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Das ist Iggy Pop, das ist Punkrock: Open-Air in der Luxemburger Abtei Neumünster - 3000 Besucher

Das ist Iggy Pop, das ist Punkrock: Open-Air in der Luxemburger Abtei Neumünster - 3000 Besucher

Seit einem halben Jahrhundert steht Iggy Pop, Gottvater des Punkrocks, auf den Konzertbühnen der Welt. In Luxemburg stellte er am Montag sein neues Album "Post Pop Depressions" vor - immer noch halbnackt, immer noch wild.

Luxemburg. Natürlich ist der Oberkörper nackt und die schwarze Jeans so eng, dass sein Geschlecht sich deutlich abzeichnet. Und natürlich greift sich der Mann auf der Freilichtbühne der Abtei Neumünster in den Schritt, deutet an, zu onanieren und spuckt während des Konzerts mehr Speichel um sich, als - zumindest gefühlt - bei der gesamten Fußballeuropameisterschaft gespuckt wurde.

Das hat er bei seinen Konzerten schließlich immer schon so getan. Mindestens so. Soll er es lassen, nur weil er mittlerweile 69 Jahre alt ist? Nein. Das ist Iggy Pop. Das ist Punkrock.Fünf Jahrzehnte Musikgeschichte


Aufgewachsen als James Newell Osterberg in einer Wohnwagensiedlung in Michigan/USA, veröffentlicht Iggy Pop mit der Band The Stooges 1968 das erste Album. Drei Titel auf der A-Seite, fünf auf der B-Seite. Darunter "No Fun" und "I wanna be your dog", mit denen Iggy Pop das Konzert in Luxemburg eröffnet. Der gut zweistündige Gig wird damit zu einer Zeitreise durch fünf Jahrzehnte Musikgeschichte. Und zwar durch deren wilden, düsteren, anarchischen Teil.

Iggy Pop hat sich in früheren Jahren gerne mal bei Konzerten die Brust mit Glasscherben aufgeschnitten, bis das Blut floss. In Luxemburg ist er noch keine fünf Minuten auf der Bühne, da wirft er seinen dünnen, merklich angeschlagenen Körper in die Menge - zum sichtlichen Schrecken der Security-Männer. Zugegeben, ein bisschen sieht das nach Pose aus. Viel mehr aber nach einer immer noch ungestillten Gier nach Leben. Zwei seiner größten Hits, "Lust for Life" eben und "The Passenger" folgen prompt.

Iggy Pops Stimme ist dabei klar und überwältigend kraftvoll. Die Menge tobt. Seine ehemals auf der Bühne zur Schau gestellte Aggressivität hat nachgelassen. Neben den ganzen "fucks", "fucking" und "motherfuckers" ruft Iggy Pop seinem Publikum zwischen den Liedern "I love you" zu, mehrfach sogar. Er lacht und lächelt immer wieder, seine Gesichtszüge sind freundlich.Skandal-Pate für Arte


Ein feiner ironischer Zug umspielt seine Lippen auch in den Clips, mit denen der "Godfather of Punkrock" zurzeit im deutsch-französischen Kulturfernsehsender Arte zu sehen ist. Iggy Pop führt mit den kleinen Einspielern durch die Arte-Reihe "Summer of Scandals" mit Filmen, Interviews und Konzerten, die Skandale ausgelöst haben oder selbst als solche galten. "Ich wundere mich, wie zur Hölle die auf mich gekommen sind bei der Suche nach einem Paten für ihren Sommer der Skandale?", spöttelt Iggy Pop, der in den 1970ern Heroin und Alkohol verfallen war.
David Bowie habe damals sein Leben gerettet. Iggy Pop und David Bowie, David Bowie und Iggy Pop.

Im Rock-Gedächtnis sind die beiden Namen unzertrennlich miteinander verbunden. Von 1976 bis 1978 lebten die beiden in Berlin zusammen in einer WG. Bowie starb am 10. Januar 2016. Dem Magazin "Der Spiegel" sagte Iggy Pop wenig später, dass sie sich seit 13 Jahren nicht mehr gesprochen hätten. Das Konzert in Luxemburg ist keine Reminiszenz an Bowie, auch wenn dieser zwei der erfolgreichsten Iggy-Pop-Alben ("The Idiot" und "Lust for Life", beide 1977) mitgeschrieben und produziert hat.Wucht der Berliner Jahre


Vielmehr gibt es vor allem die Songs des im März 2016 veröffentlichten Alterswerks "Post Pop Depressions". Die haben zwar den großartigen Klang und die Wucht der Werke aus den Berliner Jahren mit Bowie. Sich selbst überlebt hat sich Iggy Pop mit dem neuen Album aber nicht. Er führt auch kein altes Theaterstück auf. Vielmehr blitzt Gelassenheit auf - und auch ein bisschen weniger von dieser Gier nach Leben. "Die Furcht frisst alle Seelen auf ein Mal, ich bin es müde, und ich träume, davonzukommen, in ein neues Leben”, heißt es in "Paraguay". Die Band auf der Open-Air-Bühne der Abtei Neumünster liefert druckvollen Sound dazu.Fast ein Abgesang


Und ganz am Ende ist dann doch noch sein Freund David Bowie mit auf der Bühne. Iggy Pop covert "Tonight" aus Bowies eher poppigen 1980ern. Allerdings scheint es ohnehin eher um den Text zu gehen. "Everyone will be allright tonight", heißt es im Refrain zwar, jedem wird es gut gehen heute Abend.
Die Zeilen, mit denen Iggy Pop die Bühne verlässt, sind allerdings weniger gut gestimmt: "I will love you till I die. I will see you in the sky. Tonight."
Arte zeigt in seiner Reihe "Summer of Scandals" am Samstag, 23. Juli, 0 Uhr, einen 70-minütigen Mitschnitt des Iggy-Pop-Konzerts beim Festival Nuits de Fourvière 2015.