Das Kino im eigenen Kopf

Wittlich · Keine Show, sondern nur Sprache: Judith Hermann hat bei der vorletzten Lesung des Eifel-Literatur-Festivals in der ausverkauften Wittlicher Synagoge eindrucksvolle Bilder in den Köpfen der rund 200 Zuschauer entstehen lassen.

 Judith Hermann nimmt sich Zeit für persönliche Widmungen. TV-Foto: Rebecca Schaal

Judith Hermann nimmt sich Zeit für persönliche Widmungen. TV-Foto: Rebecca Schaal

Judith Hermann hat Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki Lügen gestraft. 1998 lobte er Hermanns Debüt "Sommerhaus, später" in der Sendung "Das literarische Quartett". 1999 mahnte er bei einem Treffen, sie solle sich gut überlegen, ob sie jemals Kinder bekommen wolle - niemand mit Kindern könne noch wirklich richtig Bücher schreiben. Im Jahr 2000 wurde Hermann Mutter. Und veröffentlichte 2003 ("Nichts als Gespenster") und 2009 ("Alice") zwei weitere Erzählbände - überaus erfolgreiche dazu.

Das ist nur eine der unterhaltsamen Anekdoten, die die Berlinerin in der ausverkauften Wittlicher Synagoge zum Besten gibt. Gerade hat die 40-Jährige eine Erzählung ("Conrad") aus ihrem jüngsten Werk "Alice" vorgelesen. Ein anspruchsvolles Unterfangen, vor allem für ihre Zuhörer. Ihr Schreibstil ist geprägt von Auslassungen, Aufzählungen und Aneinanderreihungen. Gepaart mit ihrem schnellen, manchmal fast stakkatohaften Vorlesestil fordert der Abend von den rund 200 Zuhörern volle Konzentration. Die aber lohnt sich: Ihre bildhafte Sprache entwickelt ihren ganz eigenen Charme. So mancher im Publikum schließt die Augen und findet sich mittendrin in der Geschichte, die in Italien am Gardasee spielt. Hermann spricht von Sardinen in Olivenöl, und fast kann man sie schmecken. Genauso wie der Duft der Oleanderbüsche riechbar wird, die Hitze der italienischen Sonne spürbar und das Zirpen der Grillen hörbar. Hermann beherrscht die Kunst, das Kino in den Köpfen ihrer Zuhörer anzukurbeln, wahrlich meisterhaft.

Nun geht es in "Alice" aber nicht um locker-leichte Urlaubsgeschichten. Alle fünf Erzählungen des Bandes handeln vom Leben und vom Sterben. Vom Abschiednehmen, vom Nicht-Loslassen-Können, vom Verstehen-Müssen, aber nicht Verstehen-Können. Es habe eine Zeit in ihrem Leben gegeben, in der sie gleich mehrmals habe Abschied nehmen müssen. Das Ergebnis ist "Alice". Für Hermann eine Möglichkeit der Verarbeitung und der Selbsttherapie. Aber: "Am Ende des Buches gibt es Licht." Sie wolle dem Leser gut zureden, und unter anderem deshalb erzähle das Buch mehr von denen, die weiterleben, als von denen, die gehen.

Auch der Literaturbetrieb kommt nicht ohne Schubladen aus, um Werke und Autoren einzuordnen und zu beschreiben. Hermann wurde immerhin die Ehre zuteil, ein eigenes Etikett zu bekommen. Sie gilt als Begründerin der "Fräuleinwunder-Literatur", zu der auch Juli Zeh ("Adler und Engel") und Julia Franck ("Die Mittagsfrau") gezählt werden. Für Kritiker Hellmuth Karasek war sie der "Sound einer Generation". Richtig glücklich war sie mit all diesen Stempeln und Prädikaten nie.

Wichtig hingegen, und das betont sie in Wittlich gleich mehrmals, sei ihr in ihrem Buch das Nebeneinander von großer Schönheit und großem Schrecken. So wie der vergnügliche Italienaufenthalt mit leckerem Essen, Wein und Baden im See, der dem plötzlichen Tod des väterlichen Freundes entgegensteht.

Ein stiller, aber besonderer Abend in Wittlich, an dem allein das Werk im Mittelpunkt steht. Und die Erkenntnis, dass auch ein Literaturpapst irren kann.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort