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Das Monster namens Liebe

Das Monster namens Liebe

Drei Tänzer aus Syrien, drei Tänzer aus europäischen Ländern. Drei Geschichten, aus zwei Kulturräumen. Ein begeistertes Publikum bei der Premiere.

Trier. Am Anfang war nur Gott. Er kroch in einem weißen, überlangen Derwisch-Rock über den blanken Boden. Hinter ihm wartet die Menschheit in einer Blase aus durchsichtigem Tuch auf ihr Entstehen. Was folgt, ist die bekannte Geschichte: Die Menschen wenden sich ab von Gott, werden verängstigt durch die Kulturflut, flüchten sich letzten Endes wieder zu Gott. Dazwischen winkt die Liebe als einziger verheißungsvoller Ausweg aus Einsamkeit und Verlorenheit. Sie verspricht vereinzelte Momente des Glückes, allerdings kein Happy End.
Gott ist in dem Fall der syrische Tänzer Maher Abdul Moaty, die Menschheit wird repräsentiert durch seine Kollegen Ranim Malat, Baptiste Hilbert, Catarina Barbosa, Daniel Medeiros und Saeed Hani. Letzterer ist der Choreograph des Stückes "One Night Stand", das am Donnerstag Premiere im großen Saal der Tufa feierte. Der Saal: ausverkauft. Die Zuschauer: gebannt. Am Ende: Standing Ovations. Die Geschichte rund um Liebe, (Homo-)Sexualität und kulturelle Unterschiede ist dicht gewebt, Leid und Glück der Protagonisten übertragen sich spielerisch auf das Publikum. Was gezeigt wird, ist wahrhaftig und ungeschönt, ohne rosarote Brille, dabei aber dennoch zart und liebevoll. Und wird somit zu einem Parabelstück über Akzeptanz, Homophobie, Freiheit, aber auch gegenseitige Verantwortung für das Glück des anderen. Hani überzeugt als homosexueller arabischer Ehemann, der nackt vor dem Spiegel wie eine Frau posiert, das Geschlechtsteil zwischen die Beine geklemmt. Ergreifend und sinnlich umgesetzt ist die Liebesnacht mit Tänzerkollegen Daniel Medeiros.
Hilbert und Barbosa repräsentieren den europäischen Umgang mit Liebe und Sex. Barbosa als selbstbewusste Frau, die sich ihres "Marktwertes" bewusst ist und ihn wunderbar kühl und hüllenhaft einsetzt. Unverbindlichkeit ist die Devise des One Night Stands. Entsprechend groß ist die Unsicherheit. Hilbert als männlicher Gegenpart kommt mit dieser nicht zurecht, sein Hahnenkampf um die Gunst des Weibchens muss in die bindungslose Leere greifen. Ranim Malat als Verkörperung der arabischen Frau wird der Moment der körperlichen Liebe mit einem Fremden zu einem Todesurteil. Ihren letzten Weg geht sie gemeinsam mit Gott, dem Moaty ein wunderbar frisches Gesicht gibt. Ein Gott, wie ihn die Welt kennt: im wahrsten Sinne des Wortes teilnahms- und verständnislos, was ihn wiederum hilflos im Angesicht des menschlichen Begehrs macht.
Am Ende bleibt jedoch nur die Rückkehr zu ihm. Der Ausweg Liebe ist zum Monster namens Liebe geworden, das die Menschen in Unglück stürzt. Hani und seine Tänzer aus Syrien, Portugal, Belgien und Brasilien erzielen mit ihrem Stück eine Gegenwirkung zu seinem Namen: Ein Stück mit Nachwirkung und etwas, was man durchaus zweimal tun kann. sbra