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Das Leben, eine Tragödie

Das Leben, eine Tragödie

Einen denkwürdigen Theaterabend haben 220 Zuschauer am Freitag im Studio des Luxemburger Grand Théâtre erlebt. Das Berliner Theater T 1 hat mit seinem Gastspiel von Anton Tschechows Stück "Onkel Wanja" gezeigt, was großes Schauspielertheater ausmacht.

Luxemburg. Hochkarätig besetzt, minimalistisch ausgestattet, mit dramatischer Hingabe gespielt: Das Gastspiel der Bühne T 1 aus Berlin im kleinen Saal des Luxemburger Grand Théâtre konnte restlos überzeugen. Tschechows Drama "Onkel Wanja" von 1899 wurde nicht als russische Elegie mit Blümchentapeten und historisierenden Kostümen inszeniert, sondern als knallharte Tragödie mit schlichten, heutigen Kostümen und durchaus komischen Momenten.
Ums Lebenswerk betrogen


Als der alte Professor (Rik van Uffelen) mit seiner schönen, jungen Frau Elena (beeindruckend vielfarbig: Ursina Lardi) auf dem Landgut seiner längst verstorbenen ersten Frau eintrifft, gerät die Balance des Daseins seiner Tochter Sonja (sehr intensiv: Ursula Renneke) und deren Onkel Wanja (Josef Ostendorf) durcheinander. In Jahrzehnten mühevoller Bewirtschaftung haben sie dem prätentiösen Gelehrten ein Auskommen erwirtschaftet, jetzt will dieser das Gut verkaufen, um seinen Lebensabend zu finanzieren.
Wanja und Sonja sehen sich um ihr Lebenswerk betrogen, persönliche Enttäuschungen und Liebeswirren kommen hinzu. Und da ist auch noch der attraktive, aber dem Alkohol verfallene Arzt Astrow (Devid Striesow), der all den "Käuzen" den Spiegel vorhält. Die Spirale der Eskalationen dreht sich immer weiter, bis Wanja auf den Professor schießt, ihn jedoch verfehlt.
Aber die Zeit fließt dahin, bleibt stehen, dehnt sich wieder aus, am Ende steht keine Veränderung, alles bleibt beim Alten. Der Professor und Elena reisen ab, der Arzt ebenso, Sonja und Wanja gehen wieder an die Arbeit.
Über drei rauschhafte Stunden lang wird exzessiv gesoffen, geliebt, geschlagen, gestreichelt, geflüstert, gebrüllt, geschmeichelt. Das ganze Spektrum der Verletzlichkeit menschlicher Existenz wird schonungslos entblößt, auch körperlich. Die Nacktheit wird jedoch nicht als Effekt benutzt, sondern als dramaturgisch absolut stimmiges Element.
Die minimalistische Bühne (Hannah Landes) besteht nur aus einer rohen Holzwand im Hintergrund; als Requisiten dienen ein paar Stühle und Tische sowie vor allem Wodka- und Rotweinflaschen. Im Laufe des Geschehens purzelt alles durcheinander, in den Pfützen wälzen sich die Protagonisten.
Josef Ostendorf spielt den Wanja mit einer außergewöhnlichen Wucht, seine Präsenz spiegelt die widersprüchlichen Aspekte der Figur: zärtlich und brutal, hellsichtig und zynisch, bemitleidenswert und selbstmitleidig.
Der exzellente Devid Striesow gibt den Berserker. Er sprüht vor Spiellust; seine Darstellung des versoffenen Arztes ist höchst differenziert und authentisch, gleitet aber nie in Klamauk ab. Das ist große Kunst. "Beeindruckend authentisches, brutales und wahrhaftiges Theater", sagt Tim Olrik Stöneberg, selbst Schauspieler in Trier und im Saarbrücker Tatort mit Devid Striesow als neuem Kommissar.
Das Publikum spendet minutenlangen Applaus.