Das deutsche Dilemma

Unterm Strich – Die Kulturwoche : Das deutsche Dilemma

Dass wir Deutschen bei der alljährlichen Ohrentortur namens European Song Contest in Tel Aviv jetzt noch einen Platz weiter nach hinten gerutscht sind – so what?

Schlagermäßig rangiert unsere Nation schließlich seit jeher hinter Aserbaidschan und Swasiland. Viel schmerzhafter ist die Tatsache, dass wir bei dem wichtigsten Filmfestival der Welt mal wieder nicht mitspielen dürfen. (Okay, Berlinale: zweitwichtigstes Filmfestival der Welt.)

Vielleicht sollten Mme. Merkel und Herr Macron diese beschämende Tatsache bei ihrem nächsten Treffen mal ganz oben auf die Themenliste setzen, statt immer nur über EU-Reformpläne, Wirtschaftsmodelle und ähnlichem Pillepalle zu plaudern. Lediglich ein einziger deutscher Filmemacher hält in diesem Jahr die deutsche Fahne hoch an der Croisette: Werner Herzog. Aber das auch nur außer Konkurrenz, und „nur“ mit einem Dokumentarfilm: „Family Romance“.

Das einzig Deutsche an diesem Film ist der Regisseur (der übrigens seit mehr als 20 Jahren Jahren in Los Angeles lebt), denn er wurde in Japan mit japanischen Schauspielern auf Japanisch gedreht. Das Thema, laut Herzog, ist das Gefühl einer tiefen Einsamkeit, das die Japaner bereits jetzt fühlen und das der Filmemacher auf Deutschland zukommen sieht – trotz der den Alltag immer mehr beherrschenden Social Media, die ja – eigentlich – Verbundenheit vorgaukeln sollen, aber paradoxerweise immer mehr Einsamkeit generieren.

Nach dieser kurzen Beschreibung dürfte eines klar sein: Zu lachen gibt’s in „Family Romance“ nicht allzu viel. Aber das ist bei Dokumentarfilmen ohnehin eher selten, und selbst in früheren Zeiten wurden deutsche Regisseure nicht unbedingt wegen ihres Humors nach Südfrankreich eingeladen und sogar zweimal mit dem Hauptpreis, der Goldenen Palme, ausgezeichnet (Volker Schlöndorf 1979 für „Die Blechtrommel“, Wim Wenders 1984 für „Paris, Texas“).

Aber da wir ein geradezu großmütiges Volk sind, gönnen wir natürlich all den anderen Regisseuren ihren Preis. „Wer spricht von Siegen? Dabei sein ist alles.“ Dieses leicht abgewandelte Bonmot von Rilke gilt natürlich auch für dieses Filmfestival. Und – ein ziemlich ketzerischer Gedanke zum Schluss: Vielleicht sind die anderen Beiträge ja tatsächlich immer besser gewesen …
Rainer Nolden

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