Das Reggae-Sondereinsatzkommando

Das Reggae-Sondereinsatzkommando

TRIER. Sie stehen mit elf Mann auf der Bühne und im Studio, sind die Fahnenträger des deutschen Dancehall-Reggaes und treten am Samstag mit Culcha Candela und Gentleman beim "Tag am See" im Strandbad Losheim auf. Frank Dellé, man nennt ihn "Eased", ist einer der drei Sänger von Seeed – und ein alter Trierer.

Manche Eurer Titel, ein Beispiel ist "Aufstehn", verbreiten absoluten Optimismus. Motto: Die Welt ist doch eigentlich toll, raff dich auf und mach was. Ist das gespielt oder seid Ihr tatsächlich so gepolt?Frank Dellé: Nein, das ist echt. Wir haben wohl ziemlich viel Glück gehabt bisher, damit meine ich ein gutes Elternhaus, eine gute Schulzeit und Erfolg mit der Musik. Darauf basiert die Erkenntnis, dass es uns prinzipiell sehr gut geht, obwohl das Leben manchmal viel Stress und Druck auf dir ablädt. Darüber singen wir schließlich auch. Ihr seid in Euren eigenen Worten ein "mobiles Reggae-Sondereinsatzkommando", das sich an das Konzept der traditionellen Marching Band anlehnt. Reggae, Marschkapelle, Spezialeinheit - wie kam diese Mischung zu Stande?Dellé: Die Grundidee von Seeed war so eine Art rollende Disko: Von einem Wagen aus, nicht auf einer Bühne, spielen wir unser Ding und machen damit alles platt. So viel zu den Themen Mobilität und Sondereinsatzkommando. Reggae wollen wir in seiner kompletten Vielfalt spielen, eben nicht nur die entspannte Take-it-easy-Variante. Es gibt auch Einflüsse aus Rock und Hip-.Hop. Wie verhindert eine elf Mann starke Band, dass die Bühnenshow unübersichtlich wird oder einige Mitglieder im Hintergrund verschwinden und von den Fans nicht wahrgenommen werden?Dellé: Da steckt viel Arbeit drin. Das fängt beim Arrangement an. Wenn elf Leute komponieren, ist es wichtig, dass der Beitrag jedes Einzelnen nicht so groß und dominant wird, dass er die anderen überdeckt oder verdrängt. Wir sehen Seeed als eine musikalische Pfeilspitze. Auf der Bühne ist es nicht anders. Wir wollen uns immer als Band, als eine Einheit von elf Musikern präsentieren. Wir planen deshalb sehr genau, wer wann was macht. Du bist in Berlin geboren, hast aber am Trierer Max-Planck-Gymnasium Abitur gemacht. Wann warst Du zum letzten Mal in Trier?Dellé: Weihnachten 2005. Meine Mutter lebt noch in Trier, wird aber bald nach Berlin ziehen. Der Seeed-Reggae kommt offenbar auch in Afrika, Jamaika oder Trinidad und Tobago an. In Südafrika singen die Fans fehlerlos mit. Ein enormer Erfolg für eine deutsche Band und eine Bestätigung ihrer Originalität und auch Glaubwürdigkeit.Dellé: Das stimmt. Ich glaube, dass solche Ergebnisse nur dann möglich sind, wenn man diese Musik wirklich liebt und versteht. Es ist auch eine Bestätigung, dass Klischees eben nur Klischees sind und mit der Realität nicht unbedingt zusammenpassen müssen. Ein typisches Klischee: Deutsche haben keinen Rhythmus im Blut. Von wegen. Ihr setzt Eure Stimmen wie Instrumente ein und arbeitet gezielt mit Klangfarbe und Diktion. Bei hohem Tempo wird der Zuhörer dabei sehr gefordert. "Ding" muss man wahrscheinlich dreimal hören, bis man alle Strophen intus hat. Sind Texte und Kompositionen Teamwork oder Einzelleistung?Dellé: Jeder schreibt seine eigenen Texte, jeder interpretiert das Thema für sich. Ich gehe an die Dinge zum Beispiel ganz anders heran als Pierre, und das ist sehr gut so. Es kommt auf die Mischung an. Berlin spielt in Euren Titeln sehr oft eine zentrale Rolle. Ehrlich empfunden oder eher künstlerische Freiheit?Dellé: Das ist absolut ehrlich und echt. Ich empfinde Berlin als die internationalste Stadt in Deutschland. Du triffst hier wirklich alles und jeden, kannst vom Kontakt mit vielen Szenen und Kulturen profitieren. Natürlich hat mir früher in Trier mal einer gesagt "Wat willst dau dann en Berlin, dat is doch vill se groß." Klar ist es groß, aber auch ein wahnsinnig tolles und inspirierendes Lebensumfeld, in dem wir uns sehr wohl fühlen und das dann auch in unserer Musik zum Ausdruck bringen wollen. h Das Interview führte TV-Redakteur Jörg Pistorius.