"Das kunstseidene Mädchen" im Kasino am Kornmarkt Trier

Theaterkritik : Dieser Glanz, der nur Glitter ist

Anna Pircher spielt und spricht Irmgard Keuns „Kunstseidenes Mädchen“ im Kasino am Kornmarkt.

Mit strahlenden Augen, einen abgewetzten Koffer in der einen Hand, einen „ausgeborgten“ Pelzmantel über dem Arm, kommt sie in der Großstadt an, läuft einmal ungläubig „um den Block“ (also zwischen den Zuschauertischen hindurch) und landet in ihrem Zimmerchen mit Bett und Spiegelkommode. Zum Unglücklichsein braucht es nicht viel. Hauptsache, Doris ist angekommen in Berlin, hat die verhasste Provinz irgendwo im Rheinischen hinter sich gelassen, um in der Metropole „ein Glanz“ zu werden. Der Vater arbeitslos, die Mutter, immerhin, Garderobiere am Theater – ein bisschen glitzert es also schon in der Familie. Aber eben nicht genug für den lebensgierigen Teenager, der als Tippse bei einem aufdringlichen Anwalt sein Geld verdient. Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Doch in der Hauptstadt gibt es genug Männer, die zu zahlen bereit sind, wenn man selbst bereit ist, genug von sich preiszugeben. Am Ende ist Doris zum zweiten Mal in Berlin angekommen – dieses Mal ganz unten.

„Das kunstseidene Mädchen“ war 1932 Irmgard Keuns zweiter Romanerfolg (nach „Gilgi, eine von uns“, ein Jahr zuvor erschienen). Ihren kurzen rauschhaften Erfolg beendeten die Nazis, denen Keuns Frauenfiguren, undeutsche Schlampen, mächtig gegen den Strich gingen. Es folgten Exil, Leben im Untergrund, Armut, Alkoholsucht und ein kurzes Aufflammen des Ruhmes nach Keuns Wiederentdeckung wenige Jahre vor ihrem Tod 1982 in Köln.

Mehrere ihrer Bücher sind für die Bühne bearbeitet worden; am populärsten wurde „Das kunstseidene Mädchen“ in der Fassung von Gottfried Greiffenhagen, die 1985 in Bonn uraufgeführt wurde.

Und jetzt in Trier von Anna Pircher verkörpert und vergeistigt wird – wie man hört auf Wunsch der Schauspielerin, der diese Doris ans Herz gewachsen ist. Inszeniert hat den hundertminütigen pausenlosen Monolog – allein den fehlerfrei in den Kopf zu kriegen ist eine beachtliche Leistung – Yves Bombay. Pirchers Doris strotzt vor erwartungsfreudiger Unbedarftheit, hat es allerdings auch faustdick hinter den Ohren. Manchmal freilich – und immer öfter – spürt sie diese Faust im Nacken oder als Schlag in die Magengrube, wenn es mal mit dem Leben oder den Männern, was bei ihr fast das Gleiche ist, nicht so läuft, wie es eigentlich laufen sollte. Minuziös führt sie Tagebuch über ihre Erlebnisse, die immer schäbiger werden, doch es dauert eine Weile, bis ihr die Chuzpe abhandenkommt, mit der sie sich über Wasser hält. Bis dahin setzt sie ihr hübsches Gesicht und ihre tollen Beine, die sie dem Publikum unaufgefordert bis zum Anschlag zeigt, durchaus gewinnbringend ein – zumindest solange, bis es mit der angestrebten Schauspielkarriere klappt. Als die jedoch in den Niederungen der Statisterie versandet, bleibt ihr wirklich nur noch ihr attraktiver Körper als Geldquelle.

Auf ihrem abschüssigen Lebensweg spielt Pircher diese Doris zwischen anrührender Naivität und koketter Erotik, zwischen Aufmüpfigkeit und Niedergeschlagenheit, ohne jedoch in Selbstmitleid zu fallen – wenn auch am Schluss ein paar Tränen fließen.

Bis dahin lenkt Regisseur Yves Bombay seine Protagonistin behutsam durch ihren Niedergang. Sein Geheimnis bleibt es jedoch, warum er die – weitgehend – musiklose Urfassung um Lieder und Chansons ergänzt, die zwar „irgendwie“ mit dem Berlin der 20er Jahre zu tun haben, die Handlung allerdings weder nennenswert voranbringen noch bereichern – abgesehen vielleicht vom Gassenhauer „Wenn die Elisabeth nicht so schöne Beine hätt“ (wie eben Pircher, siehe oben), der eine gewisse dramaturgische Daseinsberechtigung hat. Warum aber muss sich die Schauspielerin den „Barbarasong“ aus der „Dreigroschenoper“ antun („Ja, da kann man sich doch nicht bloß hinlegen …“), der so gar nichts für ihre Stimme ist, oder Marlene Dietrichs Sehnsuchtsballade „Wenn ich mir was wünschen dürfte …“? Und was Georg Kreisler und Topsy Küppers im Berlin der 20er Jahre zu suchen haben (mit „Geben Sie acht!“ träumt sich die Sängerin den Tod ihrer Intimfeinde herbei), mag sich erst recht nicht erschließen (zugegeben: ein paar Lacher mehr). Musik wird störend oft empfunden, weil sie zwar auch mit Geräusch verbunden, aber hier vor allem den Handlungsfluss unterbricht. Da konnte Malte Kühn am E-Piano noch so diskret und stilvoll begleiten.

Zum Schluss jedenfalls feierten die Zuschauer eine strahlende Anna Pircher, die an diesem Abend ihren verdienten Glanz wenn schon nicht in Berlin, so doch immerhin im Kasino in Trier bekommen hat.

Die nächsten Vorstellungen: 23. Mai (19.30 Uhr) und 26. Mai (18 Uhr), Karten: 0651 / 718-1818.

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