„Das Glück ist unabhängig vom sozialen Stand“

Interview Ulf Dietrich und Martin Folz : „Das Glück ist unabhängig vom sozialen Stand“

Der Regisseur und der Dirigent sprechen über ihre gemeinsame Produktion mit dem Namen „Oliver“ am Theater in Trier.

Der Roman „Oliver Twist“ von Charles Dickens gehört zu den unvergesslichen Bestsellern in der literarischen Welt. Mit der Figur des kleinen Waisenjungen und seiner Umgebung ist Dickens eine kritische Beschreibung der frühindustriellen Gesellschaft gelungen. Lionel Bart hat daraus ein Musical gemacht; am kommenden Samstag,15. Februar, 19.30 Uhr, hat die Trierer Neuinszenierung Premiere. Ein Gespräch mit Regisseur Ulf Dietrich und Dirigent Martin Folz.

Herr Dietrich, wie viel Sozialromantik halten Sie aus?

DIETRICH Eine ganze Menge.

Dirigent Martin Folz. Foto: Theater Trier

Wie sozialromantisch ist „Oliver“ bei Charles Dickens und bei Ihnen?

Regisseur Ulf Dietrich. Foto: Theater Trier/Christoph Traxel

DIETRICH Also, ich gehe gerne aus einem Theaterstück oder einem Film heraus mit der Hoffnung auf ein gutes Ende. Die ist im Leben einfach ganz wesentlich. Und ich bemühe mich bei allem was ich tue, die Hoffnung auf Besseres nicht aufzugeben. Darum muss es auch Optionen geben, dass ein Theaterstück positiv enden kann – so wie die Geschichte im „Oliver“. Die findet bei uns ein positives Ende, so wie im Roman von Charles Dickens auch.

Heute könnte der Roman auch unter Straßenkindern in Schwarzafrika oder Südamerika spielen. Wie bringen Sie so etwas auf die Bühne?

DIETRICH Den Begriff „Straßenkinder“ habe ich oft verwendet. Ich muss das erklären. Wir arbeiten beim „Oliver“ mit Kindern und auch mit Jugendlichen und haben denen ganz oft gesagt: das sind die Straßenkinder. Die Parallele von der Welt des Charles Dickens zur aktuellen Situation ist allen bewusst. Aber wir verorten das in einer Zeit Mitte des 19. Jahrhunderts. Es sind die Straßenkinder vor 200 Jahren, bei denen wir den Schwerpunkt setzen. Unsere wichtigste Aussage ist, dass das Glück der Menschen unabhängig ist vom sozialen Stand. Wir haben bei „Oliver“ einmal eine geordnete, sozial strukturierte Gesellschaft, die aber keine glückliche Gesellschaft ist. Und wir haben zum anderen die Welt der Gangs, der Banden, wo aber Menschlichkeit stattfinden kann.

Die Viktorianische Gesellschaft war ja eigentlich sehr unglücklich …

DIETRICH So ist es. Wir setzen die beiden Bereiche sorgfältig voneinander ab. Und wir haben verschiedene Mittel, zum Beispiel durch die Farbgebung der Kostüme.

Was sind das für Kostüme?

DIETRICH Ich kann da keine leichten Antworten geben. Es ist immer eine stilistische Mischung – einmal an einer Stelle verändert und mal an anderer. Auf der Seite der bürgerlichen Gesellschaft dominieren Schwarz- und Grautöne, und bei den Gangs gehen wir in eine frechere, körpernähere Ausstattung über. Die Kinder sind eben frei in ihrem Ausdruck, während die Gesellschaft, verkörpert durch die Erwachsenen, in ihrer Steifheit und Verknöchertheit gezeigt wird. Da herrscht natürlich keine Freiheit. Das schlägt sich auch in den Farben wieder. Natürlich will ich mit meiner Inszenierung aus dem Musical kein düsteres Sozialdrama machen. Die Lage der Armen wird trotzdem deutlich werden – denken Sie daran, dass damals Kinder verkauft wurden, letztendlich als Leibeigene!

Herr Folz, ich habe gesehen, es gibt mehrere Darsteller des Oliver. Warum?

FOLZ Das war von Anfang an so geplant, weil die Kinder auf der Bühne eine sehr hohe Belastung haben. Wir merken auch: Für sie wird, was bisher Spiel war, tatsächlich Ernst. Die jungen Menschen spüren jetzt die Verantwortung ihrer Rolle, und darum ist es ganz gut, wenn die „Oliver“-­Darsteller von Vorstellung zu Vorstellung wechseln.

Sie haben einmal gesagt: der „Oliver“ unterscheidet sich von anderem Musicals. Worin liegt der Unterschied?

FOLZ Es ist ein einzigartiges Stück, das aus einer wirklich guten Tradition kommt. Es hat gar nichts zu tun mit den aufkommenden Rock-Pop-Musicals. Es ist wirklich ein klassisches Musical. Die Orchestrierung klingt nach „Pomp and Circumstances“ – also very British. Auch die kleinen Melodien für die Oliver-Figur sind kunstvoll arrangiert. Wir sind sehr froh, dass die Philharmoniker dabei sind – mit einer kleinen Streicherbesetzung, aber allen Holz- und Blechbläsern, die es im Orchester gibt. Wir haben außerdem ein Akkordeon und eine klassische Gitarre. Und wir haben einen großen Percussions-Apparat.

Es wird ein großes Klangerlebnis werden.

FOLZ So ist es. Und schon der Prolog ist große, sinfonische Musik.

„Oliver“ Musical von Lionel Bart nach dem Roman „Oliver Twist“ von Charles Dickens. Inszenierung: Ulf Dietrich, musikalische Leitung: Martin Folz, Choreographie: Luiza Braz Batista und Paul Hess, Bühne: Dietmar Teßmann, Kostüme: Monika Seidl. Mitwirkende: Paul Behrens, Lion Desing, Peer Fröhling, Moritz Giese, Conny Hain, Anne Harden, Michael Hiller, Johanna Lehnert, Finnja Lukas, Runa Marx, Klaus-Michael Nix, Anna Pircher, Lilianne May, Gideon Rapp, Dimetrio-Giovanni Rupp, Maja Stölzel, Hanna Terbes, Barbara Ullmann, Charlotte Whiteley, Bendix Woog, Marsha Zimmermann. Es singen der Opernchor und der Kinder- und Jugendchor des Theaters Trier. Es spielt das Philharmonische Orchester Trier. Premiere: 15. Februar, 19.30 Uhr, Großes Haus (ausverkauft). Weitere Termine: 29. Februar (ausverkauft), 10. März, (ausverkauft), 20., 22. und 28. März.