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Das moderne Gesicht des Islam - Absolute Hingabe, vollkommene Unterwerfung: Familie Baser gelingt es, die Regeln ihrer Religion mit dem Alltag zu verbinden

Das moderne Gesicht des Islam - Absolute Hingabe, vollkommene Unterwerfung: Familie Baser gelingt es, die Regeln ihrer Religion mit dem Alltag zu verbinden

Allah ist mal der Barmherzige, mal der Richtende. Aber er ist immer der alles Bestimmende. Die Regeln des Islam mit dem Alltag zu verbinden, ist eine ständige Herausforderung. Der fünfköpfigen Familie Baser aus Düsseldorf gelingt das.

"Bismillah" - zu Deutsch: im Namen Gottes. Dieses Wort flüstert Musa Baser, gläubiger Muslim, Dutzende Male täglich vor sich hin. Unbewusst. Ob er seine Wohnung betritt, sich die Schuhe bindet oder am Essenstisch sitzt. "Wir sind von Allah erschaffen, damit wir ihm dienen", sagt der 44-jährige Türke, der mit seiner Familie in Düsseldorf lebt. "Jede noch so kleine Aufgabe, die wir für uns selbst erledigen, machen wir so in Allahs Namen."

Musa Baser ist heute spät dran, von seinem Steuerbüro in Meerbusch bis zur Moschee in Düsseldorf-Lörick dauert es etwa zehn Minuten mit dem Auto. Zuvor muss er noch Hände, Gesicht und Füße vor dem für Männer verpflichtenden Freitagsgebet nach strenger Vorgabe gewaschen haben. "Bismillah." Er drückt das Gaspedal etwas fester durch - der Motor jault auf. "Wir müssenrechtzeitig dort sein, der Imam wartet nicht", sagt Baser.

Um 12.48 Uhr - wenn die Sonne am höchsten steht - kniet er pünktlich und gewaschen in seiner Gemeinde auf dem Gebetsteppich: Der Imam spricht Arabisch, immer wieder ist ein "Allahu Akbar" - Gott ist groß - zu hören. Es herrscht eine spirituelle, besinnliche Atmosphäre. Das Wort Muslim bedeutet übersetzt "der, der sich Gott unterwirft".

Beim Anblick, wie die Gläubigen vor dem Imam auf die Knie gehen, Hände und Stirn auf den Teppich legen, mit geschlossenen Augen Allah lobpreisen, ist das nicht übertrieben. Es ist absolute Hingabe, vollkommene Unterwerfung. "Wir versuchen beim Beten alles Weltliche auszublenden. Wir sehen nur ein Strahlen", versucht Rukiye Baser (43) zu erklären. Es sei vergleichbar mit einer Meditation.

Sie lebt mit ihrem Mann und den Töchtern Dilara (18) und Aleyna (12) sowie Sohn Ali Riza (9) in Lörick. Ihre Vier-Zimmerwohnung ist modern eingerichtet mit Laminat, weißen Wänden und Stuck an der Decke.

Flachbild-Fernseher, Playstation und DVD-Player fehlen auch nicht. Es handelt sich um das Heim einer typischen Düsseldorfer Familie. Das Mädchen-Zimmer ist ein Traum in Pink - eine Diddl-Maus hütet das Bett.

Wer allerdings auf die Details achtet, der erkennt, wie der Islam sich mit dem modernen Alltagsleben der Familie vermischt: Da gibt es eine Miniatur-Kaaba, das Abbild des "Hauses Gottes" in der Heiligen Moschee in Mekka, eine Uhr, die die Gebetszeiten angibt, oder auch ein Bild mit zahlreichen arabischen Schriftzeichen fallen auf.

"Das zeigt die 99 Namen Allahs", erklärt Rukiye Baser und zählt auf. "Allah der Barmherzige, der Ewige, der König, der Verzeihende und so weiter - ich kenne nicht alle", sagt sie und lacht. Das Bild ist ein Mitbringsel aus dem Ägypten-Urlaub und eher Dekoration als religiöses Symbol.

Bis zum vergangenen Jahr hat Rukiye Baser, die ihren Job als Krankenschwester der Kinder wegen aufgegeben hat, noch kein Kopftuch getragen. Jetzt, nach einem Urlaub in Mekka, ziert ein lilafarbenes Tuch ihr Haupt. "Das war meine eigene Wahl, meine Töchter dürfen für sich selbst entscheiden", sagt die 43-Jährige. Anfangs erntete sie noch neugierige Blicke von ihren deutschen Freundinnen. "Doch die haben sich schnell daran gewöhnt."

Familie Baser ist sunnitisch, Vater, Mutter und die älteste Tochter beten jeden Tag. Wenn es die Zeit zulässt, werden alle fünf täglichen Pflichtgebete von Morgendämmerung bis nachts pünktlich vollzogen - so wie es der Koran verlangt.

Doch das ist nicht immer möglich. Dilara kann zum Beispiel in der Schule nicht aus dem Unterricht gehen, um zu beten. "Das brauchen wir auch nicht, der Koran erlaubt, das Gebet nachzuholen", sagt Dilara. Sie betet dann nach der Schule. Vater Musa Baser bleibt wegen der Arbeit am Wochenende oft im Büro, holt das Nachtgebet kurz vor der Morgendämmerung vor dem Schreibtisch nach.

Trotz vieler Regeln dominiert der Glaube jedoch längst nicht den Alltag. Sonntags ist Familientag. Dann gibt es Radtouren, unter der Woche werden die Kinder zum Basketball, Schwimmen oder zum Klavierunterricht gebracht. Rukiye Baser spielt dann "Mama-Taxi", wie sie sagt. Dazu kommt der Heimatsprachunterricht für Ali Riza und die Koranschule. "Wir kriegen das alles schon unter einen Hut", sagt die Mutter.

Aleyna und Ali Riza müssen erst ab der Pubertät beten. Doch Aleyna geht samstags schon freiwillig zum Mädchentreff. Dort wird den Kindern der Koran beigebracht. Ali Riza ist mit seinen neun Jahren noch nicht so interessiert an Glaubensdingen. Zwar geht er oft und gerne mit seinem Vater in die Moschee. Das Wichtigste ist für ihn aber der Kiosk nebenan. Dort kauft er Bildchen von Comicfiguren. Das ist sein großes Hobby neben der Playstation.

Autor Kilian Treß ist Redakteur der Rheinischen Post. In der Serie "Glaube und Gewalt" wird der Trierische Volksfreund in den nächsten Wochen weitere Essays, Berichte und Reportagen zu diesem Thema veröffentlichen.