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"Das hast du doch von Brecht"

"Das hast du doch von Brecht"

LUXEMBURG. Schauspielauftakt im "Théâtre National du Luxembourg". Peter Palitzsch inszeniert seine "Drei kurzen Texte (mit tödlichem Ausgang)".

Der alte Herr, hager und hoch gewachsen, muss fast den Kopf einziehen, um nicht gegen den Querbalken der Tür zu stoßen. Er bittet den Besucher in die Küche; auf dem Tisch stehen Kaffee, Kerzen und Gebäck. Das Haus, ein paar Meter hinter der Spielstätte gelegen, hat das "Théâtre National" für seine auswärtigen Gäste angemietet. Zur Zeit lebt und arbeitet hier Peter Palitzsch, einer der ganz Großen (in des Wortes also durchaus doppelter Bedeutung) des deutschen Nachkriegstheaters. Eine zweifache Premiere für den Regisseur, der im September seinen 85. Geburtstag feierte: Er inszeniert nicht nur zum ersten Mal in Luxemburg, sondern erstmals auch ein eigenes Stück, "Drei kurze Texte (mit tödlichem Ausgang)". Warum beginnt er erst jetzt mit dem Schreiben? Stimmt nicht, wehrt Palitzsch ab: "Ich habe mein Leben lang geschrieben - Tagebücher, Essays, Notizen, Artikel." "Brecht ist der Beginn von allem"

Auch die "Drei kurzen Texte" gehörten in diese Kategorie: Versuche, Erlebtes zu reflektieren. Fürs Theater waren sie nicht gedacht, bis der Schauspieler Ulrich Gebauer die Aufzeichnungen sah, von ihrer Bühnentauglichkeit überzeugt und sofort zur Mitwirkung bereit war. Es geht in allen dreien um Tod, nicht den natürlichen, sondern den gewaltsamen. "Mehr und mehr empfinde ich das Übermaß an Gewalt, das in der Welt herrscht - gleichgültig, ob es sich dabei um Terrorismus, Kindersoldaten oder Kriege handelt. Dieser wachsenden Gewalttätigkeit stehe ich absolut hilflos gegenüber. Die Texte sind ein Versuch, sich mit diesem Phänomen auseinanderzusetzen. Das klingt ein wenig nach dem bewusstseinserweiternden Lehrtheater, das Palitzsch bei seinem Meister Bert Brecht gelernt hat, zu dessen Berliner Ensemble er 1946 stieß. "Brecht ist der Beginn von allem", sagt Palitzsch. Seine Jahre im Haus am Schiffbauerdamm sind die wichtigsten und prägendsten geblieben. Sie waren die Basis für seine spätere Arbeit in Ulm und Bremen, wo er mit Regiekollegen wie Hans Neuenfels und Peter Zadek unter dem Intendanten Kurt Hübner in den 1960er Jahren "Deutschlands heißestes Theater" gemacht hat, wie das Haus selbstbewusst warb. Seine Vorliebe für das politische Aufklärungstheater sorgte für Zündstoff in Stuttgart, wo er zwischen 1966 und 1972 als Schauspieldirektor des Württembergischen Staatstheaters mit der CDU-Landesregierung über Kreuz lag. Und sie war natürlich wegweisend beim "Mitbestimmungstheater" in Frankfurt, wo er, der 1961 nach dem Mauerbau von einem Auslandsgastspiel nicht in die DDR zurückkehrte, bis 1980 wirkte. In der Rückschau ist alles viel besser

Als Brecht-Schüler sehen ihn auch heute noch seine Schauspieler. "Wenn ich hier bei den Proben jemandem sage, mach‘ das mal so oder versuch‘ doch das mal", erzählt er amüsiert, "dann kriege ich sofort zur Antwort: ,Das hast du doch von Brecht‘." Natürlich, gibt er zu, ist in der Rückschau alles viel besser, ob er nun die Berliner Jahre oder seine Stationen in der Bundesrepublik Revue passieren lasse. Tatsache ist jedoch: Das Theater sei von einer "Nachdenkfabrik" zum Spaßbetrieb verkommen: "Wenn ich heute Brecht oder Shakespeare in Berlin sehe, dann finde ich das einfach nur noch läppisch." Das Publikum, überflutet von medialen Reizen aller Art, sei weniger anspruchsvoll, weniger konfliktbereit, vielleicht auch gedankenträge. Keine Lust auf eine Autobiografie

Will er, der die aufregendste Zeit des deutschen Nachkriegstheaters erlebt und mitgeprägt hat, nicht Zeugnis ablegen in einer Autobiografie? "Von Zeit zu Zeit denke ich, dass ich versuchen sollte, einen Lebensablauf zu beschreiben bis hin zu der merkwürdigen Situation, dass man älter wird und was das bedeutet: distanzierter werden, mehr reflektieren, auf vieles verzichten... Aber immer, wenn ich mit dem Schreiben anfange, entscheide ich mich früher oder später dafür, es bleiben zu lassen." Schade eigentlich. Denn dann hätte er neben einer sicherlich sehr ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Theater auch Amüsantes rekapitulieren können. Zum Beispiel, dass er dem deutschen Publikum, 1964 war das, beinahe Liv Ullmann beschert hätte. Mit ihr hatte er ein paar Mal in Norwegen gearbeitet, als sie noch Anfängerin, "aber bereits großartig" (Palitzsch) war. Sein Stuttgarter Chefdramaturg, der spätere literarische Quartett-Spieler Hellmuth Karasek, winkte entsetzt ab. Er hatte gerade einen norwegischen Schauspieler - auch er eine Palitzsch-Entdeckung - als "Arturo Ui" (Regie: Palitzsch) in Bremen gesehen. Das Deutsch des Mimen wurde zum Handicap für die ganze Aufführung. Karasek wehrte sich also mit Händen und Füßen gegen eine weitere norwegische Gastarbeiterin. Und so musste Liv Ullmann ohne deutsche Unterstützung zum Weltstar werden. Die Uraufführung von "Drei kurze Texte" ist am 22. November, 20 Uhr, in "Les Ateliers du TNL", Karten: 00352/26441270.