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"Das Märchen muss man sehr ernst nehmen"

"Das Märchen muss man sehr ernst nehmen"

TRIER. Das Premierenfieber bricht im Trierer Theater normalerweise abends um halb acht aus. Nur einmal im Jahr heißt es schon morgens um elf "toi-toi-toi": Wenn, wie am morgigen Freitag, das Märchen vom Stapel läuft.

"Kinder sind das ehrlichste Publikum." Nadine Kettler weiß, wovon sie redet, denn sie kann vergleichen. Den Panther Ba-ghira im Dschungelbuch hat sie ebenso verkörpert wie die Buhlschaft im "Jedermann" - nun singt und spielt sie die Titelrolle im "Gestiefelten Kater". Das sei für den Darsteller "keinen Deut weniger anspruchsvoll als Shakespeare oder Goethe", sagt sie, im Gegenteil: Die Dauerpräsenz auf der Bühne sei "furchtbar anstrengend". Kein Gedanke in die Richtung, dass man etwa "nur im Kinderstück" eingesetzt sei. Die Zeit, da das Weihnachtsmärchen als Routine-Arbeit nebenher lief, ist in den meisten Theatern längst vorbei. Man kämpft um das junge Publikum, das in Trier allein mit dieser einen Produktion in der Jahresbilanz knapp 20 (!) Prozent der Gesamt-Besucher des Hauses ausmacht. Zweimal gab es in den letzten 15 Jahren Probleme mit der Akzeptanz des Weihnachtsstücks - zweimal stürzte die Jahres-Besucherzahl ins Bodenlose, und die Kulturpolitiker wiegten bedenklich die Köpfe. Es sei "ganz bestimmt kein Zufall, dass wir die Hauptrolle im Märchen mit unserer Theaterpreis-Trägerin besetzt haben", sagt Intendant Lukas-Kindermann. Und verweist darauf, dass man mit Jürgen Heiss eigens den Erfolgs-Regisseur von "West Side Story" und "Rocky Horror Show" für den "Gestiefelten Kater" wieder nach Trier geholt hat. Dazu kommt natürlich der Erfolgsgarant der letzten Jahre: Seit der hauseigene Dramaturg Alexander Etzel-Ragusa die alten Märchen zu flotten Musicals aufpeppt, floriert der Betrieb. "Alice im Wunderland", "Sindbad der Seefahrer": Die Kinder hatten Spaß und kamen in Scharen, die Eltern und Lehrer fanden's gut, und selbst die Kritik fiel freundlich aus. "Das Märchen muss man sehr ernst nehmen", umreißt Etzel-Ragusa sein Erfolgsrezept. Monatelang feilt er an den Texten und stellt die passende Musik zusammen, "aus hunderten von Tonträgern". Das Stück müsse "für Kinder nachvollziehbar sein", findet er, die Figuren sollten "eine gewisse Tiefe haben", dabei aber "auf keinen Fall besserwisserisch ‘rüberkommen". Risiken durch allzu schräge Inszenierungs-Ideen will Etzel-Ragusa nicht eingehen, schließlich müssten "Eltern und Lehrer den Theaterbesuch ja auch verantworten". Stattdessen setzt er auf Pfiffigkeit, etwa beim Kontrast zwischen dem cleveren Kater und dem eher denkfaulen Müller (Tim Olrik Stöneberg). Außerdem sollen die Kinder aktiv einbezogen werden, dürfen das Bühnengeschehen kommentieren. Und ein bisschen Harry-Potter-Feeling hat Etzel-Ragusa auch noch eingebaut. Die meisten werden den Original-Märchen-Inhalt wohl schon vorher kennen - anders als die Hauptdarstellerin. "Ich musste mir das erst mal auf Märchenkassetten anhören", bekennt Nadine Kettler lachend. Nun ist sie "wirklich sehr gespannt", wie die Trierer Version bei den Youngstern ankommt. Premiere auch ein kleiner Abschied

Für Alexander Etzel-Ragusa ist die Premiere morgen auch ein kleiner Abschied. Zum letzten Mal zeichnet der Dramaturg für das Märchen in Trier verantwortlich, gehört er doch zu den Künstlern, deren Vertrag beim Intendantenwechsel nicht verlängert wird. Jahrelang hat er dem Theater seinen Stempel aufgedrückt, auch als Kopf des erfolgreichen "Jugendclubs". Dass er nun gehen soll, will er nicht öffentlich kommentieren - er lässt aber durchblicken, dass ihn der Vorgang nicht ganz unvorbereitet trifft. Auch Nadine Kettler, die entgegen ursprünglichen Plänen nun doch in Trier bleiben wird, sieht die Sache vergleichsweise gelassen und verweist auf die eiserne Künstler-Devise: "The show must go on."