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Das Pfeifen im dunklen Wald

Das Pfeifen im dunklen Wald

Nicht alle Tage besucht ein Kulturstaatsminister die Stadt und stellt sich der öffentlichen Debatte. Etwa einhundert Besucher kamen ins Theaterfoyer, um Bernd Neumann zu treffen, den obersten Kulturchef der Bundesregierung.

Trier. Es ist die Crux von Debatten über den Stellenwert von Kultur, dass sich an ihnen meist nur Menschen beteiligen, für die Kultur einen hohen Stellenwert besitzt. Und sollten tatsächlich auch andere da sein, dann melden sie sich nicht zu Wort - wer will sich schon gern im Kreis der Eingeweihten als mutmaßlicher Banause outen.
So tritt ein zwiespältiger Effekt ein: Die Kulturbeflissenen gehen mit dem schönen, aber völlig irrigen Gefühl nach Hause, Teil einer allumfassenden Bewegung zu sein. Und zur gleichen Zeit werden an anderer, wirklich entscheidender Stelle schon die nächsten Budgetkürzungen für die Kultur in die Wege geleitet.
Auch die CDU-Veranstaltung mit Kulturminister Neumann leidet unter diesem Phänomen. Alle sind sie gekommen, die Intendanten von Theater und Festivals, die Vertreter von Tufa und Landesmuseum, die Chefs der großen Chöre, vereinzelt auch mal jemand, der aussieht, als gehörte er zur Zielgruppe "junge Kreative". Kurzum: Alle, die etwas zu verlieren haben, wenn bei der Kultur gestrichen wird.
"Unsere Stadt ist bankrott", sagt der CDU-Bundestagsabgeordnete Bernhard Kaster, der den einflussreichen Fraktionskollegen nach Trier geholt hat. Da müsse man auch über das Thema Kultur reden. Kaster ist vorsichtig. Er muss den Spagat hinbekommen zwischen den gediegenen Kulturfans in seiner Partei und der wachsenden Gruppe, die man unter der Hand "Kunstrasenplatz-Fraktion" nennt und die den bildungsbürgerlichen Konsens längst aufgekündigt hat - übrigens nicht nur bei der CDU.
Wann geht\'s ans Eingemachte?


Theaterintendant Gerhard Weber und sein Pendant Hermann Lewen vom Mosel Musikfestival, die man um Statements gebeten hat, geben sich vergleichsweise zahm. Weber fordert mehr Engagement der Landkreise und der Wirtschaft für sein Haus. Man habe alle Sparmaßnahmen mitgetragen, "aber wenn es weitere Kürzungen gibt, wissen wir nicht mehr weiter. Dann geht es ans Eingemachte".
Hermann Lewen will die Kultur endlich als Pflichtaufgabe im Gesetz verankert wissen, "damit sie keine Aufgabe mehr unter ferner liefen ist". Und weil er gerade dabei ist, will er allen Schülern mindestens zwei Sinfoniekonzertbesuche pro Jahr verordnen, freiwillig oder nicht. Da wird beifällig genickt im Saal.
Und dann kommt der Minister. Dass er als Lobbyist in Sachen Kultur durch die Lande zieht, liegt in der Natur seines Jobs. Sparen bei der Kultur? Völlig ausgeschlossen, sagt Neumann. Braucht man wirklich alle 150 Theater, alle 130 Orchester, alle 6000 Museen im Lande? "Ja, ja und noch mal ja", sagt Neumann, "alle". Kultur und Bildung sei halt die Basis von allem, da verbiete sich jede Kürzung. Die sei ohnehin sinnlos, weil für die Kultur viel zu wenig ausgegeben werde, um mit den eingesparten Summen einen ernsthaften Beitrag zur Haushaltssanierung zu leisten. Ob die Kultur nicht auch an der Effektivität der eigenen Strukturen und an einer sinnvollen Verteilung der Mittel arbeiten muss? Kein Wort in diese Richtung. Die kritischen Autoren des Buches "Kulturinfarkt"? "Verrückte gibt es überall", sagt Neumann. Weniger als ein Drei-Sparten-Theater für eine Stadt wie Trier? Das sei "für mich gar nicht erst diskutabel".
Kritik vom Jugendparlament


Da verweist er lieber ein übers andere Mal auf sein eigenes Milliardenbudget, das er gegen alle Sparwünsche verteidigt hat, "als einziger Kulturminister in Europa". Triers Generalmusikdirektor Victor Puhl schaut etwas ratlos, droht doch seine erfolgreiche "Weltmusik"-Reihe gerade den Sparzwängen zum Opfer zu fallen. Da geht es um ein paar Tausend Euro. Seinem Tanztheater-Kollegen Sven Grützmacher hat man das Ausstattungsbudget für das "Narrenschiff" zusammengekürzt, Technikchef Jörg Debbert fährt die hochsensible "Evita" an einem Mischpult, wie es auf jeder Kirmes steht. Die Realität in Berlin ist von der in Trier wohl doch ein Stück entfernt.
Das wird besonders deutlich, als sich Philipp Lang zu Wort meldet, Sprecher des Trierer Jugendparlaments. Er setzt die Sparauflagen für die Kultur ins Verhältnis zu den gekürzten Budgets der Trierer Sozialeinrichtungen und fragt sich, "wie viel Kultur wir uns da noch leisten dürfen". Selbst CDU-Veteran Horst Langes, ausgewiesener Kulturfan, befindet, "dass ein ,Weiter so\' nicht die richtige Strategie sein kann".
Doch das ficht den Gast aus der Hauptstadt nicht an. Neumann wirkt authentisch, argumentiert mit Herzblut. Aber seine trotzige "Wir weichen keinen Millimeter"-Position weist so gar keinen Weg aus der verfahrenen Situation der Kultur in den Kommunen in der Republik. Erst recht nicht für Städte wie Trier.Extra

Gute Nachricht für die Abtei St. Matthias in Trier: Kulturstaatsminister Neumann hat eine Förderung der Renovierung des historischen Kreuzgangs in Aussicht gestellt. Es handele sich um ein "national relevantes Bauwerk", sagte der Politiker, deshalb werde man sich "maßgeblich an der Sanierung beteiligen". Allerdings müsste sich wohl auch das Land an der Finanzierung der benötigten vier Millionen Euro beteiligen. DiL