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Das Pokern geht weiter

Das Pokern geht weiter

FRANKFURT. Als der Direktor der Frankfurter Buchmesse, Volker Neumann, Mitte Januar seinem Ärger über zu hohe Preise für Standmieten und Hotelzimmer Luft machte und offen München als Alternativstandort für den weltweit größten Treff der Buchbranche nannte, wusste niemand so genau, ob er wirklich nur bluffte.

Der Aufschrei in kulturellen und politischen Kreisen ließ nicht lange auf sich warten: "Die Buchmesse gehört in die Stadt der Weisheit und nicht in die Stadt der Weißwurst", dichtete der hessische Ministerpräsident Roland Koch entrüstet, vom "kulturellen GAU" für die Stadt Frankfurt war die Rede, man trete die 54-jährige Tradition des Standorts Frankfurt mit Füßen, und auch der Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki sprach sich entschieden gegen einen seiner Ansicht nach "leichtfertigen und falschen" Umzug an die Isar aus. Andere Städte wurden sofort hellhörig. Neben dem Alternativstandort München kamen auch noch Köln, Berlin und Hannover ins Spiel. Köln unterbreitet derweil ganz konkrete Vorschläge bezüglich der Nutzung von Theatern und Parks, und im Berliner Senat wird die Buchmesse bereits als "superdicker Fisch" angesehen.Mit so einer Veranstaltung spielt man nicht

Trotz des regen Interesses der Konkurrenz Frankfurts bleibt man jedoch zurückhaltend. Denn obwohl Neumann bekundet, ein Umzug könne "der gesamten Branche einen neuen Schub" verleihen, ist klar, dass es vor allem um finanzielle Fragen geht: "Wir sind eine Wirtschaftsveranstaltung", sagt der Pressesprecher der Buchmesse, Holger Ehling, und weist darauf hin, dass es ja nicht umsonst "Frankfurter Buchmesse und nicht Frankfurter Literaturfest" hieße. Gleichzeitig wird er nicht müde zu betonen, dass es die "Priorität" der Buchmesse sei, "den Standort Frankfurt zu halten". Um Poker ginge es dabei nicht, "man spielt nicht mit einer Veranstaltung wie der Frankfurter Buchmesse", belehrt Ehling. Es ginge lediglich darum, aufgekommene Missverhältnisse bezüglich der Preise für Hotels und Aussteller gerade zu rücken. Bleibt die Frage, wer die größeren Nachteile von einem Wegzug der Buchmesse aus Frankfurt hat. Oberbürgermeisterin Petra Roth, die zugleich den Aufsichtsrat der Messe-GmbH leitet, kann sich nach dem anstehenden Weggang des international renommierten Ballettchefs William Forsythe und der Schließung der Avantgarde-Bühne TAT keine kulturpolitische Blamage mehr leisten. Die Frankfurter Messe GmbH würde einen ihrer größten Veranstalter verlieren, und die Hoteliers wären der einträglichsten Veranstaltung des ganzen Jahres beraubt.Die Oberbürgermeisterin bleibt optimistisch

Auf der anderen Seite die Vorzüge Frankfurts: die Tradition, die Deutsche Bibliothek, die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Paulskirche. Dazu die nach Ansicht des Sprechers der Oberbürgermeisterin Roth, Gunter Stemmler, absolute Vorrangstellung Frankfurts durch die internationale Erreichbarkeit: "Frankfurt hat so viele Flüge an einem Tag wie München in einer Woche." Auch wenn klar ist, dass "die Stadt, wo die Buchmesse hinziehen würde, dort ein gewaltiges Fass aufmachen würde" (Buchmessesprecher Ehling), ist sich Oberbürgermeisterin Roth sicher, den Standort in Frankfurt zu halten. Ihr Sprecher Stemmler zeigt angesichts der schwierigen Lage der Buchbranche sogar Verständnis dafür, "dass ein neuer Direktor sich darum kümmert, einen Zehn-Jahresvertrag nachzuverhandeln". Ob der vorgestern in der "Bild"-Zeitung dokumentierte Vermittlungsvorschlag Frankfurts (Gratisfahrscheine für öffentliche Verkehrsmittel, Übernahme der Veranstaltung durch die Messe-GmbH gegen Lizenzzahlung) ausreicht, wird sich zeigen. Auch wenn das Pokern noch eine Weile andauert, sollen die Karten und damit die endgültige Entscheidung spätestens im Oktober auf dem Tisch liegen: "Bei der Buchmesse 2003 werden wir den Ausstellern sicher sagen, wo sie 2004 ihre Zelte aufschlagen werden", versichert Ehling. Dass der eigentlich noch sieben Jahre gültige Vertrag, auf den sich Frankfurt beruft, kündbar ist, schwingt dabei wie selbstverständlich mit. Inzwischen hat sich auch Frankfurts früherer Kulturdezernent Hilmar Hoffmann als Vermittler im Streit über die Zukunft der Buchmesse in der Mainmetropole angeboten.