Das Philharmische Orchester der Stadt Trier rüstet sich für die Zukunft.

Kostenpflichtiger Inhalt: Theater : Auf der Suche nach dem Publikum von morgen

Der Applaus ist verklungen: Mit Anton Bruckners siebter Sinfonie hat das Philharmonische Orchester der Stadt Trier seinen 100. Geburtstag gebührend gefeiert und viele Lorbeeren geerntet. Doch die Musikerwelt verändert sich. Wie muss sich das Orchester weiter entwickeln, um erfolgreich zu bleiben?

Musiker fallen irgendwie aus dem Rahmen. Statt dem Zeitgeist zu frönen und so viel Freizeit wie möglich zu genießen, arbeiten sie immer dann, wenn andere Feierabend haben. Sie verschreiben sich ihrem Beruf mit Haut und Haar, um dem Publikum etwas von dem zu vermitteln, was sie selbst empfinden: „Musik kann so viel. Sie verbindet, sie tröstet, sie beschwingt, sie ist grenzenlos und kann in eine andere Welt eintauchen lassen“, sagt Lea Kottner-Entschev, stellvertretende Konzertmeisterin im Philharmonischen Orchester der Stadt Trier.

Seit 100 Jahren funktioniert dieses Konzept. Denn genau so lange spielt das Philharmonische Orchester für seine Zuhörer und zwar mit Erfolg. Mit 88,45 Prozent kann sich die Gesamtauslastung im Bereich Konzert in der vergangenen Spielzeit absolut sehen lassen. Eigentlich könnte es doch genau so weitergehen, oder?

Die Orchestergröße

Das Philharmonische Orchester der Stadt Trier ist ein C-Orchester. Von 56 Planstellen sind 48 dauerhaft besetzt. In Deutschland gibt es insgesamt 129 Berufsorchester: 82 Theaterorchester,  28 Konzertorchester, acht öffentlich finanzierte Kammerorchester und elf Rundfunkorchester. Sie sind in sieben verschiedene Tarifgruppen von A bis D unterteilt, die sich nach der Mindestzahl der Planstellen im jeweiligen Orchester richten. D ist die kleinste Gruppe, A die höchste. In Deutschland gibt es lediglich sieben C- und sechs D-Orchester, die öffentlich finanziert sind.

Das Trierer Orchester wurde unter der Ägide des damaligen Generalmusikdirektors István Dénes  2007/2008 von der Tarifgruppe D auf C hochgestuft, allerdings ohne die damit verbundene Aufstockung um acht Stellen. Warum?

Generalmusikdirektor (GMD) Jochem Hochstenbach erklärt: „Ich habe ein bestimmtes Budget und  mit dem plane ich die Konzerte.“ Um zusätzlich acht Stellen zu finanzieren, bräuchte er ein höheres Budget. Das hat er nicht und wird es wohl auch in Zukunft nicht erhalten, denn die Stadt Trier muss sparen. „Für größere Konzerte engagiere ich Solisten und Aushilfen. Die Frage ist, was kann ich mit 48 Leuten das ganze Jahr über spielen?“

Das Pensum

Acht Sinfoniekonzerte geben die Trierer Philharmoniker, vier „Klassik um elf“-Konzerte, drei „Mixed Zone“-Konzerte, vier Familienkonzerte, vier Mal lädt die Concert Lounge ein. Hinzu kommen diverse Sonderformate vom Weihnachtskonzert bis hin zum beliebten Picknickkonzert sowie Kammerkonzerte und Liederabende in wechselnden Formationen. Zusätzlich begleitet das Orchester die Musiktheaterproduktionen.

Das Repertoire

Abwägen, Prioritäten setzen, Kompromisse schließen und geschickt planen muss Hochstenbach, wenn es um den Spielplan für die Sinfoniekonzerte und das Musiktheater geht. Mit Operndirektor Jean-Claude Berutti gestaltet er gemeinsam den Opernspielplan, wobei Intendant Manfred Langner stets das letzte Wort hat.

Hochstenbach geht pragmatisch vor. Er weiß, Wagner zu spielen, wäre höchst unrealistisch. Zu teuer. Aber der „Rosenkavalier“, der im April 2020 Premiere feiert, ist durchaus machbar, auch wenn er dafür Aushilfen bei Bläsern und Streichern braucht. Da gilt es abzuwägen: „Wenn man Opern dazu kombiniert, die nicht so groß besetzt werden, kann man auch mal einen Rosenkavalier stemmen.“

Genauso funktioniert das System auch bei den Sinfoniekonzerten. Statt üppig instrumentierte Mahlersinfonien bietet er dessen Kindertotenlieder, statt Strawinksys „Sacre du Printemps“ die „Symphonies of Wind Instruments“. Dafür kann er für die „Pathétique“ von Tschaikowsky die benötigten Streicher dazukaufen. „Ich muss immer sehen, was passt. Da muss man einfach Prioritäten setzen.“

Die Qualität der Musiker

Angst, dass sich für sein C-Orchester keine wirklich guten Musiker bewerben, muss Hochstenbach nicht haben. Im Gegenteil. „Das Niveau ist gestiegen. Die Konkurrenz aus dem östlichen Teil der Welt hat zugenommen. Davon profitieren wir.“ In jüngster Zeit hat das Orchester  von jungen Musikern Verstärkung bekommen. Die Auswahl ist tatsächlich groß. „Es gibt Leute, die haben bereits 50 Mal vorgespielt, bis sie hier landen. Orchesterstellen sind sehr begehrt. Nach einem Jahr Probezeit ist man nicht mehr kündbar.“ Paradiesische Zustände für viele ausländische Musiker, denn wo gibt es sonst noch  so viele Berufsorchester? Rund ein Viertel aller weltweit existierender Berufsorchester haben ihren Sitz in Deutschland.

Weichen für die Zukunft

„Ich bin Optimist“, sagt Hochstenbach. „Unser wichtigstes Ziel ist, dass das Orchester als wichtiger Bestandteil in der Gesellschaft und in der Stadt Trier verankert sein soll.“

Kein leichtes Unterfangen. Trotz der großen Beliebtheit des Orchesters werfen viele Zeitgenossen immer wieder die Frage nach dem Sinn und der Finanzierbarkeit eines solch großen Apparates auf. „Wir kommen aus dem analogen Zeitalter. Das macht die Kunst aus. Heute wird aber alles immer billiger, um konkurrenzfähig zu bleiben. Orchester waren aber schon immer teuer und klassische Musik bleibt eine Angelegenheit für die Minderheit.“

Dennoch. Gottergeben abzuwarten wie sich die Lage entwickelt ist seine Sache nicht.  Seit einem Jahr hält Carola Ehrt die neugeschaffene Stelle einer Orchesterpädagogin inne. Sie soll junges Publikum fürs Orchester und klassische Musik begeistern. Das macht sie und zwar mit Leidenschaft: „Eine Studie des Kulturwissenschaftlers Martin Tröndle von 2018 sagt, dass es 75 Prozent Nicht-Besucher gibt. Immens viele Kinder sind noch nie mit klassischer Musik in Berührung gekommen. Daher überlege ich, wie ich den Erstkontakt schaffe“, sagt Ehrt. Den hat sie in Schulen und Kindergärten gefunden. Die Resonanz sei  hervorragend.

Groß war die Freude, als bekannt wurde, dass das Philharmonische Orchester  im  Rahmen des Bundesprogramms „Exzellente Orchesterlandschaft Deutschland“ gefördert werde. Teil des Projektes ist das Auftragswerk „Das Tier von Trier“ (Premiere am 1. Dezember),  in dem Kinder und Jugendliche ohne Nähe zur klassischen kulturellen Bildung gemeinsam ein eigens für sie, mit ihnen und von ihnen komponiertes Werk aufführen.

Hemmschwellen niederreißen und neue Publikumsschichten erschließen, will Generalmusikdirektor Hochstenbauch auch mit seinem Format „Concert Lounge“ und zwar höchstpersönlich. „Ich versuche für jedes Niveau, die Stücke zu erklären. Ich zeige was auf dem Klavier, sage was zu den Komponisten. Dabei sind die Musiker in Alltagskleidern. Zum Anfassen also.“ Junge Generationen motivieren, sich mit klassischer Musik zu beschäftigen will er auch mit dem Orchesterfest einmal im Jahr. „Es ist unglaublich schön, Musik zu genießen. Wir geben den Menschen die Gelegenheit dazu.“

Schlusswort

Jochem Hochstenbach malt  die Zukunft des Philharmonischen Orchesters Trier nicht rosig, dafür ist er zu sehr Realist.  Aber das Orchester habe „einen höchst lebendigen Willen zur Veränderung, viel Freude an seiner Arbeit und ungewöhnlich viel Gemeinschaftssinn. Wunderbare Voraussetzungen für Weiterentwicklung, Erneuerung und musikalische Entdeckungen“. Beste Voraussetzungen für die nächsten 100 Jahre Philharmonisches Orchester der Stadt Trier.

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