass Alshalabi schließlich bei ihm und seiner Frau Carol Schutz und Aufnahme fand, war wohl ein glücklicher Zufall.

Alshalabi integriert sich dann rasch. Er nimmt von Hällgren den Vornamen Bengt an. Im Mai 2018 besteht er die Schwedisch-Prüfung mit Auszeichnung. Er wird ins Gymnasium für Erwachsene aufgenommen. Doch seine Aufenthaltserlaubnis ist nach wie vor nur befristet.

Bengt Hällgren schreibt dazu in einer Mail: „Bengt Alshalabi beendet jetzt die letzten Kurse im Gymnasium für Erwachsene. Er hat bisher eine Eins in allen Fächern außer Religion und Englisch, wo er eine Zwei hat. Er hat sich jetzt um eine Arztausbildung beworben und ersatzweise um eine Diplomingenieurausbildung. In Dezember 2020 endet seine Aufenthaltserlaubnis, und es ist nicht ganz klar, was dann passieren wird. Wenn man zu einer Universitätsausbildung angenommen ist und noch nicht 25 Jahre alt ist, bekommt man so wie es jetzt ist, eine neue, begrenzte Aufenthaltserlaubnis. Er ist jetzt aber schon 25!“.

„Der rothaarige Flüchtling“ ist ein Buch, ungemein reich an detaillierten Einsichten.  Für jeden, der sich mit der Flüchtlingsproblematik befasst, ist die Lektüre ein großer Gewinn. Martin Möller

Bengt Alshalabi und Bengt Hällgren, Der rothaarige Flüchtling (Den rödharige flyktingen). Deutsch von Gerlinde Lukatsch. 313 Seiten, Produktion: Kindle Direct Publishing