Das Kunsthuhn

Ich hätte nicht erwartet, dass die Sache sich so entwickeln würde. Nein, ich hatte gehofft, dass es nicht so enden würde.

Eigentlich war ich extra aus Trier weggegangen, um nichts mehr damit zu tun zu haben. Der Hund hatte eben das Huhn totgebissen. Ja, alle waren darüber unglücklich, aber am unglücklichsten sicher ich selbst. Das möchte ich behaupten. Und ich hatte diesem kunstsinnigen Wesen noch nicht einmal einen Namen gegeben. Ich nannte es einfach immer nur: das Huhn. Wir organisierten eine Art Beerdigung, eher eine Trauerfeier. Es gab ja keine "sterblichen Überreste". Wir versammelten uns auf dem Hof vor der alten Schule und saßen um den großen Tisch. Es war ein herrlicher Frühlingstag. Wir unterhielten uns über die Pläne, die wir mit dem Huhn noch gehabt hatten. Wir wollten ihm die Welt zeigen, die großen Museen mit ihm besuchen und seinen Werdegang und Kunstsinn als Videofilm unter die Leute bringen und überhaupt grundsätzlich das Verständnis der Menschheit vom Wesen der Tiere revolutionär verändern.Hatte nicht Karl Marx gesagt: "Es gibt drei große Gruppen von Unterdrückten in der heutigen Welt. Die Landschaft, die Frau und das Tier"? So jedenfalls hatte damals am Tisch der alte Lehrer gemeint. Er war schon lange nicht mehr im Dienst. Die Schule hatte ja schon viele Jahre leer gestanden dort auf der Anhöhe. Die Schüler fuhren mit dem Schulbus nach Trier in die St.-Martin-Schule. Nachmittags brachte der Bus sie zurück, und sie verteilten sich lärmend in die alten renovierten Häuser und in die modernen Bungalows. In einem der größeren weißen Flachbauten mit Garten ohne Zaun wohnte auch "der Hund". Wir konnten vom Schulhof aus hinübersehen und sogar das Haustürschild neben dem Eingang erkennen. Handgemachte Keramik, krakelige Kinderschrift: Hier wohnt die Familie Birgisser: Mathilde, Herbert, Susanne, Matthias und Bello. Es war unerträglich. Auf der anderen Seite des Schulhofes konnten wir das Gehege sehen. Die Hühner, alle von maronibrauner Farbe, rannten glucksend auf ihren roten Krallenfüßen den Hügel hinauf und herunter, verharrten, pickten, schauten auf, wendeten abrupt den Kopf, blickten kurz und ausdruckslos zu uns herüber und fuhren fort im immer gleichen Ablauf ihrer Bewegungen. Wie anders war doch "unser" Huhn gewesen. Sicher, es sah genauso aus wie die anderen, ein halbwegs glückliches Huhn in einem Hühnergehege am Rande Triers. Aber: Vom Wesen her war es total anders. Es hatte ein kleines Loch genutzt und das Gehege verlassen und spazierte zunächst vorsichtig auf dem Schulhof umher. Wir hatten die Schultüre immer offen gelassen und trafen uns manchmal auf dem Hof, um eine Zigarette zusammen zu rauchen. Mein Atelier war im Erdgeschoss; dort hatte ich die leer geräumten Schulräume mit Tischen und einem Regal ausgestattet und an den Wänden lange Leisten angenagelt, auf denen nun all die halbfertigen Bilder herumstanden. Im oberen Stockwerk arbeitete Louise, die Bildhauerin, an ihren großen Holzblöcken, und Gianni hatte sich im Übergangsbereich zur Lehrerwohnung sein Fotoatelier mit Dunkelkammer eingerichtet. Ende April hatte das Huhn nach zwei aufeinander folgenden Tagen, an denen es zu regelmäßigen Zeiten seine Runden auf dem Hof drehte und uns neugierig betrachtete, zum ersten Mal das Schulhaus betreten. Im geräumigen Treppenhaus standen meine Bilder an der Wand gelehnt. Sie sollten in den nächsten Tagen verpackt werden und auf eine Ausstellung nach München gehen. Meine erste große Einzelausstellung! Ich war in aufgeregter und euphorischer Stimmung und hörte laute Musik, während ich ein tiefes Rot auf der Palette anmischte. Da sah ich das Huhn. Es stand wie erstarrt vor einem Gemälde, und nachdem es vorsichtig die Leinwand mit dem Schnabel getestet hatte, ging es drei Hühnerlängen rückwärts und nahm das Bild in seinen Augenschein. Es veränderte seine Position bedächtig einige Male, blickte mal vom linken, mal vom rechten Rand her, mal ganz aus der Nähe, mal mit Abstand auf das Bild. Es wirkte aufmerksam und konzentriert und bemerkte mich erst nach mehr als zehn Minuten. Es nickte mir kurz zu und verließ das Schulhaus in langsamer Hühnergangart, um in das Gehege durch die freigekratzte Stelle unter dem Drahtgitter zurückzukehren. Ich meinte geträumt zu haben, ich war benommen. Ich schwebte in einer anderen Realität, meinte eine andere, eine parallele Welt voller Geheimnisse betreten zu haben. Ich brannte darauf, das Urteil des Huhns über das Bild zu erfahren. War dieses doch gerade ein Gemälde, an dem ich lange gearbeitet hatte, immer wieder von heftigen Zweifeln an der Komposition gequält. Es stellte eine Szene an drei Fenstern dar, aus denen man auf die verschwommene Kontur einer Hafenlandschaft und im Inneren des Zimmers über einen zerwühlten Haufen weißer Bettwäsche auf die geglätteten Wasserflächen der Hafenbecken blickt. Die Szene wurde eingerahmt von Buchstaben und Mustern, die einer mittelalterlichen Tradition folgend einen Rahmen im Rahmen herstellten. Machte man sich die Mühe, die Lettern zu Worten und Sätzen zusammenzufügen, las man von Einwanderern und Auswanderern, von Flüchtlingen, die von diesem Haus aus nach Amerika aufbrachen und vorher in Quarantäne festgesetzt 30 Tage nur durch diese Fenster nach draußen blicken konnten. Ein Bild vom Warten auf den Aufbruch. Menschen waren nicht zu sehen. Am nächsten Tag kam das Huhn zur etwa gleichen Tageszeit, vormittags, und hielt sich fast 20 Minuten vor einem anderen Bild auf. Es verabschiedete sich gleich darauf wieder mit diesem kleinen Nicken. So ging das etwa zwei Wochen lang. Ich befand mich in einem Ausnahmezustand, ich arbeitete wie besessen bis tief in die Nacht an meinen acht angefangenen Bildern, um sie dann morgens in den Flur ins rechte Licht und in Position zu rücken. Das Huhn kam, sah und ging wieder. Seine Besuchsphasen wurden täglich wenig länger, und es begann, da war ich mir sicher, mir Zeichen zu geben, an welchen Stellen es einer Korrektur des Farbauftrags oder der Verdeutlichung einer Linie bedurfte. Wie? Mit einem sanften Picken auf die zu verbessernde Stelle, dann legte es den Kopf schief und fixierte mich. Ich meinte ein schelmisches Zwinkern bemerkt zu haben. Mitte Mai besuchte mich mein Galerist aus Frankfurt. Er war begeistert von der neuen Farbigkeit und der ungewöhnlichen Aufteilung der Bildelemente und sprach von einer kraftvollen Periode, in der ich meinen Stil vervollkommne und zu neuen Dimensionen vorstösse. Die Hausbesuche des Huhns erwähnte ich nicht. Irgendwann in diesen Wochen suchte ich auch das Gespräch mit der Bäuerin. "Ja, dieses Huhn ist irgendwie anders", meinte sie achselzuckend und ein wenig mürrisch, "wir mussten schon über die Mosel bis auf den Markusberg fahren, um es von einem seiner Ausflüge zurückzuholen". Ich weihte auch meine zunächst zweifelnden Kollegen in das Geheimnis ein. Wir diskutierten viel, was wir zur Förderung des Huhns machen könnten. Wir nahmen ein Taxi in die Trierer Innenstadt. Gianni und ich saßen mit dem Huhn auf dem Rücksitz, Louise auf dem Beifahrersitz. Zuerst klappte es gar nicht. Das Huhn verfiel in Panik und flatterte unter irrem Gegacker im Innenraum umher, prallte gegen die Fahrzeugdecke und verlor einige Federn. Bis Gianni die rettende Idee hatte: Er rannte zurück ins Schulhaus und kam mit einigen Bänden seiner Kunstlexika wieder. Zufällig aufgeschlagen, zeigten wir zunächst Abbildungen der deutschen Expressionisten Beckmann, Liebermann und Nolde: Keinerlei Ruhe trat ein, es schaute gar nicht hin. Auch die kubistischen Werke Picassos in ihrer geometrischen Auflösung: kein Ergebnis. Erst als wir die Bilder der blauen Periode aufschlugen, kam es sofort zur Ruhe und konzentrierte den Blick auf die traurigen Zirkusmenschen. Die weitere Fahrt verlief unauffällig. Wir besichtigten, mit dem Huhn, das sich kaum einmal tragen ließ, die Porta Nigra und die Kaiserthermen. Sein Interesse schien uns eher höflich verhalten. Erst als wir im Diösesanmuseum den Raum mit farbigen Wandbildern und Mosaiken betraten, blieb es vor dem Mosaik-Portrait der Kaiserin Helena stehen und nahm die mir nun schon vertraute aufmerksam-kontemplative Haltung eines Kunstbetrachters ein. Wir blieben zwei Stunden im Museum. Es passierte am Tag darauf, es war ein Montag. Zum ersten Mal wartete ich vergebens im Atelier. Es kam nicht. Mittags stand ich vor dem Drahtgitter und versuchte es zu erkennen zwischen den anderen braunen Hühnern: nichts. Ich konnte nicht arbeiten, Gianni und Louise waren nicht da, sie schliefen sich aus nach einem Gelage im Hades, unserer Lieblingskneipe. Ich war schon früher gegangen, ich wollte nicht meine vormittäglichen "Sitzungen" mit dem Huhn verpassen. Der Galerist rief an, seine Kunden waren begeistert von meinen neuen Werken, und er hatte bereits einige verkauft. Er war zufrieden, dass ich schon "an der Arbeit" sei. "Bleib dran, die Bilder gehen weg wie geschnitten Brot, ich habe schon Anfragen aus den Staaten. Das wird dein internationaler Durchbruch!" Mir ging es nicht gut. Ich vermisste nicht nur meinen besten Kritiker und Anleiter, mir fehlte das Huhn auch irgendwie als Person. Ich möchte fast sagen als Freund. Schließlich ging ich gegen Abend bei der Bäuerin vorbei. Ich fragte nach zehn Eiern. Nebenbei erwähnte ich das Huhn. "Ach das verrückte Huhn, ja das hat der Bello aus der oberen Straße leider gestern Abend bei einem seiner Ausflüge erwischt." Bello hat also das Huhn getötet. Die Bäuerin schien auch etwas traurig, obwohl sie immer den Kopf über das seltsame Huhn geschüttelt hatte. Die Trauerfeier fiel kurz aus. Irgendwie fehlte uns der Zusammenhalt. Der Lehrer schlurfte zurück in seine Wohnung. Wir fuhren jeder in eine andere Richtung davon. Das Schulhaus war bereits verkauft an einen luxemburgischen Investor. Er machte ein elegantes Appartmenthaus daraus. Gianni lebt heute in Berlin, Louise hat ein Arbeitsstipendium in Llubljana. Ich bin von meiner jetzigen Wahlheimat in Bremen nur noch einmal dorthin zurückgekommen. Ein seltsamer Anruf frühmorgens: die Bäuerin - wo hatte sie bloß meine Telefonnummer her? -, es gäbe etwas, das nur vom "verrückten Huhn" sein könne. Ich solle es abholen, denn es sei wohl etwas "mit Kunst". "Es muss das sehr sorgfältig verscharrt haben. Wir haben es nur gefunden, weil wir das Gehege verlegt haben und die Erde auswechseln wollten." Sie überreichte mir ein glänzendes Ei von normaler Größe eines Hühnereis. Aber, es war aus Gold und wog schwer in meiner Hand. Eingraviert in Punktschrift war darauf zu lesen: "Der Zeit ihre Kunst. Der Kunst ihre Freiheit." KURZGESCHICHTE Erster Preis